Online: 21.05.2015 - ePaper: 22.05.2015

Ausschnitte aus Hardcore-Pornos, spritzendes Sperma, Gruppensex - so etwas hat es während der Kulturellen Landpartie (KLP) bisher nicht gegeben. In Nemitz befasst sich in diesem Jahr erstmals ein Wunderpunkt mit Pornofilmen und erotischer Fesselkunst.

Pornodoku und erotische Fesselkunst auf der KLP in Nemitz

ZoomDer Galionsfigurenbauer Claus Hartmann stellt zwei Exemplare in Nemitz aus. Das auf dem Foto ist leicht bekleidet, ein anderes ist barbusig und dürfte in diesem Zustand nicht auf die Weltmeere entlassen werden, wie an dem KLP-Punkt zu erfahren ist.

"Kopfkino und Sinneslust" in Nemitz ist ein Wunderpunkt, der aus dem Rahmen fällt

bp Nemitz. Ausschnitte aus Hardcore-Pornos, spritzendes Sperma, Gruppensex - so etwas hat es während der Kulturellen Landpartie (KLP) bisher nicht gegeben. Das änderte sich am Mittwochabend, als Wolfgang Schukrafft an seinem KLP-Punkt die Dokumentation "9 to 5: Days in Porn" (was übersetzt soviel bedeutet wie "Alltag in der Pornobranche") zeigte.

Schonungslos, weder anklagend noch glorifizierend, berichtet der Film über die Pornoindustrie, vor allem über das Leben der Darsteller, entzaubert das Klischee vom ewig könnenden Mann und der ewig bereiten Frau. Wer den schwer verdaulichen Film konsumiert hat, dem bleibt allein, was vielen Pornosternchen offenbar ebenfalls allein bleibt: Leere. Die eineinhalb Stunden zeigen eine Branche, die der Welt gibt, was sie offenbar will: die zunehmend brutale, überharte, erniedrigende, lieblose, an Vergewaltigungen erinnernde Darstellung von Sex. Wer den Film sieht, muss schmerzhaft berührt sein über den tendenziellen Zustand der menschlichen Sexualität, auf den der Film schließen lässt.

Während einige Besucher die Arbeit des Filmemachers Jens Hoffmann lobten, vor allem, dass er es geschafft habe, das Vertrauen der Protagonisten zu gewinnen, zeigten sich andere der rund zehn Zuschauer nach der Vorstellung verstört. "Was will uns der Regisseur damit sagen?", fragte einer. Er empfinde eine "Mischung aus schockiert und beleidigt" und stelle sich die Frage, ob da nicht noch mehr sein müsse, meinte ein anderer. Seine Partnerin fand den Inhalt des Films "krank" und charakterisierte die Darsteller als "innerlich leer". Die beiden merkten es so direkt nicht an, implizierten aber die Frage, ob denn so ein Film tatsächlich während der KLP gezeigt werden müsse.

Ja, findet Schukrafft, als Tonmeister selbst ein Mann vom Film, denn es gehe darum, "die Tapete runterzuziehen". Es sei wichtig, vor allem jungen Leute zu zeigen, dass Pornografie Illusion sei und mit realer Sexualität nichts zu tun habe. Es bestehe nämlich die Gefahr, dass sich Jüngere durch den Konsum von Pornos unter Leistungsdruck fühlen oder derartige Darstellungen mit ihrer gelebten Sexualität verwechseln könnten. Diese Botschaft zu vermitteln, das leiste die Dokumentation. Und, dass es in der Pornobranche nur um eines gehe: ums Geld.

Bedenken hatten Schukrafft und seine Partnerin Anette Hermeling-Weskamp auch beim KLP-Rat auszuräumen, denn der hatte ebenfalls Vorbehalte, einen KLP-Punkt mit dem Titel "Kopfkino und Sinneslust" zuzulassen. Das Paar leistete jedoch erfolgreich Überzeugungsarbeit und so gab es ebenfalls erstmals während der KLP eine Bondage-Performance, also die Vorstellung von erotischer Fesselkunst. "Ich denke, dass die KLP im 26. Jahr längst erwachsen geworden ist und dass die Themen Körperlichkeit und Sinnlichkeit dran sind - der Gorleben-Widerstand ist immer mutig gewesen und das ist unser Punkt auch", findet Schukrafft. Alle Sinne anzusprechen, das sei das Ziel. Auch, weil das Thema Erotik jenseits des "Schmuddel-Reeperbahn-Krams" für das Paar ein besonderes sei: "Für uns ist Erotik eine Quelle der Kreativität, eine ausgeglichene Sexualität ein Lebenselixier, die Bejahung von Sinnlichkeit elementar." Es ist eine lebensfrohe Botschaft, die das Paar während der KLP in Nemitz vermittelt.

Ob der Punkt in ähnlicher Form während der KLP im kommenden Jahr eine Fortsetzung erfährt, ist noch nicht entschieden: "Wir lassen das jetzt erstmal sacken und dann überlegen wir uns das."

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