Online: 17.05.2015 - ePaper: 18.05.2015

Beim Lübelner Mühlengesprächdurfte der Fernsehjournlist Sven Kuntze seine These von der "schamlosen Generation" vertreten: die Älteren, die ihren Kindern die Zukunft ruinieren.

Lübelner Mühlengespräch: Talkshow mit null Erkenntnisgewinn

fk Lübeln. Es war, wie es eben in einer besseren Talk-Show ist. Am Anfang steht eine provokante These, die für Aufregung sorgt, ohne dass ihre Sinnhaftigkeit erwiesen ist. Dann folgen viele wortgewandte Äußerungen, originell formuliert, witzig gar. Am Ende steht der Erkenntniswert: null. Die Rede ist vom Lübelner Mühlengespräch am Freitag. Zu diesen Gesprächen wird seit mehreren Jahren zur Zeit der Kulturellen Landpartie eingeladen. In diesem Jahr durfte der Fernehjournalist Sven Kuntze seine steile These von der "schamlosen Generation" vertreten: die Älteren, die ihren Kindern die Zukunft ruinieren.

Es wurde während des Gesprächs nicht deutlich, wer mit dieser Generation gemeint ist. Einmal hieß es, alle jene seien schuldig, die in den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhundert geboren wurden. Dann wieder war von der Generation der 68er die Rede, die bekanntlich nur einen Teil jener "Vierziger" umfasste. Diese unterschiedlichen Teilmengen wurden den Abend über in der Scheune an der Lübelner Mühle gleichbedeutend gebraucht.

Diese undeutliche gesellschaftliche Größe ist nach den Ausführungen, die an diesem Abend zu hören waren, an vielem schuld. Erst einmal an der Ausbreitung des Neoliberalismus mit allen seinen Folgen, zweitens der Produktion des Atommülls, wahlweise dem Nichtzustandekommens einer Entsorgung, drittens der niedrigen Geburtenrate, viertens dem Ausbleiben einer Lösung für die Klimaveränderung, fünftens für die Erziehung der Kinder, die den Maximen des Neoliberalismus begeistert folgen, sechsten für das Ausbleiben einer Willkommenskultur in Deutschland.

Dieses Kompendium an Schuld kam allein in den ersten anderthalb Stunden des Gesprächs zusammen. Was noch alles an Schuld aufgehäuft worden wäre, wenn, wie Autor Kuntze erklärte, man über das Thema noch bis Mitternacht hätte weiterreden können, lässt sich aus den ersten neunzig Minuten hochrechnen. Wobei ein weiterer Umstand ungeklärt blieb: Ist die Generation der Vierziger weltweit gemeint oder nur die in Deutschland? Hätte also vielleicht von Deutschland aus das Klima gerettet werden können, wenn die 68er nicht so kläglich versagt hätten?

Aber Kuntze hatte auch eine Entlastung dieser Generation, der anzugehören der Autor dieser Zeilen wegen seines Geburtsdatums zerknirscht einräumen muss, bereit. Er ging sogar noch weiter. Der Begriff Generation im Zusammenhang mit der Verantwortlichkeit für die Katastrophen und Ungerechtigkeiten in der Welt sei vielleicht ein wenig unfair, selbst ungerecht. Aber er sei so schön handlich, deshalb bleibe er dabei.

Entsprechend diesem handlichen analytischen Instrumentarium war der Erkenntnisgewinn. Die Generation dieser Älteren beschreibt er als gutsituierte Silberrücken, die es sich in ihrem bürgerlichen Leben bequem gemacht haben und die sich für die Dinge in der Welt nicht verantwortlich fühlen, sich vielmehr auf Kreuzfahrtschiffen tummeln und nur ihr eigenes Wohlleben im Sinn haben. Solche Leute soll es geben. Aber so viel Kreuzfahrtschiffe, um die ganze Generation der Vierziger aufzunehmen, dürften auf allen Weltmeeren zusammen genommen nicht unterwegs sein.

Bedauernd stellte Kuntze fest, dass es für kinderlose Rentner keinen Abschlag von der Rente geben wird. Das ließe sich politisch nicht durchsetzen. Obwohl es richtig wäre. Die zunehmende Zahl von Rentnern, die mit ihrer Rente nicht einmal das Sozialhilfeniveau erreichen, werden es erfreut zur Kenntnis nehmen, verringern sie doch auf diese Weise ihre Schuld. Die Mitdiskutantin Sabine Hantzko, Leiterin eines Seniorenservicebüros in Celle, fragte gegen Ende, ob Kuntze das alles wirklich ernst meine. Ihre leichte Hoffnung wurde enttäuscht, er meint es ernst. Ihr Eindruck, in einer Muppetshow zu sitzen, teilten andere Zuhörer.

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