Online: 26.05.2017 - ePaper: 27.05.2017

Die EJZ hat fünf neue KLP-Punkte besucht

Kulturelle Landpartie 2017: Zurück zum Politischen

ZoomLuise Ulrich zeigt in Künsche Schmuck.

bp Seelwig. Lüchow-Dannenberg braucht Menschen wie Rea Zielinski. 20 Jahre lang hatte der Hof in Seelwig brach gelegen. Das Grundstück war verwildert, das Gras stand hoch, das Wohnhaus war in einem üblen Zustand. Vor drei Jahren kaufte die Illustratorin das Areal und begann mit der Renovierung. Dass die mühsam werden würde, war der Frau, die davor20 Jahre lang in Hamburg gelebt hatte, klar gewesen. Wie mühsam, das stellte sich erst beim Machen heraus. Zielinski wolle manchmal fast aufgeben. Nicht nur einmal hatte sie den Eindruck, ihr würde das Projekt über den Kopf wachsen.

Aber so einigermaßen hat es dann doch geklappt. Am ersten Tag der KLP lag stellenweise noch Verpackungsmaterial herum, aber selbst das änderte nichts daran, dass in Seelwig ein schöner neuer KLP-Punkt entstanden ist, ein ruhiger Fleck, der entspannt und der nah dran sein könnte an dem, was KLP sein wollte und vielleicht auch gerne noch sein will. Der Hof zwischen der Scheune, in der eine empfehlenswerte Ausstellung poetischer Landschaftsfotografien zu sehen ist, und dem Wohnhaus eröffnet zu den Seiten hin Blicke Richtung Wald und Feld. In einem Nebengebäude zeigt Elisabeth Maria Brandstetter Schmuck, den sie produziert. Die Österreicherin ist seit einiger Zeit zur Teilzeit-Lüchow-Dannenbergerin geworden, wohnt im Frühling und Sommer in einem Bauwagen, der auf dem Gelände steht. Zielinski ist gelungen, was sie sich vor dem Projekt vorgenommen hatte: "Ich will Raum und Räume schaffen, in denen Menschen etwas gestalten können." Sie träumt davon, dass auf ihrem Hof eine wachsende Gemeinschaft Kreativer und mit ihnen ein kreativer Ort entsteht.

Ganz und gar kein KLP-Neuling ist Yvonne Urland aus Bussau. Sie ist innerhalb der zurückliegenden 16 Jahre schon oft bei der KLP dabei gewesen, hatte zuletzt aber mehrere Jahre pausiert, weshalb sie nun unter dem Stichwort "Neue Orte" im KLP-Reisebegleiter zu finden ist. In ihrem Hinterhof, der ein angenehmer Kontrast ist zum ansonsten nicht eben leeren Bussau mit seinen drei Punkten und der bayerischen Kneipe. Durch ein Tor geht es auf einen Hinterhof. Neben Urland zeigen Susann Binder, Christine Hauer, Caroline Benhöfer und Heidrun Meierhoff, was mit dem Einsatz der Hände alles möglich ist. Das Einsatzgebiet reicht von Massagen, Kalligraphie, Gefilztem, Geflochtenem und Gesponnenem bis hin zu Gestricktem. Unter der Überschrift "Frauenheilweisen" gibt es Vorträge zu Gesundheitsthemen und alte Geschichten über Kräuter - ein Trendthema der KLP im Jahr 2017.

Neu ist auch Cerstine Höft nicht auf der KLP, wohl aber auf dem Hof von Gerhard Harder in Marlin. Dort ist neben dem Angebot von Massagen ein belebend politischer Wunderpunkt entstanden. Gestern diskutierte Harder, früherer Dozent an der Freien Universität Berlin, mit dem Journalisten Martin Kaul, der für die taz schreibt. An dem Gespräch beteiligten sich auch viele der rund 40 Zuhörer. "Was passiert gerade?", fragte Harder im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit. Einige machten dafür die Abwesenheit linken Denkens in sozialen Netzwerken verantwortlich. Die hätten rechte Kräfte viel erfolgreicher genutzt als linke. Eine Quintessenz der Diskussion war, dass die Dinge in der Welt nicht mehr so klar abzugrenzen sind (oder zu sein scheinen) wie früher. Der (aus linker Sicht ehemals böse Papst) spricht plötzlich Linkes aus und schneidet Donald Trump Grimassen. "Ein geiler Papst ist besser als ein scheiß Papst", befand Kaul. Dass 40 Menschen eine so rege Diskussion führten, ist dem dezidiert politischen Konzept des Punktes zu verdanken. Dort finden auch Kommunikationstrainings gegen rechte Stammtischparolen statt und drei Mal führt die Freie Bühne Wendland das kritische Flüchtlings-Stück "Stadt unter dem Meer" (EJZ berichtete) auf. Bei der Premiere am Donnerstag war es so voll, dass Menschen abgewiesen werden mussten. Vielleicht nutzten einige der Zu-spät-Gekommenen ja das ungewöhnliche Angebot des "Powernappings im Schweigestall". Dort können sich Besucher ins Heu legen und ein bisschen ausruhen.

Politisch geht es auch beim neuen Punkt in Prießeck zu. Dort stellt sowohl das Lüchower Frauenhaus seine eher im Verborgenen stattfindende Arbeit vor als auch zwei afrikanische Frauen ihren Einsatz für Frauenrechte in Mosambik. Die beiden Fraueninitiativen kooperieren seit Jahren. Die Deutsche Judith Christner hatte die Initiative "La Musica" vor 17 Jahren gegründet. Inzwischen lebt sie nicht mehr in dem afrikanischen Land, Achia Camal hat die Leitung übernommen. "Sie bezieht sehr couragiert Stellung in diesem Land", betont Christner. Hat Camal selbst den Eindruck, dass die Gewalt gegen Frauen in Mosambik abgenommen hat? "Es gibt noch immer viel Gewalt, aber es ist gelungen, dass viele Frauen Gewalt nicht mehr als Normalität ansehen", antwortet die Feministin. Es sei wichtig gewesen, dass Frauen überhaupt erst einmal von ihren Rechten erfahren. Allerdings seien 500 Jahre Unterdrückung nicht in 17 Jahren Frauenarbeit zu beenden. Auch Ortrud Glowatzki vom Lüchower Frauenhaus findet es wichtig, dass diese Einrichtung die KLP nutzt, um auf seine Arbeit aufmerksam zu machen. "Es gibt noch viel zu tun", findet sie. Dazu sollen auch die zahlreichen Vortragsveranstaltungen beitragen.

Zurück zu den Ursprüngen will Luise Ulrich in Künsche. Nicht viel Tamtam, keine Menschenmassen, sondern: "Ich zeige als Kunsthandwerkerin meine Arbeit und etwas davon, wie ich lebe." Dieses Anliegen ist für sie die Wurzel der KLP und zu der will sie zurück. Bewusst gibt es bei ihr deshalb keine Veranstaltungen, kein Essen. Es gibt viele Menschen, die eine Sehnsucht in sich tragen, die KLP möge sich von der Kommerzialisierung und Eventisierung wieder mehr in diese Richtung entwickeln. Und es ist spürbar, dass einige der neuen Punkte diesen Impuls aufgenommen haben.

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