Online: 30.10.2015 - ePaper: 31.10.2015

Rebecca Harms, die Grünen-EU-Parlamentarierein, besuchte gestern die drei Notunterkünfte für Flüchtlinge im Landkreis. Ihr Eindruck: Die Menschen seien "in guten Händen". Der Druck auf Deutschland und auf die EU werde aber noch eine Weile bleiben.

Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament besuchte die drei Notunterkünfte in Lüchow-Dannenberg

ZoomVon Kindern umringt: Rebecca Harms, die Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, hat gestern die drei Notunterkünfte für Flüchtlinge im Lüchow-Dannenberger Kreisgebiet besucht. Für die Politikerin hat sich dabei der Eindruck ergeben, dass die Menschen „in guten Händen“ seien.

bp Lüchow. "My name is Rebecca", stellt sich Rebecca Harms im Zimmer Nummer 3 der Lüchower Flüchtlingsunterkunft vor. Drinnen grüßt eine vierköpfige Familie zurück. Ein Kind sitzt auf dem Etagenbett, ein kleineres liegt im Gitterbett. Die Luft ist schlecht, das Zimmer eng. Man hat Familien durchaus schon luftiger leben sehen, doch die Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, die in Lüchow-Dannenberg zuhause ist, ist trotzdem zufrieden mit den Zuständen in der Notunterkunft. Sie habe "gut funktionierende Unterkünfte" gesehen, so lautet nach dem Besuch der Unterkünfte in Dannenberg, Woltersdorf und Lüchow ein Fazit der Grünen.

Das mag auch daran liegen, dass die Europaparlamentarierin innerhalb der zurückliegenden Wochen viel unterwegs gewesen ist. Sie ist zu den Brennpunkten der Flüchtlingskrise gereist, nach Ungarn, Griechenland, in die Türkei, um mit eigenen Augen zu sehen, wovon die Medien berichten. Was sie gesehen hat, war offenbar bestürzend. Lüchow-Dannenbergs Notunterkünfte sind dagegen die reine Ordnung.

"Wir schaffen das", dieses Motto hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Krise bekanntlich herausgegeben. Harms wirkt, nach der Bedeutung der Krise für Deutschland gefragt, dagegen fast schon ein wenig vorsichtig: "Mir ist bewusst, was für eine große Aufgabe das für Deutschland ist." Der Druck auf Deutschland im Speziellen und auf die EU im Allgemeinen werde "noch eine Weile" bleiben. Ihr Credo: "Wir brauchen einen langen Atem." Muss Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten zu viele Flüchtlinge aufnehmen, wie viele Deutsche meinen? "Deutschland ist nun einmal das erfolgreichste und reichste Land in Europa", betont Harms. Es dürfe deshalb nicht den Fehler machen, sich von oben herab über andere Länder zu beschweren. Abgesehen davon seien die "Europäer insgesamt gefordert, die Probleme in den Griff zu bekommen."

Eine weitere Frage, die vielen auf den Nägeln brennt: Brauchen Deutschland und die EU eine neue Politik der Abschottung? Mit ihrer Antwort auf diese Frage macht Harms klar, dass sie eine Militarisierung an den Grenzen für hoch problematisch hält, sich wohl aber "mehr Ordnung an den Grenzen" wünscht. Flucht müsse geordneter ablaufen und solle möglichst nicht in eine "chaotische Entwicklung" münden. Dass der Umgang mit Flüchtlingen in Lüchow-Dannenberg bisher gut funktioniere, freut Harms, die den Grund dafür in der "gut funktionierenden Zivilgesellschaft" sieht.

Egal, mit welchen Flüchtlingen Harms während ihres Besuchs spricht, drei Dinge sagen fast alle. Da ist zuerst einmal die Dankbarkeit der Geflohenen für die Aufnahme in Deutschland. Dann der große Frust, dass die Bearbeitungszeit der Asylanträge so lange dauert und schließlich der sehnliche Wunsch nach Schulunterricht für die Kinder. Letzteres unterstützt Harms ausdrücklich: "Alles, was jetzt angeboten wird, hilft der Integration." Und Integration, das sei eben mehr als die bloße Unterbringung.

Den Dank, aber auch die Wünsche und Sehnsüchte der Geflohenen hat gestern ausgerechnet eine junge Syrerin mit starker Stimme und auf Arabisch auf den Punkt gebracht. Die 16-Jährige Awaz Arouch, die in der Lüchower Notunterkunft lebt, dankte den Deutschen "für Frieden und Geborgenheit und dass sie ihre Herzen für uns aufgemacht haben." Sie sagte aber auch: "Ich habe Sehnsucht nach der Schulbank und Unterricht" und betonte: "Wir wollen unsere Kindheit wieder erleben." Awaz Arouch bat wie viele andere um eine Beschleunigung des Asylverfahrens. Auch, weil man den Deutschen nicht zur Last fallen, sondern Teil der Gesellschaft werden wolle.

Darauf antwortete Landrat Jürgen Schulz (parteilos), der sich beschämt zeigte, "dass wir Sie in Notunterkünften unterbringen müssen und nicht besser vorbereitet waren." Er ist überzeugt: "Dieses Land, das als das bestorganisierteste der Welt gilt, muss erstmal wieder in Fahrt kommen."

"Viel Glück", sagt Harms, als sie sich aus Zimmer Nummer 3 verabschiedet. Glück werden viele der Menschen brauchen, die gerade nach Deutschland strömen. Glück wird auch dieses Land brauchen. Und so viel mehr als das.

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