Online: 07.09.2015 - ePaper: 08.09.2015

Seit Montag erkunden 500 Menschen aus Syrien und anderen Krisenregionen Lüchows Innenstadt

ZoomAm Montagvormittag machten sich viele der rund 500 Menschen, die in der Polizeiunterkunft Aufnahme gefunden haben, auf den Weg in die Lüchower Innenstadt. Die meisten komme aus Syrien – und wollen so schnell wie möglich wieder nach Hause. Doch noch herrscht dort Krieg.

rg Lüchow. Nabil lächelt. Er strahlt geradezu. Sechs Monate lang war er unterwegs, auf der Flucht aus Syrien ins sichere Europa, erst vor dem Assad-Regime, dann vor dem Grauen, das die Terror-Miliz Islamischer Staat über alles bringt, das nicht ihrer kruden Weltanschauung entspricht. Jetzt ist Nabil in Lüchow. In Sicherheit, untergebracht in der Polizeikaserne, zusammen mit rund 500 anderen Flüchtlingen. Und zum ersten Mal seit Wochen habe er wieder einmal durchschlafen können, erzählt er in gutem Englisch und mit leuchtenden Augen. "It is so good to be in Germany" - es ist so gut, in Deutschland zu sein, sagt er. Und seine Begleiter nicken zustimmend. "Germany, Germany", rufen sie und klatschen in die Hände. Lächelnd. Erleichtert.

Mit vier anderen Männern aus Syrien lebt Nabil seit Sonntag auf dem Gelände der Polizeiunterkunft. Sie alle kommen aus der Region Aleppo, kennengelernt haben sie sich aber erst auf der Flucht. Die hatte sie aus Syrien über das Mittelmeer nach Europa geführt, über Ungarn und Österreich waren sie am Wochenende in München angekommen und schließlich mit der Bahn nach Braunschweig und dann mit Bussen nach Lüchow gebracht worden. Hier sei es schön, sagt der gelernte Elektrotechniker. "So grün und ruhig, und alle sind so nett zu uns", lächelt er. Bereits in München waren sie mit Kleidung und einigen Toilettenartikeln ausgestattet worden, aus Spenden von wildfremden Leuten, die zum Bahnhof gekommen waren. "Das habe ich auf dem ganzen Weg so noch nicht erlebt. Ich bin sehr glücklich", sagt Nabil. Wieder nicken seine Begleiter.

Ähnliches hat auch Sedat erlebt. Ihn führte seine Flucht aus Idlib im von der ISIS-Miliz kontrollierten Teil Syriens ebenfalls nach Ungarn und schließlich über München und Braunschweig nach Lüchow. Er war eigentlich mit seinem Bruder unterwegs, hat ihn jedoch bei der Flucht über das Mittelmeer aus den Augen verloren. Er wisse nicht einmal, ob er noch lebt, sagt Sedat. Sein Handy, die einzige Verbindung zu seinem Bruder und zu seinen Eltern, die in Syrien geblieben waren, ging kaputt, als sein Flucht-Boot im Mittelmeer voll Wasser lief und er mit den anderen Flüchtlingen die letzten Meter zum rettenden Strand schwimmen musste. In Lüchow will er sein Handy jetzt reparieren lassen, um zu erfahren, wie es seiner Familie geht.

Auch Nabil will telefonieren. Er will Handy-SIM-Karten kaufen, mehrere. Familien, die die Notunterkunft in der Polizeikaserne noch nicht verlassen wollen, haben ihm Geld mitgegeben, damit er ihnen welche mitbringt. "Alle wollen wissen, wie es den Familien geht. Viele sind auch auf der Flucht, andere Zuhause", sagt Nabil. Er will, wenn es möglich ist, hier arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So lange, bis er wieder zurück nach Syrien kann. Bis der Krieg dort beendet ist, das Sterben, das Morden aufgehört hat.

In Grüppchen verlassen die Flüchtlinge die Polizeiunterkunft, gehen Richtung Lüchower Innenstadt. Der Ausgang, durch den sie kommen und gehen, befindet sich an der Rückseite des Polizeigeländes. Die meisten gehen die Straße entlang, Richtung Kreisel, einige wenige nehmen den Weg über den Grundschulhof. Das gehe gar nicht, ereifert sich eine junge Mutter, die gerade ihr Kind im Wagen verstaut hat. "Das sind alles junge Männer aus Kriegsgebieten. Wer weiß, was da für Kerle drunter sind. Und hier spielen überall Kinder", regt sie sich auf. Polizei müsse auf dem Schulhof patrouillieren, fordert sie. Eine Forderung, die eine andere Mutter auf dem Parkplatz auf die Palme bringt. "Das ist doch rassistisches Gequatsche. Was ist denn an den Menschen gefährlicher als an jedem anderen, der hier auf den Schulhof kann. So ein Blödsinn aber auch", ärgert sich die resolute Dame. "Man wird ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen", entgegnet die junge Mutter. Nein, meint ihr Gegenüber: "Nicht, wenn die eigene Meinung rassistisch und dumm ist."

Nabil und Sedat bekommen von diesem Streit nichts mit. Sie sind weitergegangen, weiter Richtung Innenstadt. Glücklich, in Sicherheit zu sein, hoffend, bald von ihren Familien zu hören. Und bald wieder nach Hause zu können. "Deutschland ist toll, ein schönes Land, sehr nette Menschen", sagt Nabil. Aber zuhause sei eben zuhause.

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