Online: 19.01.2016 - ePaper: 20.01.2016

Sie wollte sich in Lüchow-Dannenberg zur Ruhe setzen, zog nach Hitzacker. Doch aus diesen Plänen wurde nichts. Seit Ewigkeiten setzt sich Pari Niemann für Flüchtlinge ein. Jetzt hat sie mit anderen ein Institut gegründet, das Flüchtlingen im Wendland eine Perspektive bieten will.

Pari Niemann und das Institut, das Flüchtlingen im Wendland eine Lebens- und Arbeitsperspektive vermitteln will

ZoomPari Niemann (Mitte) im Gespräch mit zwei jungen Frauen aus Afghanistan. Die gebürtige Iranerin, die seit 45 Jahren in Deutschland lebt, ist in diesen Wochen als Übersetzerin gefragt. Gleichzeitig versucht sie den Einheimischen bewusst zu machen, die Chancen dieser unerwarteten Zuwanderung zu nutzen.

by Hitzacker. Pari Niemann kam vor zwei Jahren in den Landkreis. Sie wollte auf dem Land leben, dort kannte sie nette Leute. So zog sie nach Hitzacker und fühlte sich sehr schnell "richtig wohl". Sie hatte sich frühpensionieren lassen und wollte das Leben fortan etwas langsamer angehen lassen. Geworden ist daraus eher nichts. Denn kaum war Pari Niemann angekommen, kamen die ersten Flüchtlinge nach Lüchow-Dannenberg und Niemanns Hilfsbereitschaft bekam die Oberhand über all ihre anderen Pläne: "Ich kann nicht anders. Ich sehe Handlungsbedarf und fange an und irgendwie entwickelt es sich dann. Ich kann und will nicht anders, nur zuschauen kann ich nicht."

So hilft sie nun den Flüchtlingen, und versucht gleichzeitig, den Einheimischen bewusst zu machen, dass sie die Chance dieser unerwarteten Zuwanderung nutzen und nicht wie bisher in Deutschland üblich die Migranten sich selbst überlassen sollen. Das von Abwanderung betroffene Lüchow-Dannenberg "darf die Potenziale der geflüchteten Menschen nicht verflüchtigen lassen", sagt sie. Und so hat sie mit anderen einen Verein mit dem Namen "Wendland-Institut für berufliche Bildung und Kommunikation" gegründet. Dazu später mehr.

Pari Niemann ist im Iran groß geworden und kam Ende der 1970er-Jahre nach Deutschland. Sie war technische Zeichnerin, hatte schon ein Praktikum in England gemacht und wollte nun in Deutschland Architektur studieren, im Iran waren Studienplätze knapp. Im Goethe-Institut in Teheran hatte sie Deutsch gelernt und fand sich in Göttingen schnell zurecht: "Nach einer Woche hatte ich ein Zimmer und Arbeit gefunden", erzählt sie. Bald darauf brachte sie anderen iranischen Studenten Deutsch bei.

Mit dem Architekturstudium wurde es dann doch nichts, sie besuchte die Dolmetscherschule, studierte auf Lehramt, heiratete einen Deutschen, bekam drei Kinder, machte ihr Staatsexamen und arbeitete zunächst in der Erwachsenenbildung. Von dort ging es ins Göttinger Jugendamt als Leiterin der Beratungsstelle für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, danach für vier Jahre als Referentin ins Frauenministerium und von dort für 20 Jahre ins NDR-Landesfunkhaus Hannover. Zunächst als Gleichstellungsbeauftragte, dann als Diversity-Managerin. Diversity heißt auf Deutsch Verschiedenheit/Vielfältigkeit, das englische Wort ist der moderne Gegenbegriff zu Diskriminierung. Aufgabe von Diversity-Managern in Unternehmen ist es, die individuelle Verschiedenheit der Mitarbeitenden für den Unternehmenserfolg nutzbar zu machen - in ihrem Fall für den NDR und sein Programm. Pari Niemann hatte inzwischen nebenberuflich auch Interkulturelle Kommunikation in Fulda studiert, arbeitete als Interkulturelle Trainerin, war parallel zu ihrem Hauptberuf auch immer ehrenamtlich in der Migrationspolitik tätig.

Nun fuhr sie, kaum hatte sie sich in Hitzacker eingerichtet, nach Gartow, wo dort die ersten Flüchtlinge angekommen waren, und übersetzte. Afghanen und Iraner sprechen Persisch, auch die Tadschiken. Es gibt nicht viele im Landkreis, die Farsi, das ist der persische Name für Persisch, sprechen und die deutsche Sprache und Deutschland gut kennen, nur noch einige Ärzte oder welche, die selbst vor kurzem als Flüchtling gekommen sind. Manchmal wünscht sich Pari Niemann, dass es mehr wären, "denn es ist sehr viel, was ich bewältigen muss". Doch klagen ist nicht ihr Ding. "Menschen an die Hand zu nehmen und zu motivieren, sehe ich nicht als Arbeit und Belastung. Man bekommt auch was zurück. Lächeln, das Strahlen in den Augen, sieht die Entwicklung von Menschen", sagt sie.

EJZ: Frau Niemann, sie haben den Verein "Wendland-Institut für berufliche Bildung und Kommunikation" gegründet. Warum?

Pari Niemann: Hauptziel unseres Vereins ist, die Flüchtlinge gleich zu Beginn ihres Aufenthaltes so zu fördern, dass sie innerhalb kurzer Zeit die deutsche Gesellschaft mit all ihren formalen und informellen Gesetzen kennen lernen und bald einer Ausbildung oder einer Beschäftigung nachgehen können. Viele der Flüchtlinge haben Fähigkeiten, die wir nicht ungenutzt lassen sollten, von denen auch die Unternehmen im Landkreis profitieren können. Und alle, mit denen ich bisher hier zu tun gehabt habe, wollen arbeiten. Unbedingt. Die Jüngeren sind richtig ungeduldig. Und für die Männer mit Verantwortung für eine Familie ist es eine unehrenhafte Sache, nicht Geld verdienen zu dürfen. Dieses Abwartenmüssen ist für sie eine seelische Belastung, viele verlieren ihr Selbstbewusstsein, werden depressiv. Deshalb wollen wir uns dafür einsetzen, dass die Flüchtlinge so schnell wie möglich in eine aktive Phase starten können, indem sie intensiv Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, einen Arbeitsplatz finden, vielleicht studieren.

Wie gut müssen die Flüchtlinge deutsch können?

Niemann: Leider denken viele Deutsche: Wer nicht gut deutsch spricht, ist zu nichts zu gebrauchen. Das stimmt nicht. Und nicht für jeden Arbeitsplatz sind perfekte deutsche Sprachkenntnisse nötig. Als Gleichstellungsbeauftragte habe ich oft Migrantinnen als Praktikantinnen gehabt und ihnen Aufgaben gegeben, die mit Sprache zu tun hatten. Und wenn dann da Fehler waren - mein Gott, dann habe ich das korrigiert.

Werden die Sprachkenntnisse der hier schon länger lebenden Migrantinnen und Migranten eigentlich geschätzt?

Niemann: Nein, überhaupt nicht. Ein Land wie Deutschland, das praktisch Einwanderungsland ist, macht sich nicht bewusst, welchen Sprachschatz es hat. Und ich begreife es nicht, dass man die Sprachkenntnisse der Migranten nicht nutzt für die Gesellschaft. Längst arbeiten einige als Sprachmittler in den Notunterkünften, die selbst erst seit wenigen Jahren hier sind. Aber eigentlich müssten es viel mehr sein: Denn Du musst richtig in beiden Sprachen und in Deutschland zu Hause sein, um den Neuankömmlingen sagen zu können, wie es hier läuft, und wie sie sich verhalten sollen.

Die Dolmetscher und Sprachmittler sind logischerweise die ersten Kontakte der Flüchtlinge in Deutschland, sie müssen gut qualifiziert sein und entsprechende Fortbildungen bekommen. Warum gibt es in allen Stellenanzeigen längst nicht den Satz, dass Bewerbungen von Menschen mit Migrationserfahrung oder mit Kenntnissen der verschiedenen Einwanderersprachen erwünscht sind? Manche Konflikte, die es in der letzten Zeit gegeben hat, waren vorhersehbar. Deshalb müssen wir vorausschauend arbeiten, damit Konflikte gar nicht erst auftreten können. Daher ist die Förderung von Kommunikation zwischen Einwanderergruppen und Einheimischen ein weiteres Ziel unseres Vereins.

Wie steht es um die interkulturellen Fähigkeiten der Deutschen?

Niemann: Die sind, höflich formuliert, ausbaufähig. Bislang sind nahezu alle, die mit Flüchtlingen zu tun haben, nicht geschult im Umgang mit anderen Kulturen. Nicht nur die Flüchtlinge müssen lernen, auch wir. Integration ist keine Einbahnstraße, die nur die Migranten fahren müssen. Zwei abschreckende Beispiele: Ich bin mit einer älteren Dame bei einem Arzt, der kommt, grüßt nicht und herrscht mich an: "Übersetzen Sie doch schneller". Oder: in einer Behörde. Die Tür steht offen, ich klopfe, der Mann am Schreibtisch spricht lange weiter mit seinen Kollegen, beachtet uns nicht. Da stehen sechs Leute an der Tür - und der guckt uns nicht mal an.

Flüchtlinge brauchen keinen Bonus, aber wir müssen lernen, unterschiedliche Menschen gleich gut zu behandeln. Wer seine Mitarbeiter in diesem Sinne schult, nimmt den Druck weg. Je besser die Kommunikation funktioniert, desto wohler fühlen sich auch die Mitarbeiter. Und: Unser größter Fehler ist, die Flüchtlinge als Gruppe zu sehen. Es sind Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Sie haben bereits Kontakte zu Unternehmen aufgenommen und auch schon für einzelne Migranten einen Arbeitsplatz gefunden. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Niemann: Aus meiner Sicht müssen viel mehr Firmen sich bei der Eingliederung der Flüchtlinge in die Arbeitswelt engagieren. Wenn die Neuangekommenen hier bleiben, profitiert davon als erstes die Wirtschaft. Es gibt hier im Landkreis Firmen, die sehr gerne Flüchtlinge einstellen würden. Bis es soweit kommt, müssen allerdings viele bürokratische Hindernisse überwunden werden. Und die Sprache ist gar nicht mal das größte Problem, sondern: Wie kommen sie zum Arbeitsplatz? Manchmal helfen Patenschaften. Und überhaupt die Führerscheine: Ich will nicht einsehen, dass die Flüchtlinge ihren Führerschein komplett neu machen müssen. Das ist für viele wegen der fehlenden Sprachkenntnisse schwierig. Ohne deutschen Führerschein seien sie eine Gefahr für den Straßenverkehr? So ein Quatsch. Gilt das auch für den Fahrer, der in Aleppo für Europcar gearbeitet hat? Warum reicht nicht eine Fahrprüfung und fertig?

Mein Wunsch ist, dass Deutschland angesichts der Entwicklung manche Vorschriften überdenkt und Verfahren ändert, damit die Integration besser funktioniert. Es ist schon frustrierend, so viele Menschen haben Ideen, aber stoßen an Grenzen, weil vieles erschwert wird. Unser Verein will im Kleinen daran arbeiten, dass viele Flüchtlinge hier im Wendland eine Lebens- und Arbeitsperspektive finden. Dazu brauchen wir Unterstützung - vor allem finanziell. Zum Beispiel für Dolmetscher-Qualifikationen, für spezielle Deutsch-Kurse, für persönliches Coaching.

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