Online: 08.05.2016 - ePaper: 09.05.2016

Die Gefahr einer digitalen Diktatur war das Thema, über das zu sprechen der Soziologe Harald Welzer im Rahmen der Gesprächsreihe "Wurzeln und Flügel" nach Brünkendorf gekommen war.

Der Soziologe Harald Welzer bei Kultureller Landpartie zu Gast in der Gesprächsscheune in Brünkendorf

ZoomUnterhielten sich in Brünkendorf über die digitale Diktatur: der Soziologe und Totalitarismusforscher Harald Welzer (links) und Reinhard Kahl.

sum Brünkendorf. "Wurzel und Flügel" ist das Motto einer Gesprächsreihe, die im Rahmen der KLP täglich bei Hanna und Reinhard Kahl in Brünkendorf stattfindet. Kritische Geister, Philosophen, Sozialwissenschaftler und Künstler sollen das "Wagnis, selbst zu denken, stimulieren", wünschen sich die Veranstalter. Den Auftakt machte am Donnerstag der Soziologe und Totalitarismusforscher Harald Welzer.

Viele, viele kamen, saßen dicht gedrängt in und vor der Gesprächsscheune und ließen sich von dem spannenden und interessanten Diskurs zweier kluger Köpfe in den Bann ziehen - und sicher auch inspirieren.

Der Titel des Gesprächs, das Reinhard Kahl und Harald Welzer führten, lautete: "Wie wollen wir leben?" Sicher nicht so, wie es Welzer in seinem Buch "Die smarte Diktatur" thematisiert. Doch tun wir es nicht längst? Es geht um die schleichende Gefahr des digitalen Totalitarismus', der im Begriff sei, sagt Welzer, unsere Demokratie zu unterwandern. Konzerne wie Google, Amazon und Facebook verhießen eine bessere Welt - und lockten damit unter ihre Herrschaft, erklärte der Soziologe.

Mit diesem Machtzuwachs hätten die Gründer nicht gerechnet, er werde kritiklos von einer konsumorientierten Gesellschaft wahrgenommen. Internetportale besetzten mehr und mehr das Ureigenste der Individuen, kontrollierten soziales Leben, entschieden, was gut für den Menschen ist und wie dessen Leben, wie Zusammenleben auszusehen habe. Unterschwelliger Nebeneffekt: Alle Daten könnten heutzutage problemlos "geerntet" werden. Google und Co. wüssten oft mehr über den Menschen als er selbst und arbeiteten an der Abschaffung des Privaten: "Ein zerstörender Prozess."

Wenzel wunderte sich über die breite Akzeptanz in der Bevölkerung, in der etwa viele Fitnessarmbänder trügen. Kaum zu glauben, aber wahr, ist eine Neuheit in dieser absurden virtuellen Welt: die App, die die momentane Befindlichkeit bewertet. Der Autor sprach vom "Totalitarismus ohne Uniform", von einer Form der Diktatur, die mit herkömmlichen nicht zu vergleichen sei. Das Selbst zu besetzen, das sei der Sinn von Diktatur. In diesem Fall funktioniere sie ohne identifizierbare Diktatoren. Diese Entwicklung mache ihn ratlos.

"Hätten wir uns das vor ein paar Jahrzehnten vorstellen können? Wollen wir so leben?" In einer Hyperkonsumgesellschaft, die keinen Raum lässt für das Individuelle und das Eventuelle? Wo unbeabsichtigte Begegnungen und Fremderfahrungen nicht mehr zugelassen werden, weil eine "smarte Diktatur" weiß, was der Mensch liest, einkauft, mit wem und worüber er sich austauscht? "Wo sind die Menschen, die etwas dagegensetzen?", fragte der Soziologe. "Die wieder selbst denken?", wollte Reinhard Kahl wissen. Gibt es Beispiele für eine gelebte Gegenästhetik?

Kahl und Welzer befassten sich mit dem großen Engagement der Bevölkerung für Flüchtlinge im vergangenen Sommer. "Und das nach unserer deutschen Geschichte!" Diese Sternstunde der Demokratie sei viel zu wenig wahrgenommen worden.

Nicht auf Pegida und Co. sollte der politische und mediale Fokus liegen, sondern auf den zahlreichen Beispielen der positiven gesellschaftlichen Veränderungen, von denen Harald Welzer in der von ihm mitbegründeten gemeinnützigen Stiftung "Futurzwei" erzählt. Bei diesem Zukunftsarchiv (www.futurzwei.org) werden Geschichten des Gelingens und zum Weitererzählen gesammelt, von Menschen, die ihre Welt verändern, indem sie Ideen über andere Formen des Produzierens und Wirtschaftens umsetzen und damit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit praktisch machen.

Zum Beispiel die von Sina Trinkwalder, die mit ihrer Augsburger Textilfabrik "Manomama" das Gegenteil der konventionellen Wirtschaftsform praktiziert, viel für die Gemeinwohlökonomie tut und dabei auch noch erfolgreich ist. Welzer: "Viele Menschen unserer Gesellschaft wissen, dass die Not vieler Menschen etwas mit unserer Nichtnot zu tun hat." Doch damit nicht genug. Welzer empfiehlt, die Dinge mehr in Zusammenhängen zu sehen: "Wir haben das Privileg, in einer Gesellschaft zu leben, die Freiheit garantiert. Wir sollten politisch wieder radikaler werden, als es in den letzten Jahrzehnten der Fall gewesen ist."

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