Online: 09.05.2016 - ePaper: 10.05.2016

Beim Mühlengespräch Lübeln der Kulturellen Landpartie präsentierte Foodwatch-Mitgründer Thilo Bode sein düsteres Bild der Wirklichkeit

ZoomDie Macht der großen Wirtschaftsunternehmen über die Politik ist nach Ansicht von Thilo Bode (rechts), dem ehemaligen Greenpeace-Chef und Gründer von Foodwatch, die Ursache vieler aktueller Probleme. Bode war Gast beim Lübelner Mühlengespräch, das Christoph Lütgert moderierte.

fk Lübeln. So ähnlich ist es auf Demonstrationen von sogenannten Wutbürgern zu hören: "Ich bin jeden Tag fassungslos, wie sehr wir belogen werden." Aber der das am Freitagabend in Lübeln sagte, ist alles andere als ein Pegida- oder AfD-Vertreter. Thilo Bode stand jahrelang an der Spitze von Greenpeace Deutschland und Greenpeace International. Heute ist er Geschäftsführer von Foodwatch, einer Organisation, die über die Strategien der Lebensmittelkonzerne aufklären will. Am Freitag war er Gast des "Lübelner Mühlengesprächs", das regelmäßig zu Zeiten der Kulturellen Landpartie mit dem Journalisten Christoph Lütgert als Moderator stattfindet.

Dass es so etwas wie die AfD überhaupt gibt, liegt laut Bode daran, dass die anderen Parteien die tatsächlich vorhandenen Probleme und zentralen Fragen nicht behandeln. Da sehe es ziemlich düster aus, und Lösungen seien, wenn überhaupt, nicht von der Politik, sondern allenfalls von der Weigerung der Bürger, weiter mitzumachen, zu erwarten. Und ganz im Gegensatz zu Pegida und AfD sind bei Bode nicht die Schwachen die Schuldigen. Es sind im Gegenteil die Stärksten, die Konzerne.

"Das Hauptproblem sind die Machtverhältnisse", erklärte der Foodwatch-Gründer. Die Globalisierung ist bisher nur in eine Richtung gegangen, in Richtung der Konzerninteressen. Die Kontrolle auf der anderen Seite sei nicht mitgewachsen. Es gebe für die Konzerne nur Rechte, keine Pflichten aus den in den Handelsabkommen vorgesehenen Schiedsgerichten.

"Gesellschaftspolitische Regelungen dürfen nicht Gegenstand von Verhandlungen über Handelsabkommen sein", meinte Bode. TTIP und sein Türöffner CETA, das Abkommen mit Kanada, dürften nicht in Kraft treten. Wenn es wahr wäre, was die Propagandisten der Handelsabkommen behaupteten, es ginge nämlich nur um Zollsenkungen, dann könnte man gern ein Abkommen unterzeichnen, erklärte Bode. Doch darum gehe es in Wirklichkeit nicht. Es gehe darum, den Konzernen den Zugriff auf die künftige Regulierung gesellschaftspolitischer Fragen zu erlauben. Anderslautende Behauptungen von Regierungsseite seien falsch. "Gabriel und sein Staatssekretär Machnig lügen, dass es kracht", sagte Bode. Dabei hat er einst den Juso-Ortsverein in seinem Heimatort gegründet.

Die soziale Gerechtigkeit, einst ein Kernthema der SPD, sieht Bode heute allenfalls noch bei der Partei Die Linke aufgehoben, wenn überhaupt. Die SPD ist für ihn dagegen Teil des politischen Systems, das an einer engen Verflechtung mit Unternehmen und Banken kranke. "In diesem System spielen alle eine Rolle." Die Gesellschaft ist seiner Ansicht nach in einer Schieflage. Chiffren dafür seien neben TTIP der Skandal um die Betrügereien der Autokonzerne, die Entdeckungen durch die Panama-Papiere oder die Außenpolitik.

Dass es so viele Flüchtlinge gibt, ist nach Bodes Ansicht auch eine Folge der Außenpolitik des Westens, der sich im Nahen Osten mit diktatorischen Regimen gemein gemacht hat, wegen des Öls und wegen Israel. Die Radikalisierung der Bevölkerung dort habe sich dann auch gegen den Westen in Form von Terrorismus gerichtet. Bode nannte als Beispiel Tunesien, das er aus seiner Zeit als Entwicklungshelfer kennt. Überhaupt die Entwicklungshilfe. Sie gehört nach seiner Ansicht schlicht abgeschafft. Die Länder, denen eine Entwicklung gelungen sei, hätten dies trotz Entwicklungshilfe geschafft. Die Außenpolitik gehöre vom Kopf auf die Füße gestellt.

Das zentrale Problem ist für Bode jedoch die viel zu große Macht der Konzerne. "Das klingt wie aus der kommunistischen Mottenkiste", weiß er. Dennoch sei es wahr. Die Gesellschaft wisse längst, wo die Lösungen liegen. Nicht Lösungen zu finden, sei das Problem, sondern deren Umsetzung. Dem stehen seiner Ansicht nach zu viele starke Interessen entgegen. Was auch Auswirkungen auf die Wiedergabe der Wirklichkeit in den Medien habe. "Wir kommen kaum noch vor", meinte Bode in Richtung seines Gesprächspartners, des Journalisten Christoph Lütgert. Der wehrte sich: "So schlecht sind wir auch wieder nicht."

Das Mühlengespräch in Lübeln ist einer der wenigen Punkte während der Landpartie, an dem es um politische Informationen geht und wo dieses Angebot auch angenommen wird. Dass die Scheune auf dem Mühlenhof so voll besetzt war, lag auch an der Prominenz des Gesprächsteilnehmers.

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