Online: 07.09.2015 - ePaper: 08.09.2015

Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. Teilweise waren die Anlaufstellen für Kleiderspenden für Flüchtlinge in Lüchow und Dannenberg am Montag überlaufen. Die Sammlung geht bis Mittwoch weiter.

Lüchow-Dannenberger bringen viele Kleiderspenden für Flüchtlinge zu Sammelpunkten

ZoomAuch in Lüchow sortierten die Helferinnen und Helfer fleißig die abgegebene Kleidung.

bp/rg Lüchow/Dannenberg. Die Hilfsbereitschaft ist überpünktlich. Eigentlich öffnet die Sammelstelle an der ehemaligen Hauswirtschaftsschule in Lüchow erst in einer halben Stunde, aber die ersten sind schon da. Sie hieven Tüten und Kisten aus ihren Autos, schleppen sie zur Sammelstelle, die das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in dem Gebäude eingerichtet hat. Tüten und Kisten sind prallvoll, der deutsche Überfluss ergießt sich in Richtung derer, die vom Überfluss nur träumen können. Träumen könnten, um genau zu sein, denn manches Gehirn zerrt die in den Betten der Lüchower Notunterkunft Schlafenden dieser Tage vermutlich eher zurück auf im Mittelmeer treibende Boote, zurück an Orte, an denen Maschinengewehre rattern.

Die Lüchow-Dannenberger wollen helfen. Wenn es dafür im Moment ein Symbol gibt, dann eine Tüte, die so voll ist, dass sie fast reißt. Hilfe in Tüten. Schon nach wenigen Minuten liegen die Tische vor den zwölf Frauen vom DRK-Ortsverein, die die Kleidung gleich vor Ort sortieren, voll. Christel Wetzel aus Clenze und Elke Stahlbock aus Lüchow arbeiten in dem früheren Klassenraum, so schnell sie können. "Wir kommen nicht hinterher, draußen steht schon alles voll", ruft DRK-Mitarbeiterin Britta Arndt und lacht.

Silke Hoffmann aus Lüchow hat nicht nur gebrauchte Kleidung dabei, sondern auch Neuware gekauft, vor allem Socken und Mützen. "Ich gehe arbeiten und kann nicht vor Ort helfen, deshalb helfe ich so", sagt sie. Sie ist überzeugt, dass die Flüchtlinge eine Bereicherung für Lüchow-Dannenberg sind. Katharina Garcz aus Jameln macht regelmäßig bei Flohmärkten für Kinderbedarf mit, hat deshalb viel Kinderkleidung, die sie nun nach Lüchow bringt. "Wir wollen einfach helfen, das ist uns ganz wichtig", sagt sie. "Ich bin begeistert, was schon innerhalb der ersten 20 Minuten alles zusammengekommen ist", meint Matthias Hanelt, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes.

Auch in Dannenberg kommen die ersten Menschen schon lange bevor die Spendenannahmestelle in der ehemaligen Erich-Kästner-Schule öffnet. Ein älterer Herr fragt, was denn gebraucht werde. Windeln, sagt ihm ein DRK-Helfer. Der Mann geht los Richtung Innenstadt. "Ich habe nicht viel, aber die Flüchtlinge haben gar nichts", sagt er. Ein junger Mann bringt zwei nahezu neue Kinderwagen, eine Frau kommt mit mehreren blauen Müllsäcken voller Winterkleidung. "Ich kann nur jetzt, ich arbeite bis spät abends", lächelt sie. Langsam füllen sich die Tische, die ehren- und hauptamtliche DRK-Helfer aufgebaut haben, mit Kleidung, Taschen, Schulranzen, Koffern, Bettwäsche, Handtüchern. Alles wird sortiert, kommt in beschriftete Kartons, die dann am Abend nach Lüchow in die Flüchtlingsunterkunft gebracht werden.

"Herrenschuhe" steht auf einem Karton, "Babykleidung" auf einem anderen. Schnell füllen sich die Umzugskisten, die DRK-Helfer sortieren die Kleidung nach Art und nach Brauchbar- und Sauberkeit. "Bislang war aber noch kein Stück dabei, das wir aussortieren mussten", sagt eine der Damen des DRK-Ortsvereins. Auch die ehrenamtlichen Helfer der Dannenberger Tafel sind da, um zu sortieren und zu verpacken. "Wir hatten einen Vorlauf von wenigen Stunden", sagt Volker Tiedemann vom DRK. "Es ist toll, dass wir auf die bewährte Struktur zurückgreifen können, mit den Ortsvereinen und der Bereitschaft. Anders wäre so etwas nicht möglich", sagt er.

Es ist ein beständiges Kommen und Gehen. Schlangen bilden sich nicht, dafür arbeiten die Helfer zu schnell. Und der Andrang ist auch nicht so groß wie erwartet. "Die meisten Leute haben ja erst heute morgen aus der Zeitung von dem Spendenaufruf gelesen - und brauchen halt etwas, um den Kleiderschrank zu sortieren", glaubt Tiedemann. Eine Frau, die Spielzeug bringt, gibt ihm Recht. "Ich brauche sicherlich drei, vier Stunden. Das mache ich heute Abend und komme dann morgen wieder", lächelt sie. Elena Röske aus Riekau hat es hingegen schon geschafft, ihren Kleiderschrank und den ihrer Oma zu durchsuchen. Ihr sei es wichtig, den Menschen, die nach Lüchow-Dannenberg kommen, auch aus Lüchow-Dannenberg heraus zu helfen. Es sei für sie eine Selbstverständlichkeit, zu helfen.

Das gilt auch für eine Frau aus Langendorf. "Warum ich helfe? Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Es ist doch ganz selbstverständlich", sagt sie. Als sie morgens den Artikel in der EJZ gelesen habe, sei ihr gleich klar gewesen, "dass ich was tun kann, nämlich spenden."

"Wir freuen uns über jeden, der etwas geben mag", sagt Volker Tiedemann. Und die Flüchtlinge freuen sich sicher auch. Schließlich haben die meisten von ihnen alles verloren, haben allen Besitz zurückgelassen, haben alles, was sie besaßen, zu Geld gemacht, um ihre Flucht zu finanzieren. Den meisten blieb nur das, was sie am Leibe trugen. Und das war teilweise nicht einmal mehr ein Paar Schuhe.

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