Online: 12.05.2016 - ePaper: 13.05.2016

Manchmal ist die Verbindung von Stadt und Land bei der Kulturellen Landpartie nur indirekt. Aber an einigen Orten ist die Verbindung eng, und es gibt sie in ganz unterschiedlichen Feldern.

Hat die Kulturelle Landpartie Bezug zu Städten?

ZoomGäste aus der Gruppe um das frühere Berliner Kunsthaus Tacheles stellen auch in diesem Jahr bei der KLP aus. Sie gehören zu denen, die Kunst aus der Großsstadt zur Landpartie bringen.

tj Lüchow. Manchmal ist die Verbindung hauchdünn, nur indirekt, fast in homöopathischen Dosen. Manchmal wiederum ist sie ausgeprägt, ist sie Programm, fällt auf den ersten Blick ins Auge. Nicht im Reisebegleiter, in dem muss etwas blättern, wer Kunst und Kunsthandwerk aus Städten oder mit thematischem Bezug zum Lebensraum Stadt bei der Kulturellen Landpartie auf die Spur kommen will. Jedenfalls wenn damit etwas anderes gemeint ist als eine Einladung an einen Stadtmenschen zur Beteiligung an einer Ausstellung. Aber an einigen Orten ist Verbindung eng, und, das ist überraschend, es gibt sie in ganz unterschiedlichen Feldern.

Bei Designern wie bei Kunstkollektiven etwa. "Statt Stadt aufs Land": Dieses Motto des diesjährigen Wunderpunkts des Raums 2 in Neu Tramm hat Moritz Barre realisiert, nachdem er 2012 am Designcamp der Grünen Werkstatt Wendland (GWW) teilgenommen hatte. Damals lebte er in Kiel. Doch sein Metier, das er auf seiner Visitenkarte als "handcraft & design" beschreibt, ist von den Arbeiten der Gruppe "LeipZIG-ZAG", die in diesem Jahr in Neu Tramm zu Gast ist, Lichtjahre weit weg. Moritz Barre sitzt unter der großen Kastanie des Werkhofes Kukate und arbeitet an einem Holzobjekt. Mikrohousing ist ein anderes Arbeitsfeld des Designers. Ein Projekt im Anfangsstadium: Aus einem Container soll ein bewohnbares Gebäude werden, ein Gartenhaus vielleicht. In der Idee ist mehr drin: In der Ausstellung im Dachgeschoss, in der auch Filzwaren oder Informationen über eine "Eating Designerin" zu finden sind, zeigt eine Computeranimation ein Mikrohaus. Ansprechend modern. "Mein Traum wäre eine energetisch autarke Zelle", aber "wir wissen noch nicht genau, wo es hingeht", sagt Barre über die Arbeit an so einem Haus, die er und ein Kollege begonnen haben.

Das geht auf dem Land. "Man hat einfach mehr Platz", sagt Michelle Mohr, auch sie eine Designerin, die es nach dem GWW-Camp aufs Land gezogen hat. Aus Berlin. Sie realisiert ihre Designs "im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land" vor allem mit Schafwolle. Ihr Ziel: Ressourcen intensiv nutzen. Auch Reste, auch Altes.

Platz und mehr Möglichkeiten, wie es sie "in Berlin früher gab", das ist das eine, was Land für die beiden bedeutet. Dass "man hier mehr mit sich selbst beschäftigt" (Barre), dass "die Menschen mehr bei sich sind" (Mohr) und es "mehr Unterstützung bei der Umsetzung gebe" (Mohr), sind andere Merkmale, die sie nennen. "Unterstützung durch andere und Energie, das macht das Wendland aus", sagt die Designerin. Wichtig sei aber auch, dass es die Möglichkeit gebe, "Input aus der Stadt zu bekommen", sagt Michelle Mohr. Er habe immer ein bisschen die Sorge, sonst "der kleinen Wendland-Blase" zu sehr verhaftet zu sein, bestätigt Moritz Barre. Hat das Landleben Einfluss auf ihre Produktion genommen? Das "Draußen inspiriert mich", sagt Michelle Mohr, weniger abgelenkt sei er, sagt Moritz Barre.

Land, so klingt es in dem Gespräch mit den beiden Designern immer wieder an, ist kein geografisch, sondern ein sozial definierter Raum. Einer, den auch die ästhetisch so ganz anderen Künstler von "LeipZIG-Zag" schätzen. "In der Stadt sind oft unglaublich viele Menschen, die nichts miteinander zu tun haben", sagt Nicolas Ellerkamp, der im mit der Künstlergruppe befreundeten Circus Elawuti mitmacht, und "auf dem Land sind wenige Menschen, die viel miteinander zu tun haben." Diese Art des Miteinander ist etwas, das viel dazu beiträgt, dass der Raum 2 immer wieder Künstler aus Städten zur KLP einlädt. Natürlich auch, dass der Raum 2, "ja ein bisschen einen urbanen Charakter hat", sagt Susanne Klingenberg, die die aktuelle KLP-Ausstellung dort kuratiert hat. Da liege es nahe, sich mit Städten zu vernetzen. "Gegenseitige Bereicherung" sei das, zwischen der Kunst der Raum-2-Aktiven und der aus Leipzig gebe es auch "Korrespondenzen in der Formensprache." Die "Vernetzungsarbeit" wolle der Raum 2 auch außerhalb der KLP intensivieren, demnächst wird es ein gemeinsames Atelier für Land- und Stadtkünstler geben.

Susanne Klingenberg spricht für ihre Kunst von den "Einflüssen aus der Stadt, die sie auf dem Land verarbeite. Auch für Birgit Schiemann gehört das Pendeln zwischen Stadt- und Landwelt, zwischen Berlin und Lüchow-Dannenberg, zu dem, was Leben und Kunst prägt. Sie gehört zu einer Künstlergruppe, die um das frühere Berliner Kulturzentrum Tacheles entstanden ist und die schon mehrfach bei der KLP zu Gast war (auch im Raum 2). In diesem Jahr sind von Schiemann in Beesem auf Tapete gemalte Ölbilder neben den Arbeiten anderer aus der Gruppe zu sehen. Was verbindet diese Kunst aus der Hauptstadt mit der im Wendland? Im Tacheles habe es "ein politisches Mehr" gegeben, dieser Aspekt sei auch für Kunst im Wendland bedeutend. "Unter einem Dach gemeinsam arbeiten und ausstellen", wie das im Tacheles Usus war, "das hat sich auch hier entwickelt", sagt Schiemann. Auch die Vielfalt der Geschichten der Einzelnen in der Tacheles-Gruppe habe die Mitglieder "beflügelt": "Parallelwelten, die doch miteinander harmonieren können." Ähnliches sehe sie bei der KLP.

Auf weniger ausgeprägte Art ist auch der Fotograf Andreas Schoelzel ein Wanderer zwischen Stadt- und Landwelten. Er zeigt in Satemin "Bilder aus Metropolen", manche aus Städten wie New York, Bilbao oder Istanbul, andere aus Satemin oder Amrum. Kontraste in Schön. Dorf, sagt Schoelzel, ist "auch ein kleines bisschen Stadt". Metropole könne auch da sein, wo das Herz ist, wo man lebt. Nur ein dünner Faden verbindet Rolf Boscheinens im zweiten Wunderpunkt Beesems zu sehende, auf Treibholz aus der Elbe gemalten "Fischbretter" mit der Stadt. Das Holz komme aus Flüssen, die verbinden als Transportwege die Zentren miteinander. Die Arbeiten sind lustig, eine basiert auf einem alten Werbeplakat. "Jetzt Karpfen essen", ist da zu lesen. Darüber ein Haifisch. Der Zähne hat, wie Brecht einst textete. Damals, in den 20er-Jahren, könnten auch die Schiebermützen gemacht worden sein, die die Gewandmeisterin Steffi Bendig in Zebelin im Atelier präsentiert. Dazu gibt es Knickerbocker, englischer Countrylife-Chic. Passt.

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