Online: 27.02.2015 - ePaper: 28.02.2015

Entschleunigung ist der zentrale Begriff für die Wendland-Erfahrung des Ehepaares Schrader, das aus der Großstadt nach Gartow gekommen ist.

Ein Neuanfang in Gartow

ZoomCarola Stein und Siegbert Schrader haben im Alter einen großen Schritt gewagt und sind von Hamburg aus in ihr neu gebautes Haus in Gartow gezogen. Dort fühlen sie sich pudelwohl und genießen die Weite der Natur.

Carola Stein und Siegbert Schrader sind aus Hamburg ins Wohnprojekt Buchhorst Garten gezogen

bp Gartow. Lüchow-Dannenberg gilt als ausblutende Region. Doch es gibt viele Menschen, die hier leben wollen und nirgendwo sonst. Die EJZ-Serie "Na DAN(N)" stellt Menschen vor, die neu nach Lüchow-Dannenberg oder dorthin zurück gezogen sind. Teil 5: Siegbert Schrader und Carola Stein aus Gartow.

 

Carola Stein und Siegbert Schrader haben ihn gewagt: den Neustart in Gartow. Mit um die 60 haben sie einen neuen Lebensabschnitt begonnen, haben ein Haus gebaut, sind aus Hamburg weggezogen. Das Ehepaar hat es sich genau überlegt. Monatelang.

Seit Januar ist Siegbert Schrader Rentner. Das war ein Grund, den Schritt zu gehen. Der gebürtige Braunschweiger hat beim NDR als Service-Ingenieur gearbeitet, hat das Tagesschau-Studio technisch betreut. Spannend war das, aber auch oft hektisch, auf die Minute musste alles funktionieren. Mit der Hektik ist es für den 63-Jährigen nun vorbei. Und zwar so richtig.

Entschleunigung. Das ist für beide ein ganz neues Gefühl. Ihr Lüchow-Dannenberg-Gefühl schlechthin. "Es fühlt sich gut an", sagt Carola Stein. Weit weg sind die Hamburger Menschenmassen. "Wenn wir jetzt nach Hamburg kommen, dann fällt uns auf, wie gehetzt die Menschen sind", sagt die 56-Jährige. Kontakt zu Menschen zu bekommen, das sei in ihrer neuen Heimat leichter. "In der Stadt sind die Massen, aber die Menschen nehmen sich kaum wahr", sagt Schrader. Jetzt würden sie schon fast mehr Menschen kennen als in ihrer alten Heimat. "In Lüchow-Dannenberg gibt es eine interessante Mischung von Leuten", finden beide, die Menschen seien aufgeschlossen, "nicht so abweisend", es gebe gegenseitige Unterstützung. Beinahe fasziniert erinnert Schrader sich daran, jahrelang in Hamburg gelebt zu haben, ohne kaum jemanden in der Nachbarschaft mit Namen gekannt zu haben. Das ist jetzt anders. Nicht zuletzt, weil die beiden im Gartower Wohnprojekt Buchhorst Garten leben. Gemeinsam, aber jeder für sich zu wohnen, autofrei, ökologisch - das ist dort möglich. Carola Stein hatte diese Idee von Anfang an begeistert. Durch Zufall hatte sie davon erfahren, als sie die Frau eines Projekt-Begründers in der Reha kennenlernte. Sie war neugierig, weil sie, in Lüneburg aufgewachsen, das Wendland bereits von Ausflügen, "vom Pilze- und Beerensammeln", kannte und mochte. Sie schaute sich das Projekt an. "Es war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sie sich. "Bei mir hat es etwas gedauert", sagt ihr Mann.

Kein Wunder, schließlich galt es, ein Haus zu bauen, denn das ist Grundvoraussetzung für das Wohnen in dem Projekt. "In unserem Alter überlegt man sich das, der hohe Aufwand stand für mich erstmal dagegen", betont Schrader. Doch er ließ sich überzeugen.

Viel schneller als gedacht ging der Verkauf ihres Hauses in Hamburg vor einem Jahr über die Bühne. Für die letzten Monate im Arbeitsleben mietete Schrader eine kleine Wohnung in der Stadt, gemeinsam zogen die beiden zur Miete übergangsweise nach Wirl. Seit September vergangenen Jahres wohnen sie in Gartow.

Und sind überrascht, wie gut sich das angelassen hat. "Es ist erstaunlich, wie schnell man hier seine Wurzeln geschlagen hat", findet er. "Wir fühlen uns rundherum wohl", sagt sie. Das liegt sicher auch daran, dass die beiden drei Hunde haben, zwei Welsh Springer Spaniel und eine Spitzmischung. Direkt am Wald lebt es sich für Herrchen, Frauchen und Hunde allein schon deshalb angenehmer als in der Stadt. Das gilt besonders für Carola Stein, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Berufsschullehrerin, sondern freiberuflich als zertifizierte Hundetrainerin arbeitet: "In Hamburg lief das richtig gut, jetzt versuche ich, damit hier auch einen Fuß in die Tür zu bekommen."

Dass Lüchow-Dannenberg es nicht mit Hamburgs Kulturangebot aufnehmen kann, stört die beiden nicht. "Wir brauchen nicht viel los", ist Stein sicher, und überhaupt: "Hamburg hat zwar ein Riesenangebot, aber was haben wir wirklich gemacht? Wie oft waren wir in der Oper?" Trotzdem stößt ihre Entscheidung bei einigen Freunden und Bekannten auf Unverständnis. "Da ist doch nichts los", denken viele Hamburger. Einer hat sie mal Richtung Gartow gefahren. Sein Kommentar: "Das ist ja nicht am Arsch, das ist im Arsch." Aber was soll’s. Die beiden Neu-Lüchow-Dannenberger zucken mit den Achseln, sie fühlen sich gut, sie fühlen sich frei. Sollen sie doch alle denken, was sie wollen.

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