Online: 13.04.2016 - ePaper: 14.04.2016

Tom Wittner aus Dannenberg war zwei Wochen lang in Idomeni in Griechenland. Dort half er in provisorischen Flüchtlingscamp. Wittner berichtet von menschenunwürdigen Bedingungen und der größten humanitären Katastrophe seiner Generation.

Tom Wittner aus Dannenberg berichtet von seiner zweiwöchigen Hilfstour durch griechische Flüchtlingscamps

ZoomEin Güterzug rollte mitten durch das provisorische Flüchtlingscamp an der griechischen Grenze in Idomeni.

tl Dannenberg/Idomeni. Massenweise stehen die Zelte wahlweise im Matsch oder auf Schotter. Und mittendrin rauscht ein Güterzug durch das provisorische Camp. "Für die Güter wird die Grenze geöffnet, für die Flüchtlinge nicht", ist Tom Wittner aus Dannenberg verärgert. Der 73-Jährige ist gerade zurückgekehrt von einer privat finanzierten Reise in die griechische Grenzstadt Idomeni, wo tausende Flüchtlinge gestrandet sind und unter unzumutbaren Bedingungen hausen: in einer Zeltstadt des Elends.

Fast seine gesamten Ersparnisse hat der Dannenberger aufgebraucht, um in Idomeni zu helfen. "In den ersten Tagen des März konnte ich irgendwann die Fernsehbilder nicht mehr ertragen, und die Vorstellung, Ostern nach einem guten Essen auf dem Sofa zu sitzen und die Menschen in Idomeni im Schlamm zu sehen, erschien mir pervers", erzählt Wittner von seiner Motivation. Die Menschheit erlebe zurzeit die größte humanitäre Katastrophe Wittners Generation, ist der Rentner überzeugt. Deshalb wollte er schon vor Wochen in Dannenberg helfen und eine Wohnung für Flüchtlinge besorgen. Er scheiterte jedoch an bürokratischen Hürden (EJZ berichtete). Die Flüchtlinge, die er damals betreute, würden derzeit von Turnhalle zu Turnhalle weitergeschoben, sagt Wittner. Das war für ihn noch ein Grund mehr, jetzt am Krisenherd selbst mit anzupacken. Und anzupacken gab es in Griechenland einiges. "Ich habe mir ein kleines Auto gemietet und damit alles herangeschafft, was in den Camps gebraucht wurde." An einem Tag war das Babynahrung, an anderen Tagen waren es Feuchttücher oder Snacks. Dabei hatte Wittner zuerst vor, auf andere Weise zu helfen. "Doch dann haben mir Bekannte aus dem Landkreis und aus ganz anderen Regionen Deutschlands und Europas Geld anvertraut. So kamen schnell einige Tausend Euro zusammen, für die ich plötzlich verantwortlich war." Deshalb änderte er seine Pläne und wollte unbedingt, dass jeder Cent in Idomeni ankommt. Er schloss sich mit der dortigen deutschen evangelischen Kirchengemeinde zusammen, machte mit deren Hilfe zusammen die ersten Einkäufe, packte Snack-Pakete, um sie später zu verteilen. "Die Gemeinde engagiert sich unglaublich viel. Die Mitglieder helfen, wo sie können", freut sich Wittner.

Was er dann in den Camps zu sehen bekam, bedrückte ihn sehr. "Ich bin aber aus meiner Arbeit beim Katastrophenschutz des Deutschen Roten Kreuzes diese Anblicke des Elends gewohnt." Wohl auch deshalb verkraftete Wittner es recht gut, inmitten des Elends professionell zu arbeiten. "Dennoch ist der Anblick von Kindern, die in Schlammgruben spielen müssen, schlimm. Überall lag beißender Rauch in der Luft, die Flüchtlinge verbrennen so ziemlich alles an Müll in den Lagern. Es war kaum auszuhalten", erinnert sich der Dannenberger. Von den Bergen zog die Kälte in die Zeltcamps, dazu ständig Sturm und heftiger Regen. "Das ist menschenunwürdig", ist Wittner überzeugt. Er ist sich sicher, dass die "europäischen Werte gerade den Bach heruntergehen". Es sei nur ein Zufall, "dass wir selbst gerade keine Flüchtlinge sind. Es könnte jeden treffen, das muss doch in die Köpfe der Menschen gehen", sagt Wittner.

So wie Wittner hat es übrigens einige Menschen aus Lüchow-Dannenberg in die Krisengebiete fernab des Wendlands gezogen: Der Arzt Ijos Bietzker etwa ist ebenfalls in Idomeni, hat einen Transporter besorgt, mit dem er auf eigenen Kosten nach Griechenland gefahren ist, um zu helfen (EJZ berichtete). Mit ihm hatte Wittner einige Male Kontakt. Auch die hiesige Hebamme Katja Tempel hat sich auf den Weg nach Südosteuropa gemacht. Sie hilft dort im Namen des Vereins "Grenzenlos - People in motion", der mit dem Bund für Soziale Verteidigung kooperiert, vor allem Schwangeren und Kleinkindern. Ihr Vater war einst Vorsitzender des Bundes für Soziale Verteidigung.

Sie alle haben dasselbe Ziel vor Augen: Sie wollen uneigennützig helfen. "Das, was ich, was wir tun, ist zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Tom Wittner. "Aber wir sollten nie aufhören, wenigstens der Sand in der perfiden Maschinerie der derzeitigen Flüchtlingspolitik in Europa zu sein, und nicht das Öl, das die Maschinen antreibt."

 

Spenden
Auch jetzt noch hat Tom Wittner regen Kontakt zur deutschen Gemeinde in Idomeni. Wer die Helfer dort unterstützen will, kann das durch Spenden auf folgendes Bankkonto tun: Inhaber: Ev. Kirche deutscher Sprache, IBAN: DE 42 52 06 04 10 00 06 43 00 58, BIC: GENODEF1EK1 (Evangelische Bank rG).

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