Online: 18.07.2016 - ePaper: 19.07.2016

Die neue Pokémon-Go-App fasziniert seit vergangenem Mittwoch auch viele Lüchow-Dannenberger. Was steckt hinter dem Hype, was macht ihn so gefährlich? EJZ-Redakteur Thomas Lieske hat mit seiner Frau den Selbstversuch gewagt.

Auch viele Leute aus Lüchow-Dannenberg gehen mit ihrem Smartphone auf die Jagd nach Pokémons

ZoomDie Pokémon-Go-App für Smartphones begeistert seit Tagen gefühlt fast ganz Deutschland. Und nicht wenige benutzen sie im Straßenverkehr, was nicht ganz ungefährlich ist.

tl Lüchow. Mit Tempo 25 durch die Straßen in Lüchow, unser schwerer Dieselmotor gerät ins Stocken, als ich wie sonst bei Fahrten durch die Stadt gewohnt in den dritten Gang schalten will. "Stopp!", kreischt es vom Beifahrersitz, "da raschelt es im Gebüsch. Halt an." Seit gerade einmal 30 Minuten hat meine Frau die neue Pokémon-Go-App auf ihrem Smartphone - ein spontaner Selbstversuch für die EJZ. Und schon das erste Pokémon gefangen. Nicht zu fassen: Wir fahren durch unsere Heimatstadt und fangen Pokémons. Das sind Fantasiewesen, die es zu fangen gilt. Die macher der App haben sie auf der ganzen Welt verteilt. Die App bringt den Nutzer zu diesen Tieren. Soweit die Theorie. In der Praxis wollten wir eigentlich ein schönes Plätzchen suchen, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Draus geworden ist eine Jagd auf Pokémons. Völlig skeptisch schaue ich mir das Fangspiel auf dem Smartphonedisplay an, habe den Wagen in einer Parkbucht abgestellt. Es ist der helle Wahnsinn: Die virtuelle Welt wird real. Oder wird die reale Welt virtuell? Schwer zu sagen, jedenfalls kennt die App die Lüchower Straßen, und sobald ein Pokémon in der Nähe ist, springt die Handykamera an und es sieht so aus, als würde das kleine Tier in unserem Auto herumhüpfen. Ist das das neue revolutionäre Handyspiel, auf das alle gewartet haben? Es scheint so, gegenüber auf der anderen Straßenseite kommen vier heranwachsende Jungs mit ihren Fahrrädern entlanggefahren, werden langsamer. In der Hand halten sie, na klar, ihr Smartphone. Auch sie sind auf der Suche nach dem Pokémon, das da vor ihnen im Gebüsch rascheln soll. Und da: Ein Golf-Cabrio hält an. Kaum steht der Wagen, da zücken die beiden jungen Männer, so um die 20, ihr Smartphone und freuen sich ihres Lebens. Wo bin ich hier? Mitten in der Pokémon-Welt? Die Erfinder der App haben den Nerv der Leute offensichtlich getroffen.

Man fühlt sich, auch wir fühlen uns plötzlich, als würden wir durch diese Fantasiewelt der Pokémons streifen, dort entlang, wo ganze Generationen, zu einer dieser gehöre auch ich, Anfang der 2000er nur virtuell auf einem Gameboy-Colour liefen. Ein Hupen holt mich in die Realität zurück. Das Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat mitten auf der Straße gehalten. Und der Autofahrer dahinter regt sich kräftig darüber auf.

 

Nicht ganz ungefährlich, diese App: Das erklärt auch Polizeisprecher Kai Richter im Gespräch mit der EJZ. "Wir appellieren an jeden Verkehrsteilnehmer, diese App nicht im öffentlichen Straßenverkehr zu benutzen. Weder am Steuer eines Autos, noch auf dem Fahrrad." Zudem mahne die Polizei Fußgänger zu Umsicht im Straßenverkehr. "Durch den Hype hat das natürlich alles zugenommen, das ist mitunter aber auch ziemlich gefährlich und kann zu brenzligen Situationen führen", erklärt Richter. Grundsätzlich gelte immer noch das Prinzip, dass jeder Verkehrsteilnehmer auf den Verkehr zu achten habe. Das dürfe bei allem Spieldrang nicht vergessen werden.

 

Daran scheinen sich viele gerade nicht mehr zu erinnern, denke ich mir. Das, was auf den Straßen los ist, zeugt zumindest davon. Das "Go" aus dem Namen nehmen viele anscheinend so ernst, dass sie tatsächlich auf nichts mehr achten. Oder liege ich da jetzt völlig falsch?

 

Jedenfalls: Die App war kaum auf dem deutschen Markt, da bildeten sich im sozialen Netzwerk Facebook auch schon die ersten Interessengruppen. Wer spielt in welchem Team? Macht es Sinn, eher allein zu spielen? Wie fange ich möglichst viele Pokémons? Der Hype ist perfekt. Die App, ein Volltreffer? "Mein erster Gedanke zu dieser App war, dass ich sie unbedingt haben muss", sagt Svenja Gründer. Die 24-Jährige aus Lüchow spielt das Spiel seit Mittwoch, meistens, wenn sie zu Fuß unterwegs ist. Aber auch im Auto oder im Bus. Dennoch: Gründer ist ein wenig enttäuscht von der App. "Ich habe zwar viel Spaß damit, doch gibt es bei mir Funktionen, die nicht so gut laufen. Das Spiel bleibt einfach mal stehen oder hakt." Ansonsten habe die App einen hohen Suchtfaktor, der nicht ganz ungefährlich sei, findet die 24-Jährige.

Nadja Freudenthal aus Lüchow dachte zuerst: "Wow, so ein scheiß." Doch dann hat sie die Neugier gepackt. "Mittwoch hab ich es mir denn auch geladen. Seitdem spiele ich eigentlich fast nur noch." Im Amtsgarten in Lüchow traf sie auf eine Gruppe Jungs. "Ich habe mich kaputt gelacht, als sie mich ansprachen und mir sagten, wo es coole Pokémons gab", erzählt Freudenthal. Andreas Flindt aus Bahrendorf bei Hitzacker spielt die App regelmäßig, fährt im Moment noch mit dem Auto zu interessanten Punkten und geht dann zu Fuß weiter, aber: "Ich will auf ein E-Bike umsteigen", erzählt der 30-Jährige. "Ich bin schon seit meiner Kindheit an ein Pokémon-Fan und habe aus jeder Generation mindestens einen Teil gespielt." Flindt sieht vor allem einen positiven Nebeneffekt in der App: "Dadurch habe ich in Hitzacker schon Leute getroffen, mit denen ich vorher noch nie ein Wort gewechselt habe, und ich denke wir treffen uns noch häufiger. Es ist ja doch ein Spiel, welches durch Gemeinschaft lebt." Sebastian Jessen spielt anders als viele andere Nutzer ungern auf dem Fahrrad oder im Auto. "Denn wenn man zu schnell ist, werden Eier nicht ausgebrütet und die Spawnrate [die Fähigkeit, ins nächste Level aufzusteigen] der Pokémons sinkt erheblich." Der 30-jährige Wustrower war zuerst voller Euphorie: "Endlich ist es da. Bin gespannt, ob es hält, was es verspricht. Mein zweiter Gedanke war dann aber leider: Das Spiel hat zwar Potenzial, aber auf dem Land ist es leider wie erwartet nur mit bedingtem Spielspaß nutzbar."

 

Wow, vier echte erwachsene Pokémon-Fans. Und dazu eine Vielzahl jugendlicher Fans in Lüchow-Dannenberg. War ich jetzt doch zu kritisch mit dieser App? Eigentlich sollten sich die Eltern doch freuen, denke ich mir. Ihre Kinder gehen freiwillig wieder an die frische Luft, anstatt in der muffigen Bude ihre Sommerferien vor der Playstation zu verbringen. Selten habe ich so viele Jugendliche abends um halb neun auf Lüchows Straßen gesehen. Aber irgendwie ist mir das trotzdem nicht ganz geheuer. Und wer genauer hinschaut, der findet auch die zahlreichen Haken an der Geschichte. Innerhalb der App kann der Nutzer Dinge kaufen, los geht's mit schlappen 2,99 Euro für irgendwelche Pokebälle. Ist doch ein Schnapper. Einfach und bequem geht dieser Kauf: draufklicken, fertig. Die Erkenntnis kommt dann mit der nächsten Handyrechnung. Was mir noch viel mehr Sorgen bereitet: Die App greift auf persönliche Daten zurück: Profildaten wahlweise von Facebook oder vom Handy direkt. Will ich das? Und was macht die App genau mit meinen persönlichen Daten? Per GPS verwendet sie außerdem jederzeit meinen genauen Standort. Ich werde geortet - überwacht? Sie verwendet Dateien, Bilder, auch von externen Speichern. Und meine Kamera springt automatisch an, wenn ein Pokémon gefangen werden soll. Mein Handy macht sich selbstständig. Und alle Welt ist fasziniert davon. Das Suchtpotenzial scheint mir plötzlich höher als ein Spielautomat in einer Spielothek es jemals erreichen kann. Und dann zockt diese App dem Handy auch noch in Windeseile den Saft aus dem Akku. Mich fasziniert diese App nicht, mich gruselt sie einfach nur. Ich möchte wieder die guten alten Pokémon-Zeiten zurück. In denen wir das Plakat mit den ersten 150 Tieren in unserem Zimmer hängen hatten und sie jeden Abend auswendig gelernt haben. Mit besonderen Lernmethoden. Wir haben Bilder damit verknüpft. Das war ein gutes Training für die Schule. Die App hingegen macht Zombies aus uns. Wir starren auf Displays und laufen wie mit einem Virus infiziert durch die Straßen. Viele zumindest. Virtueller Klassiker? Realer Spielspaß? Für mich persönlich (ir)realer Unsinn!

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