Online: 27.01.2016 - ePaper: 28.01.2016

Flüchtlingen ein Zuhause geben, sie integrieren, aufnehmen, mit ihnen gemeinsam leben - das ist das Ziel eines geplanten Wohnprojektes in Hitzacker. Ein Projekt, dass Modellcharakter hätte, und zwar bundesweit.

Ideengeber planen multikulturelles Mehrgenerationen-Wohnviertel für Deutsche und Flüchtlinge in Hitzacker

ZoomWas heute noch ein Acker ist, könnte demnächst ein multikulturelles Mehrgenerationen-Wohnprojekt werden. Wenn es nach dem Willen der Macher geht, denen ein genossenschaftliches Modell vorschwebt, könnte der erste Spatenstich bereits im Mai erfolgen. Dieser Zeitplan ist allerdings offenbar allzu ehrgeizig, denn es gilt, aus so manchem Fragenzeichen ein Ausrufezeichen zu machen.

bp Hitzacker. Entweder dieses Projekt geht mächtig in die Hose - oder es wird ein Modell für ganz Deutschland. Dazwischen ist kaum Platz für diese Idee, die nicht weniger wäre als eine Revolution im Umgang mit Flüchtlingen und im Miteinander zwischen Deutschen und Migranten.

In Hitzacker wollen einige Menschen aus dem Umfeld der Initiative Zuflucht Wendland ein multikulturelles Mehrgenerationen-Wohnviertel für bis zu 300 Menschen aus dem Boden stampfen. Seit Monaten trifft sich eine Gruppe aus Architekten, Handwerkern, einem Baustoffhändler und anderen, um die Idee voranzutreiben. Aus einer ersten Idee ist inzwischen eine konkrete geworden. Eine so konkrete, dass die Macher am Dienstagabend im Kulturbahnhof Hitzacker erstmals an die Öffentlichkeit gegangen sind, um die Idee vorzustellen und um Unterstützer zu werben. Sie stießen auf ein ebenso großes wie interessiertes und gemischtes Publikum. Rund 80 Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, junge und alte, Frauen und Männer: so vielfältig wie es sich die Initiatoren für das Projekt wünschen.

Die Idee sei aus der Erkenntnis entstanden, berichtete Thomas Hagelstein, dass Flüchtlingen in Europa "außer Containern und Repressalien" nicht viel angeboten werde. Zudem stelle sich die Frage, wie sich das Leben auf dem Land entwickeln lasse - schließlich seien Probleme wie die alternde Bevölkerung augenfällig. Das Wohnviertel - oder Dorf, wie es die Ideengeber nennen - will für beide Problemfelder eine Antwort geben. "Wir haben einfach mal ein genossenschaftliches Dorf erfunden", meinte Hagelstein.

Einfach mal erfunden, das mag sein. Einfach mal umsetzten, das geht nicht. Noch gibt es einige Fragezeichen hinter dem Projekt, das allerdings an einem Punkt ist, an dem die Initiatoren sagen: "Wir können starten." Ein konkretes Baugebiet ist gefunden: der als Wohngebiet ausgewiesene Räsenberg in Hitzacker, unweit des Gewerbegebiets. Die Kaufverhandlungen mit den zwei Eigentümern laufen, es besteht laut den Initiatoren Hoffnung auf eine Einigung. Auch die ersten Verhandlungen mit Banken seien gelaufen. Der Bebauungsplan müsste geändert werden, weil in dem Gebiet eigentlich Einfamilienhäuser geplant sind. Hitzackers Bürgermeister Holger Mertins (parteilos) sieht das Projekt positiv und denkt, dass der Stadtrat einer Änderung nicht im Wege stehen würde. Dass der erste Spatenstich im Mai erfolgen könnte, hält Mertins allerdings für sportlich.

Laut dem Hamburger Architekten Frank Gutzeit ist es nötig, mindestens 15 Menschen zu finden, die für je 20000 Euro Genossenschaftsanteile erwerben wollen und 60 Menschen, die in dem Wohnviertel wohnen möchten. Weil sich die Flüchtlinge einen Einkauf in die Genossenschaft nicht leisten können, sollen das Paten übernehmen. Im nächsten Schritt können sich die Flüchtlinge durch ihre Arbeit in dem Projekt Anteile an der Genossenschaft erarbeiten. Das, was dann folgen könnte, soll laut Gutzeit eine "Form des Lebens, die mehr kann als das, was es bisher gibt" sein, ein "sich selbst entwickelndes Projekt", in dem Gewerbe und Wohnen möglich sind.

Hausmodelle gibt es noch nicht, klar ist hingegen, dass Mehrfamilienhäuser und günstiger Wohnraum entstehen sollen. Die Häuser sollen in modularer, aber hochwertiger Bauweise entstehen, ohne den Charakter von Fertighäusern zu haben. Die späteren Bewohner sollen am Bau der Häuser mitwirken. Es ist ein zentrales Anliegen, die vorhandene Kraft und das Wissen der Flüchtlinge einbinden. Laut Hauke-Stichling Pehlke soll die Idee zu einem "Export-Ding" werden, die Flüchtlinge könnten zu Experten werden, die das Projekt in andere Gegenden tragen. Mit Hochdruck sind die Macher dabei, um Fördergelder zu werben.

Es werden Leute gesucht, die sich ins Projekt einbringen. Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.zufluchtwendland.de/projekt-interkulturelles-generationendorf.

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