Online: 15.07.2016 - ePaper: 16.07.2016

Ernste Gesichter in der Regie, die Augen immer auf einen der vielen Bildschirme gerichtet. Über den Mischpulten flackern Kameraaufnahmen von Blaulichtern, Blut, Krankenwagen und Polizei. Keiner der Journalisten im Raum hat mehr als drei Stunden geschlafen. So erlebt der aus Kolborn stammende Jörn Zahlmann einen seiner Praktikumstage bei der ARD in Washington.

Jörn Zahlmann aus Kolborn ist als Praktikant im ARD-Studio Washington, als in Dallas ein Mann fünf Polizisten erschießt

ZoomIn der Regie des ARD-Studios Washington läuft das zusammen, was die Fernsehkorrespondenten Ingo Zamperoni (links), Studioleiterin Ina Ruck und Stefan Niemann (rechts) vorher produzieren. Mittendrin: Praktikant Jörn Zahlmann aus Kolborn (Zweiter von links).

Jörn Zahlmann ist freier Journalist bei der EJZ und wohnt in Kolborn und Magdeburg, wo er Journalismus studiert. Für sein Studium macht er derzeit ein Praktikum im ARD-Studio Washington DC. In der EJZ berichtet er von seinen Übersee-Erlebnissen.

 

jz Washington DC/Kolborn. Ernste Gesichter in der Regie, die Augen immer auf einen der vielen Bildschirme gerichtet. Über den Mischpulten flackern Kameraaufnahmen von Blaulichtern, Blut, Krankenwagen und Polizei. Keiner der Journalisten im Raum hat heute Nacht mehr als drei Stunden geschlafen. Hellwach sind sie trotzdem. Für Müdigkeit bleibt an diesem Freitag keine Zeit. Es ist der 8. Juli. In Dallas erschießt ein Mann fünf Polizisten, als Menschen friedlich gegen rassistische Polizeigewalt demonstrieren. Breaking-News für alle US-Networks. Auch fürs ARD-Fernsehstudio Washington.

Als ihn das Diensthandy um 2.30 Uhr aus dem Schlaf reißt, hat Korrespondent Stefan Niemann rund ein Dutzend Live-Übertragungen und Beiträge vor sich: Harte Fakten, Einschätzungen, Hintergrundinformationen. Ingo Zamperoni ist für Live-Berichte direkt nach Dallas geflogen, Niemann sendet aus dem Studio Washington. Für Mittagsausgaben der Nachrichten und Tagesschau24, dem Nachrichtenkanal der ARD. Dazu Aufmacher-Beiträge für die 20 Uhr-Tagesschau und die Tagesthemen. Allein in diesen beiden Sendungen sehen weit mehr als zehn Millionen Menschen seine Beiträge. Ob er noch aufgeregt ist? "Nein, nervös werde ich eigentlich nicht mehr. Mich kickt der Adrenalinstoß eher. Das ist das, was ich an meinem Beruf so liebe", erzählt Niemann, der früher Leiter des ARD-Studios in Peking war und vom NDR in Hamburg kommt. Heute ist er in Washington Stellvertreter der Studioleiterin Ina Ruck und einer von vier Fernsehkorrespondenten.

16 Monate im Voraus habe ich mich für ein studentisches Praktikum in der amerikanischen Hauptstadt beworben. Ernsthaft mit einer Zusage von der ARD gerechnet habe ich nicht. Und doch kam nach drei Monaten die Bestätigung: Ich kann für zwei Monate nach DC! Von Kolborn in das einflussreichste Machtzentrum der westlichen Hemisphäre. Mitten in der heißen Phase eines Wahlkampfs, der verspricht, einer der kontroversesten der amerikanischen Geschichte zu werden. Ein Traum für jeden angehenden Journalisten. Für acht Wochen kann ich nun Teil eines Teams sein, das extrem konzentriert arbeitet - und immer unter höchstem Druck. Von der Cutterin über den Kameramann bis hin zum Autor: Wer es bis hierhin geschafft hat, ist absoluter Profi. Hier lerne ich mehr als in jedem Uni-Seminar.

Ganz besonders heute. Zusammen mit Redakteuren verbringe ich an diesem Freitag zwölf Stunden im sogenannten Newsfeed - hier laufen alle Informationen zusammen. Wir checken minütlich Agenturmeldungen, bestellen über amerikanische Produktionsfirmen Bildmaterial, recherchieren Details. Wer waren die fünf Opfer? Wie spricht man Baton Rouge richtig aus? Sind die Flaggen vor dem weißen Haus schon auf Halbmast? Jede Meldung muss ausgewertet und eingeordnet werden. Ist die Quelle glaubwürdig? Was wurde schon offiziell bestätigt? Im Schnitt argumentiert Niemann: "Wenn wir Trumps Zitat hier abschneiden, verschweigen wir einen wichtigen Teil seiner Aussage. Das geht nicht." Lieber woanders kürzen, oder bei ARD-aktuell in Hamburg mehr Sendezeit erbitten. Denn jeder hier weiß, wie viel Macht Medien haben. Wie sensibel man mit dieser Macht umgehen muss. Gerade als öffentlich-rechtlicher Sender. Und niemand möchte Beitragszahlern Gründe dafür liefern, "Lügenpresse" zu skandieren.

Den ganzen Tag News. Dann die Tagesschau zur Prime-Time in Deutschland. Hier 14 Uhr Ortszeit. Alles geht gut. Der 90-Sekunden-Beitrag ist rund, die Live-Schalte zu Zamperoni nach Dallas funktioniert. Der Tag verfliegt. Nach der Tagesschau ist vor den Tagesthemen. Kaum Zeit für den nächsten Beitrag. Ich wähne mich in einer Parallelwelt aus Bildschirmen, Kameras und künstlichem Licht. "Nicht jeder der Kollegen mag diese Art von Arbeit an solchen Tagen, wo es in jeder Sekunde um Aktualität geht. Einige bevorzugen die Recherche für Dokumentationen oder Magazinbeiträge. Ich hingegen bin absoluter News-Junkie, das heute ist meine Welt", sagt Head-Producerin Hillery Gallasch. Als um 21 Uhr der letzte Beitrag für die Frühausgaben der Tagesschau überspielt wird, ist es in Deutschland schon Sonnabend. Gallasch atmet durch: "Was für ein Tag!"

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