Online: 22.01.2016 - ePaper: 23.01.2016

Rund 27000 Flüchtlinge lebten nach dem Zweiten Weltkrieg in Lüchow-Dannenberg. Inzwischen leben wieder mehrere tausend Flüchtlinge im Kreisgebiet, diesmal aus allen möglichen Ländern der Erde. Zwei Flüchtlinge haben der EJZ ihre Flucht geschildert: Elisabeth Klingelhöller entkam 1944 aus Ostpreußen, Mohammed 2013 aus Syrien.

1944 und 2013: Zwei Lüchow-Dannenberger Flüchtlinge erzählen von ihren Fluchten

ZoomMohammad ist 22 und lebt bei Familie Pehlke in Hitzacker. Vor zweieinhalb Jahren ist er dorthin aus Syrien geflohen.

bp/jz Hitzacker/Sallahn. Flucht. Dieses Thema dominiert seit Monaten die Medien. Ein neues Thema ist es nicht, wenn sich auch die Umstände der Flüchtenden der verschiedenen Zeiten geändert haben und ändern werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 27000 Flüchtlinge in Lüchow-Dannenberg. Einfach hatten sie es nicht, mussten sich aus dem Nichts ein Leben aufbauen. Inzwischen leben wieder mehrere tausend Flüchtlinge im Kreisgebiet, diesmal aus allen möglichen Ländern der Erde. Sie bekommen Hilfe vom Staat und den zahlreichen Ehrenamtlichen. Leicht haben sie es trotzdem nicht. Sie müssen lange warten, bis ihre Asylanträge bearbeitet werden, fühlen sich in der ländlichen Region teils verloren, sprechen meistens nicht Deutsch, treffen auf eine ihnen fremde Kultur. Probleme entstehen. Viele Deutsche fürchten Einschnitte, haben Angst vor steigender Kriminalität. Die Stimmung ist angespannt. Obwohl sie dieselbe Sprache sprachen und einen gemeinsamen Glauben hatten, verlief auch nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den deutschen Flüchtlingen und vielen Deutschen eine Kluft. Zwei Flüchtlinge haben der EJZ ihre Flucht geschildert: Elisabeth Klingelhöller entkam mit ihrer Familie 1944 aus Ostpreußen, Mohammed 2013 aus Syrien.

 

Mohammad spricht vom Schwimmen im Mittelmeer, vom Bolzen auf den Straßen der syrischen Hauptstadt, vom Nachtleben in den Clubs. Davon, wie schön es ist, den Tag in Damaskus an sich vorüber ziehen zu lassen. Erinnerungen, die Mohammads Augen solange leuchten lassen, bis seine Gedanken von der Realität eingeholt werden. Eine blutige Realität, die ihn seiner Heimat beraubte.

 

Wenn Elisabeth Klingelhöller aus Sallahn über ihre Kindheit in Ostpreußen spricht, leuchten ihre Augen. Privilegiert sei sie aufgewachsen, in Woopen, einem Nebengut des Guts Groß Klitten. Jäh endete die Kindheit der damals Zehnjährigen 1944. Die Flucht vor den heranrückenden Russen begann. "Es zerriss mich", erinnert sich Klingelhöller.

 

Mohammad ist 22 und musste vor zweieinhalb Jahren alles hinter sich lassen. Er redet ruhig und überlegt - in fast fließendem Deutsch. Trotzdem verrät der Klang seiner Stimme, wie sehr er seine Heimat vermisst. Und in der Fremde liegt vor ihm, wofür er fast sein Leben geopfert hat: eine Zukunft in Deutschland. Die Hilfsbereitschaft hier sei beispiellos gewesen. Nur kann auch die größte Solidarität nicht verhindern, dass Mohammad mit der Vergangenheit ebenso hart zu kämpfen hat wie mit seiner Zukunft. Auch zweieinhalb Jahre, nachdem er Damaskus hinter sich gelassen hat. Nicht nur Damaskus, sondern seine gesamte Familie, sein altes Leben. "Ich weiß nicht, ob meinen Eltern in diesem Moment etwas passiert. Vor ein paar Wochen ist erst wieder eine Bombe hochgegangen, von der mein Vater nicht mal 100 Meter entfernt war."

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Die erste Wahrnehmung einer Bedrohung war für mich, als mein Vater als Reserveoffizier eingezogen wurde und es hieß: ,Wir haben Polen den Krieg erklärt.' Ich fragte unseren Kutscher Link: ,Was ist Krieg?' Er schlug mit der Faust aufs Lenkrad: "Ach Marjellchen, da wird uns eine Scheiße eingebrockt, lass uns nicht darüber reden.' Später kam mein Vater schwer verwundet aus dem Polenfeldzug zurück. Ich hörte da zum ersten Mal, dass mein Vater offen über einen möglichen Russeneinfall in Ostpreußen sprach. Eine Ahnung muss mich da überkommen sei, dass es eine Bedrohung gab, die außerhalb des Machtbereichs meines Vaters lag. Jedenfalls fühlte ich mich plötzlich krank.Von diesem Tag an empfand ich den Krieg als immer noch weit weg und trotzdem nah. Wir hörten den Postboten sagen: ,Wieder einer gefallen, für Volk und Vaterland.'

 

In der syrischen Hauptstadt genoss Mohammad zunächst eine unbeschwerte Jugend, begann zu studieren. Sein Vater ist Ingenieur, die Mutter Lehrerin. "Ich musste während der Schulzeit nicht arbeiten, hatte Zeit für meine Freunde. Die Stadt war wunderschön. Noch um drei Uhr morgens sah man lachende Menschen auf den Straßen", sagt der 22-Jährige. Als er 2013 aus Damaskus geflohen ist, hat man nach 20 Uhr kaum mehr jemanden auf den Straßen gesehen. Lachend noch seltener. "Der Krieg hat die Menschen verändert", sagt Mohammad. "Nach dem arabischen Frühling wurde es mit der Assad-Regierung immer schlimmer. So etwas wie Meinungsfreiheit gab es nicht mehr." Es habe in der Bevölkerung immer weniger Vertrauen untereinander gegeben. Vieles hätte heimlich stattgefunden, weil die Menschen Angst davor hatten, etwas Falsches zu sagen und verraten zu werden.

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Eines Morgens im Jahr 1944 nahm mich Link in den Arm und brummelte: ,Gott schütze Euch und unser Vaterland.' Die Sonne war gerade so hoch gestiegen, dass ihre Strahlen, als wir über die Birkenallee fuhren, über die Dächer meines Zuhauses wie flüssiges Gold strahlten. Ich wusste und spürte in meinem Herzen: Ich würde es nie wieder sehen. Ich fing an zu heulen. Mein Vater gab mir die Leinen des Planwagens und sagte: ,Ja, wir sind auf der Flucht.' Ab da war man ein Flüchtling. Es war ein bitterkalter Winter."

 

Mohammad wurde in Dahaa geboren. Das ist eine Stadt an der jordanischen Grenze in Südsyrien, in der die Gefechte der Revolutionsführer ihren Anfang nahmen. Obwohl Mohammad sein ganzes Leben in Damaskus verbracht hat, wurde sein Geburtsort für ihn zum Problem. Der steht nämlich auf dem Pass, den er nahezu täglich bei Kontrollen vorzeigen musste. Der Schulweg dauerte dadurch dreimal so lange wie vor dem Krieg, für seinen Geburtsort wurde er von der Polizei mit Schlägen und Tritten bestraft. "Einige Polizisten haben mich misshandelt, als sie auf meinem Ausweis gesehen haben, dass ich aus Dahaa komme", erzählt er.

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Wir Kinder mit Christian, unserem Säugling, lagen dicht gedrängt hinter meinem Vater. Eine wahnsinnige Flucht, getrieben von Flugzeugen, die auf uns schossen und russischen Panzern, die die Gespanne der Flüchtenden einfach niederwalzten. Es ging vorbei an umgekippten Pferdewagen, an toten Kindern, an erhängten deutschen Soldaten, an frei laufenden Pferden, großen Herden von Kühen, die verloren im Schnee herumstanden, vorbei an brennenden Dörfern. Schreie. Immer wieder der Ruf hinter uns: ,Der Iwan kommt!' Aber bei all diesem Geschehen kann ich nicht sagen, was ich fühlte. Wie erstarrt. Alles ging wie im Film an einem vorbei. Tage lang nichts zu essen. Hunger und Durst spürten wir nicht. Ich weiß nur, meine Gedanken drehten sich um unsere Pferde, ob sie noch Kraft hatten und Wasser brauchten. Ja, das war wahrscheinlich für mich ein Anker, etwas wie Normalität: Man konnte etwas tun, hatte eine Aufgabe. Aussichtslose Situationen gab es viele und doch immer wieder einen Ausweg. Durch unsere Pferde und Gottes Gnade."

 

Anfang 2013 nahm der Krieg Mohammad seinen Onkel, der in Damaskus als Arzt gearbeitet hatte. Er behandelte verletzte Demonstranten kostenlos und versorgte sie mit Medikamenten. Kurz darauf explodierte eine Bombe in seiner Praxis, Mohammads Onkel starb. Daraufhin beschloss sein Neffe, sich politisch zu engagieren. Mohammad filmte Demonstrationen von Regierungsgegnern, postete Videos und Texte bei Facebook und Youtube. Zusammen mit Freunden wollte er regierungskritisch als freier Journalist berichten, Protest gegen das Assad-Regime dokumentieren. Kurze Zeit später stürmte die Polizei sein Zimmer im Studentenwohnheim, die Männer schlugen ihn eine halbe Stunde lang. "Sie sagten schlimme Dinge. Sagten, sie würden mich ins Gefängnis schicken. Mein Studium war damit beendet, ich wurde aus dem Studentenwohnheim geschmissen. Und ein Gefängnis in Damaskus wäre die größte Katastrophe gewesen", sagt Mohammad.

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Mit dem zweitletzten Truppentransporter kamen wir aus dem Kessel heraus. In einer Kabine, in der sonst acht Matrosen lebten, waren nun auf engstem Raum 43 Flüchtlinge. (...) Meinen älteren Bruder, der sich die Füße erfroren hatte, trug ich auf dem Rücken, um Wasser zu bekommen. Unser Säugling war sehr krank. Aus dem blühenden Kleinkind von sechs Monaten war ein Elendskind von acht Pfund geworden. Wir mussten zu Fuß weiter. Wir klopften an Türen. Einige sagten, wir sollten weiter ziehen, andere ließen uns ein und erlaubten, dass wir auf dem Fußboden schliefen. Das ist bis heute so geblieben: Es gibt solche und solche Menschen."

 

Mohammad floh im Februar 2013, hatte die Unterstützung seiner Eltern. Erst nach Ägypten, um in sicheren Zeiten schnell nach Syrien zurückkehren zu können. Dort arbeitete er bis zu 18 Stunden am Tag, musste sich das kleine Zimmer mit vier anderen teilen. Die Lage in Syrien verschlimmerte sich, sein Leben in Ägypten war nicht lebenswert. Mohammad fand im Oktober 2013 einen Schleuser, der ihn für 3500 Euro nach Italien bringen wollte. Das 16 Meter lange Boot war mit 270 Menschen hoffnungslos überfüllt. "Neun Tage waren wir unterwegs, es gab zwei Stürme. Ich habe dreimal gedacht, dass ich jetzt sterbe." Sie hatten nicht mehr als Wasser, Brot und Zigaretten. Der Rest des Proviants war durchnässt, weil sie zum Boot schwimmen mussten. Trotzdem kam er in Italien an, verbrachte eine Nacht im Notaufnahmelager. Ein anderer Schleuser brachte ihn nach Deutschland. Über diverse Stationen landete er schließlich durch den Kulturbahnhof Hitzacker bei Familie Pehlke.

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Wir standen da, ohne Lebensmittelkarten, ohne einen Kochtopf, ohne Ofen oder Herd, Bank, Tisch oder Stuhl. Heute weiß ich nicht, wie wir es geschafft haben. Dazu waren wir in einem Ort, wo ein Bürgermeister war, der uns beschimpfte, wir hätten feige die Heimat verlassen. ,Ihr Polenpack seid an allem Schuld!' (...) Flüchtling zu sein, heißt, improvisieren zu können aus Resten, die keiner mehr gebrauchen kann. (...) Meine Mutter rang noch immer um das Leben ihres jüngsten Kindes. So machte sie sich auf und lief die 20 Kilometer mit ihm nach Lüneburg, da sie gehört hatte, dort sollte ein Kinderarzt sein. (...) Ich sah am Morgen, dass ihre Füße blutig waren. (...) Das Kind brauchte Milch. Der Bürgermeister goss seinem Jagdhund frische Milch in die Futterschüssel und meinte: "Gute Frau, wenn ich jedem hergelaufenen Flüchtling eine extra Bratwurst braten sollte, dann hätte ich viel zu tun. Zum ersten Mal, denke ich, habe ich da Hass oder eine ohnmächtige Wut empfunden."

 

Mohammad hat ein dreijähriges Bleiberecht. Dreimal pro Woche geht er zum Deutschkurs. Er würde gern arbeiten, fiebert auf ein Studium hin. Seine Hochschulreife wird in Deutschland anerkannt, ihm fehlt nur noch das Deutsch-Sprachlevel B2 - B1 hat er schon. Informatik möchte er dann studieren. Was für Träume hat er? Er blickt verlegen, sagt, er habe keine großen Träume. Erstmal sei das Studium jetzt der nächste Schritt, dann will er weiter sehen. Vielleicht hat er zu viel erlebt, um zu träumen. Ob er irgendwann nach Syrien zurückkehren kann und möchte, weiß er nicht.

 

Aus Elisabeth Klingelhöllers Aufzeichnungen: "Eines blieb auch lange nach der Flucht in unserer Familie bestehen: Es kommt weder auf den Namen noch auf den Besitz an. Es kommt alleine auf einen selbst an, auf die Erkenntnis: ,Du musst dich zusammenreißen, um weiter zu kommen, nicht jammern, sondern nach vorne sehen.'" Elisabeth Klingelhöller ist 82 Jahre alt und lebt in Sallahn. In Ostpreußen ist sie nie wieder gewesen.

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