Online: 23.09.2015 - ePaper: 24.09.2015

Die Hebamme Katja Tempel hat in der Flüchtlings-Notunterkunft in Lüchow von der Polizei ein Hausverbot erteilt bekommen. Die Polizei als Hausherr begründet die Maßnahme mit Unstimmigkeiten zwischen der Hebamme und den Johannitern. Der Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen hat angekündigt, sich in den Fall einzuschalten.

Eine Hebamme hat in der Notunterkunft Lüchow Hausverbot

ZoomUm die Spielregel der Johanniter für Helfer auf dem Gelände der Lüchower Notunterkunft für Flüchtlinge gibt es einigen Ärger. Die Hebamme Katja Tempel hat einen Platzverweis erhalten. Diesen Aufkleber hat jemand am Eingangstor angebracht.

bp Lüchow. "Der Vorgang ist skandalös", findet Kai Weber, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Niedersachsen. Die Hebamme Katja Tempel musste, nachdem sie schwangere Frauen, die auf dem Gelände der Lüchower Notunterkunft für Flüchtlinge leben, das Gelände verlassen und hat darüber hinaus einen Platzverweis von der Polizei erhalten. In dem Dokument wird die Hebamme als "Gefährderin Tempel" bezeichnet. Tempel fühlt sich an der freien Ausübung ihres Berufs gehindert.

Alles hatte aussichtsreich angefangen. Die Johanniter hatten eine Hebamme zur Betreuung von Schwangeren auf dem Areal angefragt. Tempel hatte sich zu der Arbeit bereit erklärt. Während der Sicherheitskontrolle am Eingangstor habe sie ihren Personalausweis abgeben müssen, erzählt sie. Während der ersten Besprechung mit den Johannitern habe sie nachgefragt, ob es möglich sei, die Frauen auf deren Zimmern zu beraten, denn im gewohnten Umfeld sei die Betreuung sinnvoller. Die Johanniter betonten, dass dies nicht möglich sei, sondern nur die Sanitätsstation in Frage komme. Trotz der Abfuhr sei man "im Frieden auseinander gegangen", und die Betreuung von drei Schwangeren habe schließlich in der Station stattgefunden. Die erste Frau sei "extrem traumatisiert" gewesen, berichtet Tempel. Sie habe deshalb, um mehr Vertrauen aufbauen zu können, darum gebeten, die Beratung mit der Frau allein machen zu können, ohne eine weitere - uniformierte - Kraft der Johanniter im Raum. Alles andere sei für sie eine "Verletzung der medizinischen Privatsphäre". "Die Johanniter-Frau hat darauf geantwortet, sie müsse aus Sicherheitsgründen dabei sein, das seien die Vorschriften", erinnert sich Tempel. Sie findet das ungewöhnlich, denn bei Schwangerenberatungen sei sie mit den Frauen stets allein und finde das, weil es sich um eine intime Situation handelt, auch wichtig, besonders, wenn es sich um traumatisierte Frauen handle. Sie fragt: "Wie autonom können die Flüchtlinge dort eigentlich leben?"

Nachdem die Beratung der dritten Frau abgeschlossen war, seien drei Polizisten auf sie zugekommen und hätten ihr eröffnet, sie solle "sofort die Hebammen-Tätigkeit beenden". Es sei davon die Rede gewesen, sie habe sich unerlaubt Zutritt zu Gebäuden verschaffen wollen, berichtet Tempel. Die He-bamme ist auch sehr aktiv im Gorleben-Widerstand und vermutet deshalb, dass ihre Personalien überprüft und eine Verbindung zu ihrer Vergangenheit hergestellt worden sei. "Es ist ein Unding, dass die Polizei ihr Hausrecht in dieser Form ausübt", findet sie. Helfer der Initiative Zuflucht Wendland seien gar nicht erst auf das Gelände gelassen worden.

Die Polizei weist diesen Zusammenhang dagegen zurück. "Die Sache hat überhaupt nichts mit früheren Castor-Protesten zu tun", betont Wiebke Hennig, Sprecherin der Polizeidirektion Lüneburg. Vielmehr sei es "im Laufe der Behandlungen zu Unstimmigkeiten zwischen der Hebamme und den Johannitern gekommen". Daraufhin hätten die Johanniter gegenüber Katja Tempel ein Hausverbot ausgesprochen. Weil Tempel diesem nicht nachgekommen sei, habe die Polizei einen Platzverweis ausgesprochen. Die Polizei habe "ausschließlich auf Aufforderung der Johanniter gehandelt". Das Hausverbot, von dem man als Inhaber des Hausrechts Gebrauch gemacht habe, resultiere "nicht aus unseren Erfahrungen" im Zusammenhang mit Protesten gegen Castor-Transporte.

Auch Johanniter-Pressesprecherin Frauke Engel berichtet, dass sich die Zusammenarbeit mit der Hebamme "anfangs gut angelassen" habe, dann aber "immer wieder Akzeptanzschwierigkeiten" bezüglich "gewisser Gepflogenheiten, die es in solchen Notunterkünften gibt", entstanden seien. "Da sind wir nicht zusammengekommen, es funktionierte nicht", berichtet Engel. Die Johanniter würden sich nun darum bemühen, eine andere Hebamme zu finden. Warum aber kann die Beratung einer Hebamme nicht im Zimmer einer Schwangeren stattfinden? "Wir haben Räumlichkeiten, wo medizinische Untersuchungen stattfinden können, ein sicheres, geschlossenes Gebiet", argumentiert die Johanniter-Sprecherin. Und warum muss eine Johanniterin bei der Beratung dabei sein? "Wir haben die medizinische Verantwortung, deshalb muss dringend eine medizinische Kraft von uns anwesend sein", antwortet Engel. Diese Kraft unterstehe selbstverständlich der ärztlichen Schweigepflicht.

Trotzdem hat die Angelegenheit Landesflüchtlingsrat-Geschäftsführer Weber veranlasst, "die Leitung der Landesaufnahmebehörde um eine Korrektur der geschilderten Praxis zu bitten". Eingangskontrollen haben laut Weber allerdings "eine gewisse Berechtigung", schließlich sei die Gefahr von Anschlägen "nicht ganz von der Hand zu weisen". Allerdings betont Weber auch: "Ausweiskontrollen erscheinen mir unnötig." Auch dass bei der Arbeit einer Hebamme eine Johanniter-Mitarbeiterin im Raum sein müsse und Gespräche nicht auf den Zimmern der Flüchtlinge stattfinden könnten, sei "schlicht und einfach absurd". Dass es noch immer keine Kinderbetreuung und Sozialarbeit in der Notunterkunft gebe, werfe "kein gutes Licht auf den Betreiber". Beide Angebote würden in der kommenden Woche starten, betont Johanniter-Sprecherin Engel.

Katja Tempel will die Sache übrigens nicht auf sich beruhen lassen. Sie hat sich einen Rechtsanwalt genommen.

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