Online: 20.05.2015 - ePaper: 21.05.2015

Am Freitag geht fast die gesamte Kulturelle Landpartie (KLP) nach Gorleben. Die EJZ hat sich vorher mit Wolfgang Ehmke von der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg darüber unterhalten, warum Gorleben noch immer aktuell ist.

Interview zum KLP-Gorleben-Tag: "Jetzt ist die Zeit erst recht reif"

ZoomDie Aktionen der Kulturellen Landpartie konzentrieren sich am Freitag auf Gorleben: Dort findet die Widerstandspartie statt.

KLP: Gorleben-Gegner rufen am Freitag zur Widerstandspartie an den Atomanlagen auf

gel Gorleben. Über Gorleben braucht man nicht mehr zu reden. Es rollen keine Castoren mehr ins atomare Zwischenlager. Eine alternative Endlager-Suche ist bundesweit gestartet. Die Erkundung im Endlager-Projekt Gorleben ist gestoppt.

Über Gorleben muss man nach wie vor reden. Denn keiner weiß, wohin mit den nächsten Castoren. Und weltweit gibt es nach wie vor kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Die Bundespolitik will gerade allein für Gorleben eine Veränderungssperre fortschreiben, die dort auf Jahre hinaus keine anderen Nutzungen zulässt.

Sprechen wir also über Gorleben. Am Freitag konzentriert sich erstmals in der Geschichte die gesamte Kulturelle Landpartie (KLP) auch örtlich auf Gorleben: bei einer Widerstandspartie an den Atomanlagen, dem "wunden Punkt" der Gorleben-Gegner. Die EJZ sprach mit Wolfgang Ehmke (Foto) von der Bürgerinitiative Umweltschutz über diesen Aktionstag.

 

EJZ: Herr Ehmke, warum eigentlich erst jetzt, im 26. Jahr der KLP, einen solchen Aktionstag in Gorleben?

 

Ehmke: Es gab in der Vergangenheit schon mal derartige Versuche, zum Beispiel das karnevalistische "Fahr in die Höh'" rund um die Endlagerfestung. Die Zeit ist gerade jetzt reif, weil außerhalb des Wendlands, vielleicht noch in Niedersachsen und nur bei wenigen Interessierten, die die Nachrichten verfolgen, der Eindruck entstanden ist, Gorleben habe sich bereits erledigt. Wir werden sogar beglückwünscht für unseren Erfolg!

 

EJZ: Ist es nicht so, dass die KLP-Besucher sowieso über die Gorleben-Frage gut informiert sind?

 

Ehmke: Keinesfalls, schön wär's! Ohne die Castor-Transporte und die große mediale Aufmerksamkeit, die wir für unser politisches Anliegen damit jahrelang erfahren haben, ist es schwieriger geworden, über das Atommülldesaster und die aktuellen Entwicklungen bei der Endlagersuche zu informieren. Und dann gibt es da noch die Pilot-Konditionierungsanlage, über die nur noch Insider etwas wissen.

 

EJZ: Was müsste passieren, damit der Freitag aus Ihrer Sicht ein Erfolg wird?

 

Ehmke: Wenn deutlich wird, dass die KLP hier an dem empfindlichsten Punkt, dem wunden Punkt Gorleben, mit dem Anti-Atom-Widerstand verschmilzt, und klar wird, das gehört zusammen.

 

EJZ: Was sollten die Besucher unbedingt erfahren über die Gorleben-Anlagen?

 

Ehmke: Sie sollten wissen, dass eigentlich schon 1983, nach der Auswertung des Tiefbohrprogramms, der Salzstock Gorleben so gut wie aus dem Rennen war. Es gibt den Wasserkontakt, die berühmte "Gorlebener Rinne", es gibt Gas unter dem Salzstock und möglicherweise Gaseinschlüsse. Und es gibt die Skandalgeschichte, wie immer wieder die Sicherheitskriterien an die geologischen Befunde angepasst wurden, nur um hier weitermachen zu können. Für uns ist der Salzstock eben nicht nur politisch, sondern auch geologisch verbrannt.

 

EJZ: Spielt die Besucherzahl eine Rolle - ähnlich wie die Zahl der Demonstranten bei den damaligen Castor-Transporten?

 

Ehmke: Na klar.

 

EJZ: Was aber, wenn der Aktionstag floppt, sagen wir mal: nur etwa 500 Besucher sich dorthin verirren?

 

Ehmke: Dann haben wir was falsch gemacht.

 

EJZ: Was denn?

 

Ehmke: Vielleicht waren wir in der letzten Zeit nicht häufig genug auf der Straße. Aber ich bin mir sicher, das wird das Protestereignis des Jahres mit zwei Musikbühnen, Theaterbühne, Essen, Trinken, Kunst, Kultur, Handwerk und Performance. Die große Unbekannte ist bestimmt nur das Wetter.

 

EJZ: Könnte womöglich der Eindruck entstehen, dass sich der Widerstand am Freitag vor allem selbst feiert?

 

Ehmke: Dagegen hätte ich gar nichts. Denn mit dem "Gorleben-Gefühl" nach Hause zu fahren und dann wieder aufmerksamer zu verfolgen, wie in Berlin mit der Endlagersuche umgegangen wird, wäre schon ein großer Erfolg. Die Zeit für größere Aktionen reift ohnehin in dem Maße, wie deutlich wird, dass man keinen Neustart der Endlagersuche hinkriegt, solange man auf die Fehler der Vergangenheit keinen Deckel drauf macht.

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