Online: 26.02.2016 - ePaper: 27.02.2016

Brandbriefe und Krisentreffen: Gleich aus mehreren Richtungen haben die EJZ in den vergangenen Tagen Infos erreicht, dass in der Flüchtlingsunterkunft des Landkreises in Wittfeitzen längst nicht mehr alles rund läuft. Die Betreiber der Einrichtung und der Landkreis sehen das anders.

Ärger um Flüchtlingsunterkunft in Wittfeitzen

ZoomUm die Flüchtlingsunterkunft des Landkreises in Wittfeitzen, nämlich in der dortigen Einrichtung Leben in Bewegung, gibt es viel Ärger. Flüchtlingshelfer sprechen von vielen Missständen, es gab bereits Hausverbote und das gesamte Küchenteam hat gekündigt. Das Betreiberehepaar spricht von üblen Verleumdungen, erwägt rechtliche Schritte dagegen.

tl Wittfeitzen. Brandbriefe, Mitteilungen über Krisentreffen, Leserbriefe: Gleich aus mehreren Richtungen haben die EJZ in den vergangenen Tagen Infos erreicht, dass in der Flüchtlingsunterkunft des Landkreises in Wittfeitzen, wo derzeit 67 dem Landkreis fest zugewiesene Flüchtlinge leben, längst nicht mehr alles rund läuft.

Die Rede ist von Hausverboten per Mail gegen ehrenamtliche Mitarbeiter, einem harschen Umgangston der Einrichtungsleitung gegenüber Flüchtlingen und Mitarbeitern, von Kündigungen, kalten Zimmern, Nichtbeachten der Privatsphäre auf den Zimmern der Flüchtlinge. Gleich eine ganze Reihe von Vorwürfen steht im Raum. "Ich hatte in den Räumen von Zuflucht Lüchow ein Krisentreffen organisiert. Was die Flüchtlinge da erzählt haben, war nicht ohne", berichtet Flüchtlingsunterstützerin Uta Müller. Man habe bereits mehrfach versucht, mit der Einrichtungsleitung und dem Landkreis ins Gespräch zu kommen. Doch bei beiden habe man auf Granit gebissen, "die ganzen Missstände seien erfunden, hat man uns da gesagt", ist Müller enttäuscht. Sie fordert, endlich offen darüber zu sprechen und gemeinsam eine Lösung zu finden. In einem Brandbrief - der auch der EJZ vorliegt - titelt sie: "Wer hat hier den Lagerkoller?" und macht darin auf viele Missstände aufmerksam. Zudem sei Wittfeitzen ob seiner Abgeschiedenheit nicht geeignet, "es fehlen regelmäßige Busanbindungen, die Wege zum Arzt sind entsetzlich weit", betont Müller.

Es sind schwere Vorwürfe in Richtung Einrichtungsleitung. Was sagt man in Wittfeitzen dazu? Geschäftsführerin Christiane Westermann und die sozialpädagogische Mitarbeiterin Mariska Koelewijn fühlen sich merklich angegriffen von den Vorwürfen, bestätigen aber auf Nachfrage, dass es Hausverbote gegen zwei ehrenamtliche Helferinnen gibt. "Die sind aus der Situation heraus entstanden. Man hat uns übel verleumdet, wir würden nicht helfen und alles blockieren", sagt Westermann: "Es ging einfach nicht mehr."

Auch, dass Mitarbeiter aus der Küche gekündigt haben, bestätigt Westermann. Sie sprach gegenüber der EJZ von zwei Mitarbeiterinnen. Die betreffenden Frauen, die wenig später ohne Westermanns Beisein noch einmal um ein Gespräch baten, erzählten von vier Kündigungen aus der Küche: "Das gesamte Küchenteam ist in zwei Tagen hier raus." Auch hat Westermann von dem besagten Krisentreffen in Lüchow mitbekommen, bei dem die Wittfeitzener Flüchtlinge waren. "Da waren höchstens 20 von unseren Bewohnern", erklärt die Geschäftsführerin. "Und das ist schon hochgeschätzt." Dem gegenüber stehen Aussagen von Mitarbeitern des Treffpunktes Zuflucht Lüchow. Demnach seien die Räume dort "proppevoll" gewesen, sie sprechen von fast ausnahmslos allen Bewohnern, die da gewesen seien.

Westermann und Koelewijn betonen, dass man die Flüchtlinge immer unterstütze, ihnen Mitfahrangebote organisiere, sie zur Bushaltestelle bringe, regelmäßig finden in Zusammenarbeit mit der Ländlichen Erwachsenenbildung Sprachkurse direkt auf dem Gelände statt. Die Privatsphäre werde sehr wohl gewahrt, Zimmerbegehungen, um den Brandschutz zu überprüfen, würden angekündigt. Es laufe alles gut. Das wirkt bei einem unangekündigten Besuch in der Wohnanlage tatsächlich so. Sie sei zu einem Essen mit Flüchtlingen eingeladen, sagt Christiane Westermann. Flüchtlinge, denen sie begegnet, grüßen sie freundlich. Eine Gruppe von gut zwölf Flüchtlingen kocht draußen über offenem Feuer. Trügt der Schein?

Das Küchenpersonal berichtet wenig später, dass es heimlich Essen aus der Küche für die Feuerstelle herausgegeben hätte, "das dürfen wir nicht, das hätte richtig Ärger gegeben. Und jetzt heißt es plötzlich: Sie sind eingeladen. Komisch", sagt eine Frau. Für Westermann steht fest: "Wenn es diese Verleumdungen weiter gibt, werden wir rechtliche Schritte erwägen. So geht das nicht." Sie und Koelewijn hätten sich gewünscht, dass diejenigen, die die Brandbriefe geschickt haben, sich mit ihnen "konstruktiv zusammengesetzt" hätten und "nicht nur gemeckert" hätten, was alles falsch laufe. "Hier ist grundsätzlich jeder willkommen, der mithelfen möchte", betont Koelewijn. Sicherlich sei nicht alles rund gelaufen bisher, aber jetzt habe man sich eingespielt, jetzt laufe es.

Nach dem Gespräch im Hausbüro kommen mehrere Flüchtlinge und wollen ein Gespräch - ohne Betreiber. "Man behandelt uns schlecht. Man hilft uns nicht. Eine kranke Frau musste zu Fuß zur Bushaltestelle laufen: drei Kilometer", berichtet eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm. Sie ist sich sicher, dass die Kochgruppe nur ein kleiner Teil der Bewohner ist. Der größte Teil wolle dort so schnell wie möglich weg. Nicht, weil die Häuser schlecht seien - "wir haben sogar entzerrt und konnten separate Kinderzimmer schaffen", betont Westermann -, sondern weil es menschlich nicht gut laufe. Die Fronten sind deutlich verhärtet. Immer wieder schaut die Frau sich um, ob jemand zuhört. Sie will unerkannt bleiben.

Beim Landkreis sieht man das Ganze nicht so dramatisch: "Es ist wirklich gut gestartet. Die Einrichtungsleiter haben tolle Ideen für Integrationsarbeit", berichtet Susanne Lüth-Küntzel, Fachdienstleiterin Soziales. Sie stehe im regelmäßigen Mailkontakt mit den Westermanns und erfahre da fast nur Positives. "Natürlich läuft nicht immer alles rund. Wir mussten ihnen auch sagen, dass sie sich nicht als Herbergseltern, sondern als Einrichtungsleiter verstehen sollen", betont Lüth-Küntzel. Die Integrationsbeauftragte des Landkreises, Kerstin Prystuppa, gibt zu bedenken, dass der Start vonseiten der Flüchtlinge alles andere als optimal gelaufen sei: "40 Flüchtlinge standen hier im Kreishaus und wollten das Haus nicht verlassen, als sie gehört haben, dass sie nach Wittfeitzen sollen. Die Einrichtungsleiter hatten aber alles vorbereitet, hatten die Flüchtlinge mit warmem Essen empfangen wollen." Am Ende konnten sie die Flüchtlinge dazu bewegen, in den Bus einzusteigen. Ähnlich sei es mit den anderen 40 Flüchtlingen zwei Wochen später gelaufen. Geschichten wie diese sind immer wieder zu hören, zuletzt auch aus Salzwedel.

Dass die Wahl auf Wittfeitzen gefallen sei, habe man vorher "gut abgewägt" worden, versichern Lüth-Küntzel, Prystuppa und der Erste Kreisrat Claudius Teske im Gespräch mit der EJZ. Man habe viele Gespräche mit den Leitern der Einrichtung geführt, sich mehrmals vor Ort getroffen, um sich alles anzuschauen. "Wir hatten und haben noch immer ein gutes Gefühl", erklärt Lüth-Küntzel. Sicherlich sei Wittfeitzen als abgelegener Ort nicht unbedingt optimal, aber: "Wir hatten mal den Luxus, dass wir jedem Asylbewerber eine eigene Wohnung vermitteln konnten. Zu dem Zeitpunkt, als die 80 fest zugewiesenen aus der Notunterkunft Lüchow dazukamen, hatten wir nicht für alle sofort eine Wohnung. Deshalb haben wir die Gemeinschaftsunterkunft gewählt. Außer Wittfeitzen kam nichts infrage", sagt Lüth-Küntzel. Zudem sehe das Gesetz vor, Bewerber in Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen, ergänzt Prystuppa. "Das wissen viele gar nicht." Der Landkreis habe seinen Ermessensspielraum bei der Unterbringung bisher eben "sehr weit ausgereizt", das könne man jetzt nicht mehr.

Und im Kreishaus will man auf jeden Fall an der Unterkunft in Wittfeitzen festhalten, hält sie nach wie vor für geeignet. Alles laufe im Moment rund, sagen die Eigentümer. Wenn es dort weitergehen soll, muss sich auf jeden Fall vieles ändern und eine gemeinsame Lösung her, fordern einige Flüchtlingshelfer.

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