Online: 29.05.2017 - ePaper: 30.05.2017

Upcycling ist ein Thema

Wie Aussteller der KLP aus alten Stoffen neue Dinge machen

ZoomDie Schnitt- und Entwurfsdirectrice Iris Schröder schneidert aus alter Kleidung wie Kimonos neue Lieblingsstücke.

pw Lübeln. Den Ausdruck "Upcycling" mag Helga Marschke-Schaupeter nicht besonders. "Meine Oma hat immer gesagt: Ut Kauschitt Bottermelk machen, das trifft es besser", findet die Bleckederin, die ihre Kunstwerke aus Glas, Werbeflyern und Plastiktüten auf dem KLP-Wunderpunkt im Lübelner Rundlingsmuseum ausstellt. Ihre Großmutter, die nach dem Krieg mürbe Stoffe in Streifen schnitt und zu Flickenteppichen häkelte und ihrer Enkeltochter aus alten Fahnen Kleider nähte, habe bei ihr den Grundstein zur "Resteverwertung" gelegt, sagt Marschke-Schaupeter.

Plastiktüten schneidet sie in Streifen und verarbeitet diese zu Teppichen, aus alten Glasflaschen und -scherben gestaltet die Künstlerin beeindruckende Fensterbilder, die auf der Wiese des Museumsgeländes gut zur Geltung kommen. Irgendwann habe sich soviel an Papier, Plastiktüten und Flaschen angesammelt, "dass man denkt, da muss ich was Vernünftiges draus machen, das ist ja auch eine Umweltfrage". Außerdem habe es sie interessiert, "wie die technische Entwicklung die gesellschaftlichen Ereignisse verändert", erzählt die ehemalige Technik- und Politiklehrerin.

Im Heimathaus in Lübeln zeigt Iris Schröder ihre Kleidung und Accessoires "aus gelebten Stoffen". Die Schnitt- und Entwurfsdirectrice hat lange am Thalia-Theater in Hamburg gearbeitet und dort ihre Liebe zu handwerklich hochwertigen und schönen Stoffen entdeckt. Eine derartige Qualität gebe es heutzutage kaum noch, sagt die Hamburgerin, die sich vor acht Jahren selbstständig gemacht hat und seitdem ihren Kundinnen Mode auf den Leib schneidert. Das Material dafür findet sie unter anderem in Antikläden; über eine befreundete Japanerin erhält sie seidene Kimonos, die sie zu neuer Kleidung verarbeitet. "Das hier war mal eine Tischdecke, das hier ein russisches Tuch, und das ein Kimono", streift Schröder mit der Hand an einer Kleiderstange entlang. "Ich liebe diese alten Stoffe, indem ich sie verarbeite, bewahre ich sie, und man verwendet sie weiter", sagt die Schneiderin. Der ökologische Aspekt des Recyclings sei ein willkommener Nebeneffekt.

Das Thema Upcycling/Recycling ist auch an vielen weiteren KLP-Austellungsorten ein Thema, etwa in Beesem, wo mit Lyra Amber und Dodo Steinke gleich zwei Modedesignerinnen Stoffe re-, beziehungsweise upcyclen. Bei Dodo Steinke ist die Mode auch ein politisches Statement: Mit einem schwarzen Oberteil mit Fischflosse und blutrotem Stoffeinsatz, aus dem wie Harpunenspitzen und Angelhaken Haken und Ösen schauen, kritisiert sie die Überfischung der Weltmeere. Lyra Amber sitzt im küheln Schweinestall und arbeitet an einem Abendkleid. Unter dem Motto "Wandel dein Gewand" arbeitet sie auf Wunsch geliebte Kleider auf die veränderte Figur um. Sie verwendet Stoffe, die schon genutzt wurden, nicht nur wegen der "meistens viel besseren Qualität", sondern auch, "weil es gesund, vernünftig und nachhaltig, ökologisch besser ist".

Der ökologische Aspekt und gute Qualität sind zwei Gründe, warum Upcycling im Trend liegt. Ein anderer ist schlicht und einfach Sammelwut. Britta Rossbach hat Bonbonpapiere, die ihr gut gefallen haben, aufgehoben. Über das Internet kam sie auf die Idee, aus ihren gesammelten Bonbonpapieren kleine Täschchen bis zu Rucksäcken zu nähen. Mittlerweile kauft sie Bonbons oft nach dem Papier, nicht nach dem Geschmack, und auch ihre "sammelfreudige Familie und Freundeskreis" sorgen dafür, dass Rossbach, die im Hauptberuf Erzieherin ist, der Stoff nicht ausgeht.

Stoff braucht auch Heidi Nagel ständig, und zwar Jeansstoff. Die Hamelnerin stellt auf dem Göttiener Rosenhof Patchworkdecken, Taschen und Tischdecken aus. Viele sind aus alten Jeans, so wie der Tischläufer, den sie komplett aus alten Hosensäumen genäht hat. Angefangen hat ihre "Sucht", wie sie es nennt, als sie ein japanisches Buch über Jeans-Recycling in die Hände bekam. "Wenn man einmal angefangen hat, sieht man erst, was für Möglichkeiten es gibt. Nachher konnte ich gar nichts mehr wegwerfen", erzählt Heidi Nagel, die "glücklicherweise" ein großes Nähzimmer hat, in dem sie ihre Schätze lagert. Und drei Söhne, die sie mit Nachschub versorgen. Jeans wegzuschmeißen sei "immer schade, es ist so ein schöner Stoff, die Vielfalt an Blautönen", schwärmt die Hamelnerin. Auch Judith von Ju-d-ith Design verwendet für ihre Gürteltaschen oder auch Lampenschrime gern alte Jeans und andere aussortierte Stoffe, "weil es das Ressourcenschonendste überhaupt" sei.

In der Hitzackeraner Elbvielharmonie motivieren die Akteure ihre Besucher zum Mitmachen. Am ersten KLP-Wochenende hat Stephan Rätsch jeden Tag einen Workshop mit anderen Materialien angeboten: Figuren aus Papier und Draht, "Windfische" aus Konservendosenblech, Trojanische Pferde aus Knöterich und was auch immer man möchte aus einem großen Berg Schurwolle. Es sei toll, was den Teilnehmern einfalle, "die Ideen sind unendlich", ist Rätsch begeistert. Die Atmosphäre ist entspannt, wozu der Blick auf die Elblandschaft sicher seinen Teil beiträgt. "Wir versuchen immer, etwas anzubieten, das die Leute selber ausprobieren können. Das finde ich total wichtig", sagt Ursula Pehlke, die mit ihrem Mann Hauke Stichling-Pehlke den Wunderpunkt anbietet.

Im ersten Stockwerk ihres Hauses gibt es denn auch ein weiteres Mitmachangebot: Dort haben Anne, Ingrid und Marlen die Nähbar, die sonst im KuBa zu finden ist, eingerichtet und bieten Interessierten "Hilfe zur Selbsthilfe", wie es Anne ausdrückt: Ein junger Mann verlängert mit ihrer Hilfe sein Lieblingshemd mit weißem Stoff, und die zehnjährige Rahel Quellmalz aus Chemnitz hat in knapp anderthalb Stunde ihre eigene Tasch genäht, die sie zum Schluss stolz mit einem handbemalten Knopf versieht.

Viele Besucher hätten nicht die nötige Ruhe für solch ein Projekt und nähmen lieber den Flyer mit, auf dem die Öffnungszeiten der Nähbar im KuBa angegeben sind: montags ab 9.30 Uhr und dienstags ab 19.30 Uhr.

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