Online: 18.05.2015 - ePaper: 19.05.2015

Ein Ausflug zu neuen KLP-Punkten in Mammoißel, Gühlitz, Schnega, Wibbese, Beseland und Zebelin zeigt ein großes Angebot: von Aktmalerei bis Vogelhäuser gibt es zwischen Elbe und Drawehn alles zu erleben.

Von Aktmalerei bis Vogelhäuser: Ein weiterer Ausflug zu neuen KLP-Punkten

ZoomBei der Arbeit: Ein Jugendlicher der Jugendwerkstatt Zebelin bedient auf dem Gelände eine Wippdrehbank.

bp Lüchow-Dannenberg. Lennart Müllers Haare liegen an diesem Morgen noch etwas durcheinander auf seinem Kopf, als er über den Hof in Mammoißel schlendert. Vielerorts kritisiert man während der Kulturellen Landpartie (KLP) den Wachtumswahn. In Mammoißel singt man ein Loblied auf das Wachstum, wenn auch nicht auf das wirtschaftliche. Mit dem Motto "Wir wachsen, wo wir wollen" ist wohl eher das persönliche Wachstum gemeint, aber auch das des zwei Hektar großen Areals, das munter vor sich hin wuchert, wenn seine Bewohner mal für einen Augenblick die Heckenschere zur Seite legen.

Müller und seine drei WG-Mitbewohner wollten sich bei der KLP "neue Orte auf dem Hof erobern". Das ist gelungen. Es gibt viel zu entdecken, viel Überraschendes, viel Entspannendes. "Wir wollten nicht den x-ten Kunsthandwerker zeigen, sondern Menschen zum Verweilen einladen", skizziert Müller sein Anliegen. Er glaubt, dass das Konzept aufgegangen ist: "Es gibt Leute, die hier fast den ganzen Tag über sitzen und genießen." Während anderswo um 18 Uhr die Rollläden runtergehen, geht es in Mammoißel dann erst so richtig los: "Wir machen erst Schluss, wenn der Letzte geht." Und wenn es dunkel wird, beginnt der Hof dank Lichtinstallationen zu leuchten.

Ruhiger geht es bei Vatula Sonntag in Gühlitz zu. Morgens baut er vor seinem Haus eine Tischtennisplatte auf. Daneben rammt er ein Schild in den Boden: "Anti-Atom-Tischtennis". Den einen oder anderen Gorleben-Bezug, der bei der KLP zu finden ist, als konstruiert zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Was soll's. Sonntag wohnt erst seit einigen Monaten in Lüchow-Dannenberg, hat vorher 25 Jahre in Spanien gelebt. Seine glatt geschmirgelten Holzarbeiten lösen wohl in manchem Betrachter den Drang des Anfassens aus und anders als anderswo, wo "bitte nicht berühren" gilt, ist es dem Künstler nur allzu recht, wenn seine Besucher dem Anfasswunsch nachgeben. Glatt ist das Holz der Skulpturen, die Sonntag als "sinnlich-abstrakt" bezeichnet.

Das Ehepaar Barbara Karsten und Knut Jahn informiert in Wibbese mit Unterstützung der Amadeu-Antonio-Stiftung über Rechtsextremismus und über die Haltung ihres Nachbarn (EJZ berichtete). Die beiden sind überrascht über das große Interesse der Besucher. "Das Informationsmaterial geht so gut weg, dass wir ständig nachlegen müssen", sagt Karsten, bei einem Konzert mit Klaus, dem Geiger, sei ihr Garten voller Leute gewesen, der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) machte Filmaufnahmen für einen Fernsehbeitrag. "Mit so viel Interesse hätten wir nicht gerechnet", ist Jahn verblüfft.

Verblüfft ist auch manch ein Besucher in Schnega. Zum einen vom Namen der Künstlergruppe "rosagarage", zum anderen von deren Leidenschaft: Aktmalerei. Dass es in Lüchow-Dannenberg eine Gruppe von Frauen gibt, die sich wöchentlich ausschließlich mit dieser Kunstform befasst, mag erstaunen. Einige der Frauen haben bereits eigene KLP-Punkte organisiert, sind allesamt "alte KLP-Hasen", wie es Babett Schwaderer ausdrückt, oder alte KLP-Zibben, wie man geschlechtergerecht sagen müsste, zusammen jedoch stellen sie zum ersten Mal aus. Warum ausgerechnet Aktmalerei? "Das ist die Königsdisziplin", erklärt Christina-Ricarda Lange, das Lebendige, die Bewegung und die Natürlichkeit seien die größten Herausforderungen an den Malenden. Im Abbilden der Körper finde "alles Platz, was uns selbst angeht". Und auch für die, die Modell stehen, gebe es einen Profit, findet Schwaderer: "Sie nehmen ein Bad in achtungsvollen Blicken."

Mehr als nur achtungsvolle Blicke erntet Michelle Mohr an ihrem Punkt in Beseland. Die Textilgestalterin hat schon so viele ihrer Sitzkissen verkauft, dass sie nun erstmal nachproduzieren muss. "Es freut mich sehr, dass so viel los ist", sagt Mohr. Nachproduzieren muss Steffi Bendig aus Zebelin nicht. Die gelernte Gewandmeisterin zeigt Herrenbekleidung der 20er-Jahre. Ebenso schick wie maßgefertigt und deshalb nicht erschwinglich genug, um ihr aus den Händen gerissen zu werden. Und warum ausgerechnet die 20er? "Swing ist in den Städten wieder voll in, dafür gibt es eine große Szene", lautet die Antwort.

Eine große Szene gibt es traditionell auch für Hölzernes. Wer der angehört, dürfte ebenfalls in Zebelin, bei der Jugendwerkstatt Küsten fündig werden. Deren bis zu 25 Teilnehmer, die beim Berufseinstieg Hilfe bekommen, fertigen viele Produkte aus Holz: Regale, Vogelhäuser, Stühle, Insektenhotels. In Zebelin stellt die Jugendwerkstatt, die seit Juli vergangenen Jahres in Zebelin beheimatet ist, erstmalig aus. "Für unsere Teilnehmer sind die Vorbereitung der KLP und die KLP selbst eine gute Erfahrung, die bekommen gute Rückmeldung für ihre Arbeit", sagt die Sozialpädagogin Ilka Reuter. Und das gilt schließlich vielfach während der KLP: Sie ist ein Geben und Nehmen.

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