Online: 08.05.2016 - ePaper: 09.05.2016

Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Oldenburg, sprach sich bei der KLP in Güstritz für eine grundsätzliche Wachstumskritik aus. Er sprach sich für eine "doppelte Reduktionsstrategie" aus Suffizienz und Subsistenz aus

Der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech plädiert bei Kultureller Landpartie in Güstritz für grundsätzliche Wachstumskritik

ZoomRadikale Wachstumskritik ist etwas, das Niko Paech (rechts) und Hermann Klepper von der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt verbindet. Am Freitag sprach Paech in Güstritz.

tj Güstritz. Erich Honecker, Klaus Wowereit und das Bankhaus Lehmann-Brothers: Diesem Trio gebührten Preise für den effektivsten Klimaschutz. Dem Ersten, weil es ihm gelungen sei, die ökologisch hochproblematische Wirtschaft der DDR verschwinden zu lassen, dem Zweiten, weil er trickreich die Inbetriebnahme der CO2-Schleuder Flughafen Berlin-Brandenburg hintertrieben habe, und dem us-amerikanischen Bankhaus, weil die von ihm ausgelöste Finanzkrise des Jahres 2008 Ursache für den einzigen bemerkenswerten Rückgang klimaschädlicher Emissionen in Deutschland seit Ausrufung der Energiewende war. Umgekehrt sei deren Strategie, etwa auf die "ruinöse und Kohlendioxidausstoß steigernde Bioenergie" zu setzen, von einer an "Dummheit grenzenden Ineffizienz".

Ironie und Polemik blieben hübsche Randerscheinungen. Seine Kritik herkömmlicher Vorstellungen, wie eine ökologisch verträgliche Wirtschafts- und Lebensweise erreicht werden könnte, stützte Professor Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Oldenburg, eher auf Fakten. Notwendig sei eine grundsätzliche Wachstumskritik, die "eine kulturelle Transformation" bedeute, betonte er am Freitag vor gut 200 Zuhörern bei einer von der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt (ANU) und der Kommune Güstritz im Rahmen der Kulturellen Landpartie organisierten Veranstaltung.

Der Diskurs um ein "grünes Wachstum" sei eine "Gespensterdiskussion". In der bisherigen Geschichte sei es immer gelungen, die durch die technische Entwicklung gesteigerte Arbeitsproduktivität durch Wachstum aufzufangen, was Voraussetzung sei, soziale Verwerfungen zu vermeiden. Anders als etwa in den 1960er-Jahren, in denen es mehr Wachstum gab, als zur Vollbeschäftigung notwendig, sei heute angesichts der in den Startlöchern stehenden "Industrie 4.0" und des von ihr zu erwartenden Produktivitätschubs (allein in Deutschland könnten bis zu 18 Millionen arbeitslos werden) "mehr Wachstum nötig als möglich."

Angesichts dessen reiche das Konzept des grünen Wachstums nicht, das auf technischen Fortschritt, etwa gesteigerte Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft setze, um bei gleichbleibendem Wohlstand die "Schädigung der Biosphäre" zu beenden, erläuterte Niko Paech. Notwendig sei eine Umorientierung: Da "Energiewende erstens Energie sparen, zweitens Energie sparen und drittens Energie sparen" bedeute, sei eine "doppelte Reduktionsstrategie" aus Suffizienz und Subsistenz notwendig. Einerseits gehe es darum, menschlichen Konsum auf das eigene Wohlbefinden auszurichten, statt "Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, um Menschen zu beeindrucken, die man nicht leiden kann". Auf der Produktionsseite seien ein Rückbau der Industrie, eine Regionalisierung der Wirtschaft notwendig. Drittens gehe es um einen "marktfreien Output", dessen Charakteristika es seien, Dinge selbst zu produzieren, sie mit anderen zu teilen und die Produktion auf die eigenen Fähigkeiten auszurichten.

Nicht nur die Fähigkeit zur dezenten (Selbst)ironie, wie eingangs zitiert, unterscheidet Paech von den Aposteln des grünen Juste Milieu, sondern auch ein gewisser Optimismus. Es sei eine "gewisse, zaghafte Resonanz" auf die Wachstums-kritik feststellbar, Krisen wie die aktuelle seien eine Chance, wenn "gelebtes Erfahrungswissen da ist". Soziale Diffusion, die Begegnung mit von Einzelnen gelebten Modellen einer Postwachstumsökonomie im Alltag, sei wohl die derzeit erfolgversprechendste Strategie.

Doch ob sie eine Antwort geben kann auf das, was "trotz dessen Absurdität" das "Wachstum so sexy macht", wie es Biolandwirt Christoph Schäfer, in dessen Kartoffelscheune Niko Paech sprach, eingangs feststellte, bleibt offen. Denn unabhängig davon, dass es Weltregionen gibt, in denen selbst "schmutziges Wachstum" wünschenswert ist, wie Paech feststellte, gibt es ein Moment, das Paech streifte, als er davon sprach, dass ein großer Teil Migranten nach Europa komme, weil sie sich "von etwas angezogen fühlten." So zerstöre "unser Kulturmodell", das "andere minderwertig erscheinen lässt", ein "mögliches zufriedenes Leben". Doch was es für eine Postwachstumsökonomie bedeutet, dass Menschen gegen solche Zufriedenheit einer von unmittelbaren Gewaltverhältnissen von Clans und religiösen Rackets geprägten Welt auf der Freiheit der Wachstumsgesellschaft bestehen, das blieb ein Randthema.

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