Online: 20.02.2015 - ePaper: 21.02.2015

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die für die ihr früherer Lebensort soweit von Lüchow-Dannenberg entfernt ist wie für Monika und Siegfried Hofmann. Und auch der Alltag ist anders als auf der anderen Seite der Erde. Vom Leben im Wendland sind die beiden aber sehr angetan.

Aus Afrika nach Schnackenburg

ZoomMöglicherweise sind sie die Lüchow-Dannenberger, deren neuer Lebensort am weitesten von ihrem früheren entfert ist: Monika und Friedel Hofmann kommen aus Südafrika, Kater Fiela aus Russland.

Aus Pretoria nach Lüchow-Dannenberg emigriert - und begeistert

tj Schnackenburg. Lüchow-Dannenberg gilt als ausblutende Region. Doch es gibt viele Menschen, die hier leben wollen und nirgendwo sonst. Die EJZ-Serie "Na DAN(N) stellt Menschen vor, die neu nach Lüchow-Dannenberg oder dorthin zurück gezogen sind. Teil 4: Monika und Friedel Hofmann aus Schnackenburg.

 

"Nachdem die Stadt uns eingeschluckt hatte, ist es jetzt herrlich, dass die Dörfer so weit auseinander liegen. Und die Stille..." Was Monika Hofmann sagt, klingt nicht ungewöhnlich für jemanden, der ins Wendland gezogen ist. Doch der Satz hat einen speziellen Akzent: Monika Hofmann und ihr Mann Friedel - Siegfried steht in seinen Papieren - stammen aus dem südafrikanischen Pretoria. Dort haben sie noch Haus und Hof, die sie verkaufen wollen. Siegfried Hofmanns Vater hat das Haus in den 1960er-Jahren gebaut, damals war der Frankenhof eine Farm auf dem Land. In Schnackenburg hängt ein Gemälde von Monika Hofmann, die Kunst studiert hat: eine Allee. Eichen, Fichten, Jacarandas, Akazien. Heute liegt der Frankenhof in einem Viertel der südafrikanischen Hauptstadt.

Weite und Stille, das sind zwei Dinge, die das neue Leben der Hofmanns in der kleinsten Stadt Niedersachsens prägen. Aus einem der großen Fenster schaut gerade ein rotbrauner Kater mit dem südafrikanischen Namen Fiela auf die Aland-Niederung, nachts höre man allenfalls Tausende Wildgänse, erzählt das Ehepaar, das drei Söhne hat. Das Haus ist ein Fachwerkgebäude, das neu und alt gelungen verbindet. Viel Licht, viel Holz. Das heißt Erinnerungen. Auch die Räume im Frankenhof sind vom Holz dominiert. "Als wir es betraten, wussten wir: Jetzt wird es ernst", erinnert sich Monika Hofmann an die erste Besichtigung in Schnackenburg. "Das Haus passt zu uns, wir passen in die Umgebung." Dennoch sei es ihnen sehr schwer gefallen, das Anwesen der Familie in Südafrika aufzugeben. "Es war für die nächsten Generationen gebaut", sagt Friedel Hofmann.

Aber Stadt, das heißt, nicht nur im Fall Pretoria, in Südafrika Probleme. Bis heute heiße es, "die Apartheid ist schuld". Korruption, Armut, der Verfall des Gesundheitswesens. Dazu kämen zahlreiche illegale Immigranten, die kaum Jobs finden. Und: Kriminalität. Mehrere Freunde und Bekannte der Hofmanns sind Opfer von Raubüberfällen geworden, ein "guter alter Freund" in der direkten Nachbarschaft wurde ermordet, ein Paar, das in der Nähe lebt, von Einbrechern gefoltert. "Irgendwann kann man damit nicht mehr umgehen", beschreibt Monika Hofmann ihre Angst. In Südafrika gebe es 17000 Morde pro Jahr, in Deutschland 280, hat sie Zahlen parat. Die Polizei habe die Situation nicht mehr im Griff, die unerfüllten Versprechungen an die Schwarzen nach dem Ende des Apartheidregimes hätten "für böses Blut gesorgt", auch wenn 1994 "wirklich guter Wille" auf beiden Seiten gewesen sei. "Die Politik macht alles kaputt", sagt Friedel Hofmann. Jacob Zuma (der amtierende Präsident Südafrikas), ergänzt seine Frau, "lässt alles geschehen, übernimmt keine Verantwortung, ich denke, er freut sich sogar, wenn die Weißen gehen." Er entwickele sich immer mehr wie Robert Mugabe, der diktatorische Präsident des Nachbarlandes Zimbabwe.

"Die Situation in Südafrika ist wie auf der Titanic, entweder ins kalte Wasser springen oder mit untergehen", beschreibt Monika Hofmann. Viele seien bereits ausgewandert. Dabei hätten sie selbst durchaus Schuldgefühle wegen ihrer Emigration gehabt - obwohl sie andererseits das Bewusstsein hätten, die Energie der aktiven Jahre ihres Lebens in das Land gesteckt zu haben. Beide Hofmanns sind in Pretoria geboren, ihre Familie war aus Ostfriesland ins Land gekommen, seine aus Franken. Kontakt zu Deutschland hatten sie deshalb immer, aber nie das Gefühl gehabt, "hier zu Hause zu sein". Heute ist das anders. Monika Hofmann: "Wir merken, wir sind Europäer. Südafrika war ein bisschen ein künstliches Europa ... und wird jetzt Afrika."

Friedel Hofmann war früher Lehrer, für Sprachen. Als er 1999 seine Stelle an einen Schwarzen abtreten musste, hat er nach drei Jahren Arbeitslosigkeit zwölf Jahre im Tourismus gearbeitet, erzählt er. Auch diese Biografie sei ein Grund, warum das Gefühl "hier ist keine Zukunft" in Südafrika immer stärker geworden sei. Und indirekt dafür, warum sich das Ehepaar für Lüchow-Dannenberg als neuen Lebensort entschieden hat. Der Rand ist eine schwache Währung, eine soziale Absicherung wie in Deutschland haben sie als Südafrikaner nicht, leben vom Vermögen. So waren die Lebenshaltungskosten ein Grund für die Wahl. "Wir sind Penny-Käufer", sagt Friedel Hofmann und grinst. In den Regalen stehen aber auch Dinge wie Kipjes-Cracker oder Marmite-Paste, die in Deutschland nicht alltäglich sind. Mitgebracht.

"Gott hat es gut gefügt", sagt Monika Hofmann. Denn bei den pragmatischen Gründen für das 2014 begonnene Leben in Lüchow-Dannenberg ist es nicht geblieben. Da ist zum einen die Landschaft, auch wenn, wie Friedel Hofmann es beschreibt, "die Naturträume, die es hier gibt, meiner afrikanischen Seele noch fremd sind." Da ist die Kultur: Monika Hofmann malt, wird auch ausstellen. Für beide spielt Musik eine große Rolle. Zu Ostern habe er in Südafrika immer "Christ ist erstanden" vor dem Haus auf der Trompete gespielt, sagt Friedel Hofmann, und sich riesig gefreut, als er das nun vom Turm der Schnackenburger Kirche tun konnte. Beide singen gerne, sie wundern sich, dass in Deutschland die Volkslieder so wenig gepflegt werden, "als ob es das gar nicht gibt". Unter den aus Deutschland stammenden Südafrikaner sei das ganz anders, "wir kennen Volkslieder, jede Menge".

So singen die Hofmanns im Gemischten Chor Schnackenburg. "Für uns ist das ein Gemeinschaftstreff, bei dem auch gesungen wird", sagt Siegfried Hofmann. Solches Engagement sei auch ein Weg mit dem "Kulturschock" umzugehen, mit dem das Paar gerechnet hat: "Geht raus, macht mit", hätten Freunde geraten. Und diese Haltung war die richtige. "Es ist fantastisch, wie uns die Menschen aufgenommen haben", ist ihr Fazit, "sie gehen auf uns zu, sind offen, man kommt sich langsam näher."

Singen tun beide auch in in der Kleinen Kantorei Gartow, "eine Herausforderung", nennt Friedel Hofmann den Chor. "Kultur ist ganz schön, aber Singen soll Gotteslob sein", beschreibt Monika Hofmann ein wichtiges Motiv. In Südafrika "waren alle in unserem Umfeld, die Deutsch sprechen, in der Kirche". Der Glauben werde dort nach der Apartheid intensiver gelebt: "Wer dort heute noch in der Kirche ist, ist es, weil er sich gefragt hat, was Gott uns sagen will und wirklich Christ geworden ist. Diese Art von Glauben vermissen wir hier." Manchmal, zu Weihnachten etwa, habe sie den Eindruck gehabt, dass "ein Süßes-essen-Wollen, dem die Tiefe fehlt" dominiert .

Das ist ein Unterschied zwischen Südafrika und Deutschland. Nicht der einzige. "Die Nähe ist Mehr", sagen die beiden übereinstimmend über das ferne Land, in dem sie bisher gelebt haben. "Du sagen, sich anfassen, das ist normaler." Und ja, manchmal gebe es in Deutschland das Gefühl, "wir sprechen dieselbe Sprache, aber wir verstehen uns nicht unbedingt." Doch letztlich sei eine andere Erfahrung mit dem Wendland prägend: "Die Menschen haben uns mit offenen Armen aufgenommen."

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