Online: 30.05.2017 - ePaper: 31.05.2017

Von Gedelitz bis Neu Darchau: Teil zwei der neuen KLP-Orte

Neues Leben fürs Dorf und alte Stoffe

ZoomAlte Gobelin-Kissen werden Handtaschen, altes Leinen textile Utensilos und alte Feuerwehrschläuche zu Gürteln: Stefanie Kruse lässt nichts ungenutzt.

by Lüchow. Die Kulturelle Landpartie als Teil von Dorfentwicklung? In Neu Darchau zeigen sie, dass das funktioniert. Der Ort ist nicht gerade bekannt für seine streitfreie und homogene Dorfgemeinschaft. Aber in diesen Tagen, so hört man, kommen selbst diejenigen, die sich nur schwer ertragen können, auf diese von drei Seiten von Wasser umgebende Wiese direkt an der Elbe - und genießen. "ElbDORF aktiv" heißt der Zusammenschluss einiger Neu Darchauer, die nun verschiedene Projekte für den Ort beackern. Eines davon ist der Wunde.r.punkt auf Gemeindeland, berichtet Andreas Conrad. Der lebt seit zehn Jahren im Ort, ist selbstständiger Fotograf, doch zeigt er nicht eigene Arbeiten, sondern hat die größte Gorleben-Rundschau aller Zeiten in die Wiese gestellt. Die stand vor zwölf Wochen noch unter Wasser, doch alles wurde gut und trocken, mit der Sense wurden Inseln hineingemäht, aus Paletten Bänke und Tische geschaffen. Im Zelt stellen Kunst- und Kunsthandwerkschaffende aus der Gemeinde aus: Malerei, Grafik, Lampenschirme, Keramik, Taschen, Objekte aus Eisen. Manche der Einnahmen leiten die Herstellerinnen gleich an das Dorfprojekt weiter. Wie viele Kreative und potenzielle Ausstellende es in der Nachbarschaft gibt, hat das ElbDORF-aktiv-Team selbst überrascht. Wasser und Strom mussten sie auf die Wiese legen, die Folge waren hohe Kosten, doch das werde schon irgendwie werden. Die Bottega di Lina aus Dannenberg liefert Antipasti, die Familie Kraasman die Forellen. Ein "total friedlicher Ort" sei das, sagen diejenigen, die den Tipp Neu Darchau weitergeben. Am ersten KLP-Wochenende gab es Open-Air-Kino: Bis zu 100 Menschen saßen bei abendrotem Himmel und schauten Filme wie "Karniggels". Das Pfingstwochenende wird rockiger.

Im vorigen Jahr war der Reuschhof in Tüschau noch ein "wilder" Punkt: "Wir wollten ausprobieren, wie das ist mit fremden Menschen auf dem Grundstück", sagen Michael Reusch, ein Tüschau-Rückkehrer, und seine Lebenspartnerin Stefanie Kruse. Die Bilanz war durchweg positiv - "wir haben tolle Gespräche geführt" - und so war es keine Frage, dass sie in diesem Jahr ein offizieller Punkt werden wollten: "Wir leben hier, wir arbeiten hier." Stefanie Kruse ist gelernte Schneiderin, die sich auf textiles Upcycling verlegt hat und alten Stoffen neues Leben gibt: ausgemusterten Gobelinkissen, Seesäcken, Zeltplanen als Tasche, altem Leinen als textiles Utensilo oder alten Feuerwehrschläuchen als modischem Gürtel. Ihre Mitaussteller, die fotografische Reiseimpressionen sowie gefilzte Elche und andere Tiere zeigen, sind gute Bekannte.

Links der Punkt von Zitterbaths, rechts der von Tina Wiese - mittendrin in Gedelitz hat nun auch Christina Maria Steffens ihren eigenen Wunderpunkt eröffnet. Steffens macht Bodypainting, bemalt die Körper anderer Menschen. Nun ist es ist nicht so, dass die einfach kommen können und sagen: Bemal' mich mal. Es geht anders herum: Sie muss eine Idee haben, ein Bild vor Augen, oft inspiriert sie auch ein Gedicht, sei es von Kästner oder Rose Ausländer. Oder sie verfasst einen eigenen Text. Dann erst sucht sie ein Model, es sind gute Freundinnen. "Das Motiv, der Text, der Mensch - alles muss passen", sagt Steffens. Gemalt wird in einem fast sakralen Raum, in sehr intimer Atmosphäre. Dabei wird das entstehende Kunstwerk fotografisch dokumentiert und am Ende vielleicht auch in freier Natur fotografiert - bevor es dann unter die Dusche geht. Denn das Bild auf dem Körper ist vergänglich, "vergänglich wie das Leben", sagt Steffens. Im ehemaligen Schweinestall ihres Hofes - der so wohnzimmerhaft eingerichtet ist wie kaum ein anderer - sind die Fotos zu sehen, die ihr Mann Ulrich Steffens von den bemalten Körpern gemacht hat. Die Malerin versteht die Ausstellung als "eine Einladung in meine Innenwelt". Ihre Mitausstellerinnen sind Diana Glembocki mit Filzarbeiten und Dörthe Jacobs mit Malerei.

Steffi Krolls Anliegen ist es, die alten Heilkräuter wieder bekannt zu machen. Sie interessiert, wie unsere Vorfahren sich gesund gehalten und ihre Krankheiten geheilt haben - als es die Pharmaindustrie noch nicht gab. Am Rande des Meudelfitzer Gutes westlich von Hitzacker liegen ihre mit einem Weidenflechtzaun begrenzten Beete. Gleich vorn wachsen die Alt-Pflanzen, die längst eigenständig sind und kein Wasser mehr brauchen. Sie geben den Samen für den Nachwuchs, der ausgesät, pikiert und schließlich in Töpfe gepflanzt wird. Was sie derart pflegt, haben manch ihrer Besucher aus ihren Gärten als Unkraut entsorgt - Pflanzen wie Eisenkraut, Wegwarte, Gundermann, Arnika oder Mädesüß. So ist das Erstaunen und auch die Neugier groß, zu erfahren, wie diese Kräuter heißen, gegen und für was sie wirken. Die Resonanz sei toll, die Besucher ihres Heilkräuterpunktes seien sehr interessiert, schwärmt Steffi Kroll. Sie hat ihre Heilkräuterausbildung bei Johanna Herzog gemacht, Herzog und die Biologin und Heilpraktikerin Svenja Zuther bieten während der KLP Vorträge und Spaziergänge an.

Seit gut einem Jahr lebt Kirsten Bertz in Karwitz-Lenzen. Nach einigen Reise-Jahren im Wohnwagen suchte sie ein festes Domizil. Für das Wendland sprach, dass es ein Ort ist, "wo die Kunst an die Leute gebracht werden kann". Ihre Teilnahme an der KLP versteht sie auch als ein Zeichen, anzukommen. Bertz ist Architektin und Werklehrerin, aber am liebsten Bildhauerin. Sie reizt es, sich mit dem Material zu verbinden und herauszukitzeln, was drin steckt, etwas zu schaffen, das es bislang nicht gibt. Ihr Wunderpunkt ist ein Ort "ohne Gastro, ohne Veranstaltung", es geht nur um ihre Kunst. Manche Besucher sind nach 60 Sekunden wieder draußen, andere dagegen lassen sich auf die freien Formen ein. Das führt dann immer wieder zu Gesprächen über "Kunst, Philosophie, Gemeinschaft und über Themen, die uns angehen".

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