Online: 22.12.2015 - ePaper: 23.12.2015

Seit vier Jahren wohnt Christine Halm, die Enkelin des bekannten Heimatforschers Erich Kulke, auf dem Hof in Bussau, den ihre Großeltern vor gut 45 Jahren als Altersruhesitz gekauft haben.

Erich Kulkes Enkelin Christine Halm ist in das Haus ihrer Großeltern in Bussau gezogen

ZoomChristine Halm ist vor vier Jahren nach Bussau gezogen – in das Haus ihrer Großeltern Ilse und Erich Kulke.

Lüchow-Dannenberg gilt als ausblutende Region. Doch es gibt Menschen, die hier leben wollen und nirgendwo sonst. Die EJZ-Serie "NaDAN(N)" stellt Menschen vor, die neu nach Lüchow-Dannenberg oder dort hin zurück gezogen sind. Teil 41: Christine Halm aus Bussau.

 

by Bussau. Bussau und Bullerbü haben den ersten Buchstaben gemeinsam - und doch noch so viel mehr: "Als Kinder waren wir super gerne hier, Bussau war unsere Welt, ein Paradies. Wir haben am Bach und im Wald gespielt und uns in der Scheune versteckt, weil wir nicht wieder wegwollten." Christine Halm (48) hat als Kind viele Ferien und Wochenenden in Bussau verbracht, auf dem Hof, den ihre Großeltern Ilse und Erich Kulke vor gut 45 Jahren als Altersruhesitz gekauft hatten. Kulke war Professor in Braunschweig, forschte über bäuerliches Bauen und die Siedlungsstrukturen im Wendland und war 1969 Mitbegründer des Rundlingsvereins.

Mittlerweile wohnt die Enkeltochter seit knapp vier Jahren hier, im Hinterhaus des Hofes. Das Vorderhaus dient den anderen Mitgliedern der großen Kulke-Familie - die Großeltern hatten sieben Söhne - nach wie vor als Feriensitz. Von Frühjahr bis Herbst ist das Vorderhaus immer wieder komplett belegt, "zur KLP rappelvoll", es gibt Brüdertreffen und Arbeitstreffen, "und es kommen immer alle". Dass Bussau auch viele Jahre nach dem Tod der Großeltern - "Opa war der Clanführer, der das Familienleben plante und organisierte" - immer noch ein wichtiger Ort für die Familie ist, macht die Kulkes alle stolz. Christine Halm macht den Belegungsplan, stellt die Heizung an - und ist eben immer da: Eine Win-Win-Situation für alle, sagt sie.

Dass sie nach Bussau gezogen sei, habe ihren Vater am meisten gefreut. Wilhelm Kulke war ab 1979 für fünf Jahre der erste Leiter der Informationsstelle des Bundes zur nuklearen Entsorgung im Landkreis. Damals, Christine Halm war 12 Jahre alt, wurde Bussau "für uns Kinder" größer, kam die "Wendland-Dimension", mit Gorleben und der Zonengrenze hinzu.

Christine Halm war das erste von mehreren Enkelkindern, die in dem Rundlingsdorf heirateten. Mittlerweile ist die Mutter eines erwachsenen Sohnes allerdings geschieden. Mit ihrem neuen Lebengefährten lebte sie einige Zeit in Hamburg, bis beide nach Bussau umzogen.

TäglichBussau-Hamburg

Für ihre Bussau-Liebe zahlt Christine Halm allerdings einen hohen Preis: Sie fährt täglich zur Arbeit nach Hamburg. Im DESY, dem Deutschen Elektronen-Synchrotron, einem Forschungszentrum für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, hat sie "einen supertollen Job", bearbeitet die Finanzierung von Forschungsprojekten. "Ich fahre immer gern zur Arbeit, aber die Entfernung ist schon brutal. Drei Stunden ist sie täglich unterwegs, "ein fliegender Teppich wäre schön". Morgens um 4.45 Uhr geht es los, damit sie in keinen Stau kommt, zurück ist sie zwischen 17.30 und 19 Uhr. "In Hamburg ist der tolle Job, und Bussau ist der Ort, wo ich alt werden möchte: Dieses Dilemma werde ich nicht lösen können", weiß sie. Mit der Bahn wäre sie, die gerne Auto fährt, nicht schneller und auch ein Zimmer will sie sich in Hamburg nicht nehmen: "Ich will abends nach Hause kommen. Ich liebe dieses Haus, liebe das Grundstück, mag es, wenn ich in den Rundling reinfahre, dann fällt aller Stress ab. Und: Der Chillfaktor ist auch im Winter da." Und dann sind da auch die Menschen im Dorf, jeder helfe jedem - und welcher Rundling habe schon so eine süße bayrische Kneipe wie Bussau. Und kulturell halte das Wendland wie bekannt mit jeder Großstadt mit.

Die Lust am Garten entdeckt

Den Sommer verbringen Christine Halm und ihr Lebensgefährte hauptsächlich im Garten. Auf diesem Hof, auf dem die Kulke-Familie so übermächtig ist, kommt zu ihrer Überraschung auch ein Erbe ihrer mütterlichen Seite zur Geltung. Christine Halm hat ihren grünen Daumen entdeckt, kümmert sich um den Garten, um Blumen und Gemüse. Nie zuvor hätte sie gedacht, dass ihr das mal Spaß machen würde.

"Bussau ist das schönste Land der Welt": Die Tochter ihres Lebensgefährten hat diesen Satz einmal während einer Fahrt von Hamburg nach Bussau gesagt, und Christine Halm wärmte es das Herz, dass das Bussau-Virus auch die nächste Generation erwischt. Die Liebe ihres Großvaters zum Wendland "war nie Verpflichtung, hat aber auf uns alle ausgestrahlt". So hätten sich auch ihre Cousins und Cousinen dort, wo sie wohnen, ihre Art von Bussau geschaffen: "Ich aber fühle mich total privilegiert, ich wohne im Original."

Seit das Dorferneuerungsprogramm in der Dorfregion Lüchow gestartet ist, engagiert sich Christine Halm in der Arbeitsgruppe Baukultur und Siedlungsentwicklung - ein typisches Kulke-Thema. Ihr Großvater, sagt sie, wäre ein großer Befürworter des Welterbe-Projektes, würde seine sämtlichen Netzwerke aktivieren, auf dass das Wendland die Unesco-Anerkennung bekomme. Sie findet es großartig, im Entwicklungsprogramm Dorfregion Lüchow Teil des Prozesses zu sein, den Weg für die erneute Bewerbung mitzubereiten. "Die Idee und das Konzept sind gut", sagt die studierte Geografin, "ich kann mir nicht vorstellen, dass es beim nächsten Mal nicht klappt".

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