Online: 18.09.2015 - ePaper: 19.09.2015

Der junge Syrer Mohamad lebt derzeit mit seinen Eltern und seinem Bruder in der Flüchtlings-Unterkunft in Lüchow. Trotz der traumatisierenden Erlebnisse während des Krieges und der Flucht durch Südosteuropa haben er und seine Familie ihr Lachen nicht verloren.

Der Syrer Mohamad und seine Familie haben in Lüchow ein Stück Sicherheit zurückgewonnen

ZoomEine neue Jacke hat Mohamad (rechts) in der Kleiderkammer der Notunterkunft schon gefunden. Sein Vater Issam sucht noch nach dem passenden Teil für die kälteren Tage.

tl Lüchow. Mohamad erinnert sich nicht mehr an das Alter seiner Mutter. Auch wie alt sein Vater ist, hat der 29-Jährige vergessen. "Der Krieg in Syrien lässt dich alles vergessen", entschuldigt er sich. Eine simple Frage habe ich ihm gestellt - dachte ich. Auf meinem Notizblock fehlte mir nur noch das Alter seiner Eltern. Eine simple Frage - eigentlich. Doch sie trifft mitten hinein. Mitten hinein in die fürchterlichen Erinnerungen an einen tödlichen Krieg. An den Krieg in Syrien, vor dem Mohamad mit seinen Eltern und seinem Bruder geflohen ist. Nach Deutschland, nach Lüchow. Der junge Syrer ist einer von derzeit 430 Flüchtlingen, die in der Notunterkunft vorerst in Sicherheit sind.

Mohamad fragt seine Mutter. Und beide müssen lachen. Sie finden es lustig, dass er das Alter seiner Eltern vergessen hat. Der Krieg in Syrien lässt dich zwar alles vergessen, denke ich über Mohamads Worte nach. Aber er schafft es offensichtlich nicht, dass Mohamads Familie nicht mehr lacht. Die Stimmung ist gut. Nein, sie ist hervorragend.

Selbst, als Mohamad von sich aus beginnt, von seiner Flucht zu erzählen, vergisst er nicht, zu lachen. Eine Kurzversion verspricht er der Frau von den Johannitern, die die Notunterkunft betreiben, und mir. Eineinhalb Stunden braucht er, um - wie er es sagt - das Nötigste zu erzählen. Seine Familie hat im Krieg zwei Häuser verloren. Er musste sein Jurastudium kurz vor dem Examen abbrechen. Mohamad hat etliche Tausend Euro bezahlt, damit Schleuser seine Familie über die Grenzen bringen. Er hat beinahe Vater und Bruder auf der Flucht verloren. Die Familie hat tagelang in der prallen Sonne auf Papiere gewartet, konnte sich wochenlang nicht waschen. Mohamad war eineinhalb Monate auf der Flucht vor dem Tod. Er hat alles verloren.

Nur sein Lächeln ist geblieben. Es hat den Krieg in Syrien überwunden. So geht es seiner ganzen Familie: Vater Issam, Mutter Mona und Bruder Mohnnad. Besonders glücklich macht die Familie ihr gut 15 Quadratmeter großes Zimmer in einem der sogenannten Systembauten auf dem Polizeigelände. Mich erinnert es eher an das Zimmer einer Jugendherberge: zwei Hochbetten, Linoleumboden, ein paar Stühle und ein Tisch. Das war's. Was in mir grauenhafte Erinnerungen an eine der ersten Klassenfahrten weckt, ist für die Familie aus Syrien purer Luxus. Es sind vor allem: 15 Quadratmeter Sicherheit. Wie gut muss es mir gehen, dass mir dieses Zimmer eher spartanisch eingerichtet vorkommt? Die stolzen Gesichter der Familie erden ein wenig. Und dann merke ich, dass sie noch etwas im syrischen Krieg nicht vergessen haben. Mutter Mona besteht darauf, dass die Frau von den Johannitern und ich uns auf die Stühle setzen sollen. Erst als wir sie freundlich bitten, setzt auch Mona sich hin und bedankt sich mehrmals bei uns. Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Diese Familie hat alles verloren, nur das, was sie am Leib trug, mit nach Deutschland geschleppt. Und dann bieten sie uns, nachdem wir uns gerade erst eine halbe Stunde kennen, ihre Stühle an, die nur für sie gedacht sind. Für mich ist es eine Schlüsselszene: Wieder etwas, das den Krieg in Syrien überwunden hat - ihre Gastfreundschaft.

Hinter Monas Stuhl fällt uns eine Kleiderstange auf. An ihr hängen für jeden eine Jacke, ein paar Hemden, ein paar T-Shirts, das Allernötigste eben. Mohamad ist froh, dass es gleich in die Kleiderkammer der Notunterkunft geht. Dort sollen sie dicke Sachen für den nahenden Herbst und den Winter bekommen. Doch vorher will er uns noch zeigen, was sie auf ihren 15 Quadratmetern Sicherheit so alles haben. Mohamad versucht, eine Zigarettenhülse mit Tabak zu stopfen. Für seinen Vater. Der hat sich in Lüchow von dem wenigen Geld, was geblieben ist, einen Tabakstopfer gekauft. "Ich habe meinem Vater gesagt, dass er aufhören soll zu rauchen. Hier beginnen wir ganz von vorne, den Neuanfang sollte er dafür nutzen. Aber er wollte nicht." Er kann nicht, sagt Issam. Es ist das Laster, das er im Moment braucht. Eins der wenigen Dinge, die ihm geblieben sind.

Bleiben. Für Mohamad ist es ein wichtiger Gedanke. Der 29-Jährige will seine unvorhergesehene Chance in Deutschland nutzen. Zwar kann er sein Studium dort nicht beenden: "Ich müsste wegen der unterschiedlichen Gesetze von ganz vorne anfangen." Aber er möchte gern wieder in einem Restaurant arbeiten. "Das macht mir unglaublich viel Spaß. Das habe ich in Syrien auch schon gemacht." Wieder lächelt er. Bleiben. Eine wichtige Frage. Ob er sein Leben lang in Deutschland bleiben möchte? "Ich würde gerne wieder nach Syrien zurück, aber erst wenn dort kein Krieg mehr ist", sagt er. In Deutschland hat er Frieden, hat er Hoffnung, hat er Gerechtigkeit gefunden. "Germany, Germany, Angela Merkel", wiederholt er die Rufe, die er unterwegs auf der Flucht aufgeschnappt hat. Jede Nacht träumt er von diesen Rufen. "Germany, Germany, Angela Merkel." Jede Nacht. Es sind gute Träume, sagt er, während wir nach draußen in ein Aufenthaltszelt gehen.

Es sind Träume, die meistens erst um 8 Uhr am Morgen enden, erzählt Mohamad. Bis dahin kann er endlich wieder durchschlafen. Er geht zweimal am Tag duschen, putzt gründlich die Zähne, geht jeden Morgen spazieren in der "so schön grünen Landschaft". Mohamad fühlt sich wohl. Er sieht es als Ausgleich zu dem, was die Flucht ihm angetan hat. "Ich wollte so gern meine Kleidung wechseln, mich duschen, nach so vielen Wochen wenigstens einmal." Dafür hat er in Budapest schließlich 200 Euro ausgegeben. Für ein simples Hotelzimmer. Das Personal hat ihm dort zwei Nächte berechnet. Genutzt hat er das Zimmer nur, um zu duschen und am Morgen etwas zu frühstücken. "Das war ein teures Frühstück", sagt er und lacht laut. Der Krieg in Syrien hat ihm auch seinen Humor nicht genommen.

Plötzlich ein Knall. Ein Fußball landet mitten auf dem Zelt, in dem wir zusammen sitzen. Mohamad zuckt zusammen. Er dreht sich hastig um und schaut, wo der Knall, den der Fußball auf der Zeltplane erzeugte, herkommt. Der Schatten eines Kindes zieht sich über die Zeltplane. Wird immer größer. Dann greift das Kind nach seinem Ball spielt mit den Bereitschaftspolizisten weiter Fußball. Ob Mohamad gerade an den Krieg gedacht hat? Eigentlich keine große Sache mit dem Fußball, das passiert halt. Doch der 29-Jährige hat für einen kurzen Augenblick sein Gefühl der Sicherheit verloren. Er braucht eine Weile, um den Faden wieder aufzunehmen. Der Fußball auf dem Zeltdach hat ihn in eine andere Welt gerissen. In die Welt, in der Not und Elend herrschen, in der Bomben alles zerstören. In der Mohamad alles verloren hat, aus der er geflüchtet ist, um zu überleben. War das Lächeln, war das Lachen nur eine Fassade? Wie zerbrechlich ist Mohamads Welt hier in Deutschland? Er lächelt wieder. Redet weiter, als sei nichts gewesen. Manchmal verfolgt ihn der Krieg in Syrien eben doch noch bis nach Deutschland, bis nach Lüchow. Er hätte Mohamad fast sein Selbstvertrauen genommen. Doch sein Lächeln ist stärker. Sein Lächeln gegen den Krieg.

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