Online: 18.05.2015 - ePaper: 19.05.2015

An einigen Orten kann man während der Kulturellen Landpartie kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Doch das ist nicht überall der Fall. Vor allem an den Lüchow-Dannenberger Kreisgrenzen, in den Außenbereichen des Wendlands, ist die KLP noch beschaulich. Etwa in Leitstade, oder auch in Tießau. Dort geht es ruhig zu - und das finden die Veranstalter auch gar nicht schlimm.

Ein Blick auf die abgelegenen Orte der Kulturellen Landpartie

ZoomHochpolitisch präsentiert sich schon der Eingang zum neuen Wunderpunkt am Bahnhof Leitstade. Betonpyramiden mit Fotos von Anti-Castor-Protesten sollen sagen: Hier geht es um Gorleben.

 

tl Tießau/Leitstade. Schon von Weitem hört man die zarten Gitarrenklänge. Sonnenstrahlen brechen durch die sich im Wind wiegenden Bäume am Hang des Tießauer Ortseingangs: Italienisches Flair lädt ein zu einem der abgelegensten Wunderpunkte der Kulturellen Landpartie (KLP).

Zwölf Leute haben es sich auf der Terrasse vor Christina Hoffmanns Haus gemütlich gemacht, genießen die wärmenden Sonnenstrahlen und die frische Brise. Ein Windspiel erklingt im Hintergrund aus einem Baum. Zwei Hunde liegen still am warmen Boden. Der Bär steppt dort nicht. Schlimm findet Hoffmann das aber nicht, erzählt sie in ihrer Küche, in der sie Suppe und andere Leckereien anbietet: "Zu uns kommen nicht die Leute, die Strecke machen wollen. Die fehlen mir hier auch nicht. Zu uns kommen die Leute, die genießen wollen", freut sich die Tießauerin. 30 bis 50 Leute, so schätzt Hoffmann, besuchen unter der Woche täglich ihren Wunderpunkt, der sich auf einem Grundstück von rund 6000 Quadratmetern verteilt - in direkter Nähe zur Elbe. "Am Wochenende sind es am Tag 200 bis 300 Menschen." Es sind Besucherzahlen, die Punkte wie Salderatzen oder Kussebode locker an einem Wochentag erreichen und übertrumpfen. Die wenigen Besucher in Tießau stören Hoffmann nicht, ihr gehe es nicht um den Besucherstrom. "So ist es einfach viel persönlicher, man steht sich nicht gegenseitig auf den Füßen." Und so wirkt Tießau mit seinem Hühnereiorakel, einer Schamanin, einer Trommelbauerin, mit Lamas, gedrechseltem Spielzeug und Gitarrenklängen von Oliver Jäger an diesem Tag eher meditativ. Das passt auch zu Christina Hoffmanns ruhiger Art. Sie stellt als Schneiderin in ihren privaten Räumen aus. Besucher in ihrer Küche und ihrem Wohnzimmer? "Das stört mich nicht. Ich habe oft Publikumsverkehr in meinem Haus."

Damit die Leute überhaupt nach Tießau kommen, "versuchen wir, ein möglichst attraktives und abwechslungsreiches Programm zu bieten. Wir müssen schon für unseren Ort werben, zum Beispiel mit vielen Plakaten", weiß Hoffmann um die Abgeschiedenheit Tießaus. Dennoch: "Die Elbuferstraße beschert uns schon den einen oder anderen Besucher." Ein Besuch in Tießau lohnt sich. Nach einer Stunde Rundgang sitzen noch immer dieselben Leute auf der Terrasse und genießen das bisschen Italien unweit des Elbufers.

Einige Kilometer weiter, quer durch die Felder und schließlich gut 1000 Meter durch den Wald, geht's nach Leitstade-Bahnhof. Zugegeben: Das ist nun wirklich kein Ort, den man sich fernab der KLP freiwillig als Ausflugsziel aussuchen würde. Fünf Autos parken am Straßenrand. Wieder kein steppender Bär, noch weniger Besucher als in Tießau. Zwei gelbe Betonpyramiden, beklebt mit Fotos aus Zeiten des Straßen-Protestes gegen den Castor - gefühlt ist das eine Ewigkeit her - zieren den Eingang. Damals steppte in Leitstade mehr als nur ein Bär, lieferten sich Demonstranten und Polizisten regelrechte Schlachten mitten im Wald. Heute ist dort Ruhe. Die Wendlandbahn fährt gerade weiter Richtung Lüneburg, da lächelt Helga Zahn Richtung Gelände-Eingang. "Uns gibt es in diesem Jahr zum ersten mal auf der KLP." Ein neuer Punkt und so abgelegen? "Wir schauen mal, was kommt", sagt Zahn, die Teil des fünfköpfigen Kernteams dieses Wunderpunktes ist. "Dieser Ort ist eigentlich ein Ort, den ein Freund aufbauen wollte, es sollte ein Schmetterlingshaus werden", berichtet Zahn von den Anfängen. "Doch er ist leider sehr jung gestorben. Jetzt haben wir diesen Ort zur KLP fertiggestellt", freut sich Zahn. Für die Gruppe sei dieser Wunderpunkt ein Ort der aktiven Trauer, berichtet Zahn. Man wolle aber auch zeigen, dass Leitstade ein wichtiger und toller Ort sei, an dem es zu Castorzeiten etliche Leute verschlagen hat. "Wir haben Angst, dass man Leitstade irgendwann komplett abschneidet. Noch haben wir den Zug nach Dannenberg und Lüneburg. Das soll auch so bleiben." Buchbindearbeiten, Schmuck, Keramik, Gartenkunst und jede Menge Schmetterlinge aus unterschiedlichem Material zieren den Wunderpunkt. In dem gerade noch rechtzeitig fertiggewordenen schmucken Holzpavillon schauen ein paar wenige Besucher Szenen der vergangenen Protestaktionen an.

Besonders beworben haben sie ihren Ort nicht, "wir hatten auch noch keine Erfahrung mit der KLP", aber es müsse auch erst einmal anlaufen. "Wir wollen hier auch außerhalb der KLP weitermachen", sagt Zahn. Ob sie auch auf der nächsten KLP weitermachen? "Wir würden gerne. Wir wünschen uns aber auch noch ein paar mehr Besucher in Leitstade." Zum Auftakt habe es einen großen Ansturm gegeben, "wir wussten nicht, wo uns der Kopf steht". An diesem Tag sind es vielleicht zehn Besucher, die es gleichzeitig nach Leitstade gelockt hat.

Ob zehn, 30 oder 250 an einem Wochenendtag: Das große Gedränge bleibt in Tießau, Leitstade und einigen anderen abgelegenen Orten in Lüchow-Dannenberg aus. Für KLP-Besucher, die ihre Tour etwas entschleunigen wollen und Gelegenheit zum Entspannen suchen also genau das Richtige.

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