Online: 08.09.2015 - ePaper: 09.09.2015

Die 500 Flüchtlinge, die seit ein paar Tagen auf dem Gelände der Polizeiunterkunft Lüchow leben, haben das Bild der Kreisstadt verändert: Sie schlendern durch die Straßen, kaufen in den Geschäften ein, gehen ins Café, stehen beieinander und erzählen. Viele Lüchow freuen sich über das emsige Treiben auf den Straßen, in Geschäften und Cafés.

Über Nacht hat Lüchow 500 Einwohner mehr und ein Stadtbild, das sich gewandelt hat

ZoomSIM-Karten sind bei den Flüchtlingen in Lüchow gefragt. Wendland Telefon in der Langen Straße verteilt sie gratis, damit sie zuhause anrufen, Kontakt mit Verwandten und Freunden aufnehmen können.

rg Lüchow. Zwischen der Türkei und Griechenland liegen in der östlichen Ägäis nur wenige Kilometer. Fünf sind es vom türkischen Festland bis zur griechischen Insel Kos - eine der Hauptrouten für Flüchtlinge aus Syrien nach Europa. Eine kurze, aber in kaum seetüchtigen Schlepper-Booten gefährliche Reise. In Lüchow liegen nur sechs Meter Asphalt zwischen dem Bodrum-Imbiss auf der einen und dem Kreta-Grill auf der anderen Seite der Langen Straße, die dieser Tage von vielen Flüchtlingen überquert wird, auf ihrem Weg von der Notunterkunft am Stadtrand in die Innenstadt. War der Weg über das Meer noch eine Flucht, ist der Weg über die Lange Straße Normalität. Die Menschen sind angekommen. Sie haben Lüchow über Nacht verändert.

Fast ist es, als sei die Kreisstadt aus einem Dornröschenschlaf erweckt worden. "Man hat das Gefühl, Lüchow sei eine ganze andere Stadt", sagt Susanne Wiegrefe. Sie betreibt den Jeans Shop mitten in der Langen Straße, ein Textilgeschäft. Hemden und Hosen, T-Shirts und Jacken haben Menschen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Somalia in den vergangenen beiden Tagen bei ihr gekauft. "Mit Händen und Füßen" haben sich Wiegrefe und ihre Mitarbeiterin mit den Flüchtlingen verständigt, aber "es hat immer geklappt". Sie freue sich, dass jetzt so viel Leben in der Stadt ist: "Und der Gedanke, dass sich viele der Menschen hier zum ersten Mal seit Monaten frei von Angst und Sorgen bewegen können, bewegt mich unheimlich."

Einige hundert Menschen mehr in der Innenstadt machen sich eben bemerkbar, ein Zuwachs, wie ihn Lüchow zuletzt nach der Grenzöffnung erlebte. Mehr als 500 Flüchtlinge leben jetzt in der Kreisstadt, schlendern durch die Straßen, kaufen in den Geschäften ein, gehen ins Café, stehen beieinander und erzählen.

Einer der ersten Anlaufpunkte ist für viele das Telekommunikationsgeschäft von Michael Rosen, "Wendland Telefon". Seit sich herumgesprochen hat, dass Rosen dort kostenlose Smartphone-SIM-Karten an die Flüchtlinge verteilt, kann er sich vor Kundschaft kaum retten. "Wir haben nach dem ersten Tag, an dem wir dem Andrang kaum Herr wurden, am zweiten Tag Nummern vergeben und immer einen Zettel ins Schaufenster gehängt wo jene Nummern draufstanden, die sich ihre Karten abholen können", erzählt er. Das klappt, auch weil eine schon lange in Lüchow lebende Kurdin ehrenamtlich als Dolmetscherin fungiert.

Viele der Flüchtlinge haben ihr eigenes Smartphone dabei. Ihnen hilft Rosen, die neue SIM-Karte einzulegen und das Handy dann im neuen Netz zu aktivieren. "Viele denken, dass sich die Menschen hier die Handys kaufen, aber das ist Blödsinn", betont Rosen: "Vor allem die Flüchtlinge aus Syrien gehörten dort zur Mittel- oder gar zur Oberschicht, bis sie vor dem Krieg fliehen mussten. Natürlich haben sie Handys, und die haben sie mitgebracht." Kein einziger Flüchtling habe in seinem Geschäft ein I-Phone oder einen Tablet-Computer gekauft, wie es in Lüchow gerade die Runde macht. "Wir haben einige der ganz günstigen Smartphone-Modelle verkauft, für etwa 100 Euro. Dafür haben meist einige Flüchtlinge zusammengelegt, um dann wenigsten ein Handy zu haben, mit dem sie Zuhause anrufen können."

Auch Lüchows Bürgermeister Manfred Liebhaber (SPD) ist in der Stadt unterwegs. Er will sich einen Überblick verschaffen. "Wir müssen mal abwarten, was hier so passiert, wie sich das alles entwickelt", sagt er. Dass in der Stadt derzeit ein so emsiges Treiben herrsche sei "doch mal was Schönes", findet Liebhaber. Und stolz sei er auf seine Landsleute, die den Flüchtlingen ein so freundliches Willkommen bereitet und eine Hilfsbereitschaft gezeigt hätten, die er so nicht erwartet hätte.

Die türkische Ostküste und das griechische Kos sind das Tor nach Europa. Der Bodrum-Imbiss und der Kreta-Grill sind das Tor zur Lüchower Innenstadt. Weil sie am Eingang zur Stadt liegen, aber auch, weil viele der Flüchtlinge dort einen Anlaufpunkt finden. Man spricht ihre Sprache, zumindest die der Flüchtlinge aus Syrien, Somalia und dem Irak. "Wir hier sprechen Türkisch und Arabisch, drüben im Kreta-Grill spricht ein Kollege Arabisch - viele kommen her, haben Fragen und wir helfen gern", sagt der Chef des Bodrum-Imbiss. Sein erster Gruß klingt immer gleich: "Willkommen in Lüchow."

^ Seitenanfang