Online: 30.05.2017 - ePaper: 31.05.2017

Kleine Häuser und vegane Lebensweise als Zukunftsmodelle in der "kulturellen Freihandelszone"

Vorschläge für Weltverbesserer

ZoomDer Rapper, Architekt, Designer und Buchautor Van Bo Le-Mentzel (rechts vorne) stellte in Brünkendorf seine Vision nachhaltigen Lebens vor.

fk Brünkendorf. Als eine "kulturelle Freihandelszone" sieht Reinhard Kahl sein Anwesen in Brünkendorf zur Zeit der Kulturellen Landpartie. Im zweiten Jahr werden hier in einer Vortrags- und Diskussionsreihe Vorschläge zur Veränderung der Welt gemacht. Denn man müsse sich fragen, "warum die Unzufriedenheit mit der Welt nach rechts rutsche", leitete Kahl die Veranstaltungsreihe am vorigen Freitag ein. Eine Antwort auf diese Frage bildeten die ersten beiden Veranstaltungen der Reihe in der vorigen Woche nicht. Sie kamen eher aus der Abteilung Zivilisationskritik als aus der Gesellschaftskritik, sind demnach im politischen Spektrum nicht eindeutig verortet.

Vorschlag eins stammte vom Rapper, Architekten, Designer und Buchautor Van Bo Le-Ment-zel und fiel spielerisch aus. Der Sohn laotischer Zuwanderer gilt als Erfinder der HartzIV-Möbel, im Bauhaus-Stil entworfene Möbel zum Selberbauen. Die Anleitung kann sich im Netz jeder kostenlos besorgen. Mit 24 Euro, so das Versprechen, kann man sich damit einen stilvollen Sessel bauen. Inzwischen gibt es ein Set von zwölf Möbelstücken. Die sogenannten Hartz-IV-Möbel erregten öffentliche Aufmerksamkeit. Sie landeten laut Moderator Kahl sogar im Design-Olymp. Auch der zweite Vorschlag kam von Le-Mentzel. Angesichts der Zustände im Berliner Lageso, der Landessammelstelle für Flüchtlinge, griff er auf die Idee der "tiny houses" zurück, kleine Häuser, laut Internet mit selten mehr als 15 Qudratmetern Grundfläche, auf fahrbahre Hänger montiert, mit allem zivilisatorischen Komfort versehen. In seiner Vorstellung sind sie nicht als Zweitwohnsitz gedacht, sondern zum permanenten Aufenthalt. Le-Mentzel verbindet mit dieser Idee die Vorstellung, dass ein Wohnraum nicht mehr an ein bestimmtes Grundstück gebunden ist.

Vorschlag drei kam von der Journalistin und Autorin Hilal Sezgin. Sie ist Veganerin und hält jede Nutzung von Produkten "empfindungsfähiger Wesen" für unzulässig. Sie konfrontierte ihre Zuhörer mit den Schrecken der Tierhaltung und der Schlachtung. Die Haltung von Tieren durch den Menschen entspreche allen Merkmalen einer Sklavenhaltergesellschaft, erklärte sie. Zwar tröstete sie ihre Zuhörer, dass sie nicht erwarte, man müsse perfekt oder ein Heiliger sein. Aber sie machte deutlich, dass nur die völlige Abkehr von der Nutzung tierischer Produkte zu verantworten sei.

Einwände gegen die in Brünkendorf gemachten Vorschläge zur Verbesserung der Welt gäbe es zuhauf. Dass es besser wäre, selbst aktiv zu sein als sich alles zum Leben Nötige fertig zu kaufen und vorsetzen zu lassen - der Widerspruch dagegen würde sich in Grenzen halten. Aber wie kommt man dahin? Erreichen die HartzIV-Möbel wirklich die HartzIV-Empfänger, oder nicht doch nur ohnehin Interessierte?

Die Vorstellung, es zögen Millionen Menschen mit kleinen Häuschen auf dem Anhänger durch die Gegend und suchten jeden Feld- und Waldweg nach einem besonders schönen Platz als Standort ab, dürfte nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen und könnte schon gar nicht bedingungs- und regelungslos sein. Und schließlich: Wenn Mensch und Tier wirklich unterschiedslos sind und sich in der Kategorie "empfindungsfähige Wesen" vereinen ließen, müsste dann nicht auch die Ethik, wonach man das andere Wesen nicht zum eignen Nutzen behandeln, auch töten können darf, müsste diese Ethik dann nicht auch für die Tiere gelten? Und wie bekommt man sie dazu?

Aber alle Einwände helfen nicht darüber hinweg, dass das Unbehagen an der Zivilisation längst eine gesellschaftliche Grundströmung geworden ist. Wobei möglicherweise vieles, was unbehaglich ist, eher auf gesellschaftlichen Verhältnissen beruht, vom Verhältnis des Privaten zum Öffentlichen über den gewinnorientierten Immobilienmarkt bis zur auf wirtschaftliche Effizienz getrimmten Tierhaltung. Aber das Verhältnis zwischen Zivilisation und Gesellschaft wäre ein anderes Thema.

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