Online: 16.11.2015 - ePaper: 17.11.2015

Wie sieht die Zukunft des Einkaufens in Lüchow-Dannenberg aus? Während der Themenwochen "DAN kauft hier" befasst sich die EJZ mit Händlern, Kunden, Produkten und Ideen.

Radio- und Fernsehtechniker Lars Gauster in Dannenberg hat sein Marktsegment gefunden

ZoomLars Gauster in seiner Werkstatt hinter seinem Ladengeschäft in der Dannenberger Marschtorstraße: Durch die Reparaturen hat er sein Marktsegment gefunden, Internet hin, Mediamarkt & Co her.

by Dannenberg. Gerade war ein afrikanischer Flüchtling im Laden, sein Handy funktionierte nicht mehr. Lars Gauster öffnete das Telefon, legte es unter das Mikroskop, das an den Computer auf dem Tresen angeschlossen ist und entdeckte eine Salzkruste. "Die konnte ich schnell wegmachen - und das Handy funktionierte wieder. Der war vielleicht glücklich". Gauster, Inhaber der Dannenberger Bild- und- Tontechnik-Firma Gauster-Haus, zeigt der EJZ gleich weitere Reparaturfälle, die per Bild im Computer archiviert sind: "Hier war was gebrochen, nachlöten, geht wieder. Da war was verbogen, hinbiegen, geht wieder. Und dort war eine USB-Buchse falsch eingebaut, haben wir repariert, geht wieder". Gauster holt kurz Luft: "Diese Detektivarbeit, die macht Spaß. Irgendwie kriegen wir fast alles hin", freut er sich. Deshalb habe er vor Media-Markt & Co. und dem Internet auch keine Angst: "Ich habe mein Marktsegment gefunden".

Der 43-Jährige ist Radio- und Fernsehtechniker - heute heißen Leute wie er Informationselektroniker. Als er sechs Jahre alt war, bekam er sein erstes Radio geschenkt: "Nach nur einer Woche hatte ich es zerlegt, wollte wissen, wie es funktioniert." Je älter er wurde, desto besser konnte er die Dinge dann auch wieder zusammenbauen. Noch heute ist er stolz auf sein erstes ferngesteuertes Auto aus Lego: "alles Eigenbausatz".

Eigener Chef

Im Betrieb Bergmann, später Neubauer, in Hitzacker absolvierte er seine Ausbildung, war dort viele Jahre Werkstattleiter. Danach ging er auf die Meisterschule, wechselte anschließend nach Dannenberg, um den Betrieb Radio Schuhmacher wieder zu eröffnen. Seit bald vier Jahren ist er nun sein eigener Chef: "Gauster-Haus" steht seit Kurzem an der Fassade in Dannenbergs Marschtorstraße 4, und "Gauster Dein Zuhause" an einer Schaufensterscheibe, "Werte schätzen und schützen" an den anderen. Dahinter hängen viele Fernseher an den Wänden, in den Regalen liegen die anderen Geräte, die der Mensch des Informationszeitalters heute braucht.

Reparieren galt als altmodisch

In seinen bisherigen Berufsjahren hatte Gauster zunehmend geärgert, dass qualifizierte Techniker wie er immer mehr zu Verkäufern von Neugeräten wurden, und dass manch Azubi, der als künftiger Techniker gestartet war, die durchaus nicht einfache Ausbildung schmiss, und zum Einzelhandelskaufmann wechselte. Reparaturen galten als altmodisch, manch Kollege war einfach zu bequem, oder hatte sich ausgerechnet, dass er mit dem Verkauf neuer Geräte mehr verdiene als mit einer Reparatur der alten. "Die Kunden wurden entsprechend erzogen." Manch Kollege habe zwar noch mal ins Innere eines Gerätes geschaut, dann aber schnell signalisiert, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnen würde, um die Kunden zu einem Neukauf zu animieren. "Lohnt nicht mehr", das ist ein Satz, den Gauster als Ansporn versteht, er geht ihm schlicht gegen die Techniker-Ehre.

Den alten Reparaturgeist holte er in seinen Betrieb zurück: Anfangs reparierte er die noch wenigen Schadensfälle gemeinsam mit den Kunden in seiner Werkstatt. Ab Januar 2014 war er dann beim neuen Reparaturcafé in Dannenberg dabei. "Viele haben gedacht, dass ich mir damit selbst das Wasser abgrabe, meinem Geschäft schade." Aber das Gegenteil ist eingetreten: "Mehr Transparenz kann ich gar nicht reinbringen, um zu zeigen, dass wir es können."

Transparenz - die ist ihm wichtig. Deshalb gibt es das Mikroskop auf dem Tresen, deshalb einen Sofortarbeitsplatz gleich um die Ecke - denn manche Reparatur sei nur eine Minutensache. Und es lohnt sich. "Kunden, die wissen, dass wir reparieren können, neigen dazu, sich bei uns auch ein neues Gerät zu kaufen - weil sie wissen, dass wir sie nicht im Stich lassen". Dieses gute Gefühl kann das Internet nicht bieten. Dabei gehören etwa die TV-Geräte von Loewe und Metz, die Gauster verkauft, eher zum hochpreisigen Segment.

Der Verkauf ist ein wichtiges Standbein des Betriebes, das Hauptgeschäft macht die Gauster-Crew mit Service - installiert werden unter anderem Telefon- und Alarmanlagen und die Computertechnik der Biogasanlagen - und eben der Reparatur. Früher war Lars Gauster einmal pro Woche in der Werkstatt, mittlerweile täglich. Unterstützung hat er dort von Manfred Schulz, einem Radio- und Fernsehtechniker aus Lüchow im Rentenalter. "Er kann viel alte Technik, ich viel neue Technik: Es ist wunderbar", schwärmt Lars Gauster.

Die Werkstatt übern Hof ist auch eine Art Wunderkammer, in der man sehen kann, wie lieb manchem das alte Radio, der Toaster im klassischen Design, der alte Radiowecker im Orange der 1970er-Jahre oder auch Opas Röhrenradio ist. Dazwischen liegt ein Flachbildschirm auf dem Bauch, die Hauptplatine war kaputt, kommt eben eine neue rein. Auf dem Arbeitsplatz daneben wird bei einem DVD-Player das Laufwerk erneuert. In den Regalen steht ein Röhrenradio neben dem anderen.

Ersatzteile zu beschaffen dauert länger

Dafür die Ersatzteile zu beschaffen dauert länger, Gauster fahndet im Internet. Ganz stolz ist er auf einen alten Schrank mit lauter Prüfröhren und auf den Karton voller Regler für die alten Radios - erstanden aus einer Insolvenz. Radios sind seine Hobbys. Im Büro hat er einen Concert Boy von Grundig stehen, der einst ziemlich hin war. Er hat neue Schalter und Kabel und eine neue Platine eingebaut. "Wenn du den jetzt hörst, weißt du, dass der nicht umsonst Concert Boy hieß", sagt er und dreht den Ton auf. Stimmt. Solche Radios gibt es heute fast nicht mehr.

Es sind Junge wie Alte, die ihm Geräte zur Reparatur bringen, Geräte, an denen oft Geschichten hängen, die Gauster dann zu hören bekommt. Wegen des ideellen Wertes seien die Menschen selbstverständlich bereit zu zahlen. Und für viele hat die Reparatur noch einen ganz anderen Mehrwert: Wenn man das alte Gerät weiter benutzen kann, muss man keine neue Bedienungsanleitung lesen und sich in wieder neue Technik einfuchsen.

Dass Reparieren längst nicht mehr altmodisch, sondern ein politisches Thema ist, freut ihn. Die gewollte und geplante Obsoleszenz - also die geplante Reduzierung der Lebensdauer eines Produkte "ist eine Sauerei". "Früher haben Fernseher 20 bis 25 Jahre gehalten. Wenn ein Flachbildschirm heute zehn Jahre schafft, ist das schon sehr gut", sagt Gauster. Die preiswerten Geräte erreichten oft nur eine Lebensdauer von drei bis vier Jahren. "Die Kunden werden immer mehr unter Druck gesetzt, auch ein Fernseher ist längst ein Trendsetter. Derweil werden die seltenen Erden weniger und die Berge von Elektroschrott größer - das passt alles nicht." Im Januar wird Gauster nach Graz fahren zur Österreichischen "Re-Use-Konferenz", in der es um aktuelle Entwicklungen im Re-Use-Sektor, Erfolgsbeispiele und Initiativen geht. Dass er als Referent dazu eingeladen wurde, macht ihn richtig stolz.

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