Online: 31.05.2017 - ePaper: 01.06.2017

Abseits des wilden KLP-Treibens

Der Charme der Randpartie

ZoomEin neues Gemälde, das Julia da Franca in Gedelitz zeigt.

tj Lüchow. Ach, was waren das für Zeiten... Nicht manchmal ein bisschen nostalgisch zu werden, ist bei der Kulturellen Landpartie nicht ganz einfach. Oder ist es Wunschdenken, das im Umfeld von eitel Glanz aus Filz, Ton, Aquarell und Acryl eine Vergangenheit idealisiert, die ja auch nicht immer so irritierend war, wie sie zu sein vorgab und wie die Erinnerung sie heute macht. Gab es früher wirklich mehr Unerwartetes? Doch manchmal, ganz unverhofft taucht dessen Charme am Wegesrand auf. Nicht nach dem Motto: "Es gibt sie noch, die schönen Dinge", sondern als Aktualisierung von früherem Aufbruch.

Einer dieser unerwarteten Momente abseits des kulturellen Jahrmarkttreibens klingt aus dem offenen Fenster eines alten Hauses in Kriwitz. Sounds sind es, Sounds, weit weg vom sanften Säuseln, sehr nah an Klängen von Techno oder House. Ein Computer ist nirgendwo in dem Zimmer zu sehen, stattdessen mit Tonabnehmern versehene Metallstreifen und -platten, hölzerne Kisten mit Potentiometern, Reglern wie an alten Radios, Effektgeräte, deren Klang an den früher Synthesizer erinnert. Oder an Stockhausens "Jünglinge im Feuerofen", ein Türöffner in die Welt Neuer Musik. "Alles analog", sagt Julian Ringel, der das, was Klanginstallation genannt werden könnte und es nicht ist, aufgebaut hat. In einem Zimmer, dessen Wände wohl niemals Tapeten gesehen haben, die verblasste Putzmalerei bröckelt, einfachverglaste Fenster. Julian Ringel, Sohn des Künstlers Tjarro Brooks, zu dessen Wunderpunkt die Klangmaschinen gehören, nennt sich einen "Klangerzeuger und Klangforscher". Er ist das auch professionell, in Berlin, wo er mit anderen Tracks für DJs entwickelt, hat aber aktuell eine Auszeit. Und sei vor allem "auf der Suche nach dem eigenen Sound". Der natürlich aus vielen Tönen besteht, "hat man den einen, braucht man mindestens einen zweiten", sagt Ringel und verweist auf den Blues, auf dessen Call-and-Response-Prinzip, den Wechselgesang. "Eigentlich geht es darum, ein schönes Stück zu schreiben", fasst Julian Ringel zusammen, was er macht. "Es ist ein Austausch", sagt er über die Motive, das in Kriwitz zu präsentieren, und wie bestellt beginnen einige Neugierige, mit den Metallplatten Töne zu erzeugen. Julian Ringel lässt hören, was er aus diesen Grundelementen macht, ein paar Beats dazu und ein Hauch von Techno weht durch den Raum. Ein Gespräch um Musik entwickelt sich. Später berichtet der Musiker von den drei Violinistinnen und dem Paar, die sich im Spiel mit seinen Klanginstallation ein Stück weit selbst vergessen haben.

So unspektakulär wie der Wunderpunkt in Kriwitz kommt auch der von Julia da Franca in Gedelitz daher. Kein Kuchen, kein Kaffee, aber Gelegenheit zum Sitzen und zum Gespräch. Kein Trubel, sondern Stille. Für die Kunst, eigenwillige Kunst, die den Betrachter aufstört und berührt. Nicht einfach schön, sondern schön in Spannung. Bilder und Skulpturen von Tierfiguren, die sich zwischen Fabelwesen und Fauna bewegen, von Frauen mit Schlangen, von organischen Gebilden, die mal an Seeanemonen, mal an Herzen, mal an Orchideen erinnern. Rosa, braun, grüngrau dominieren die Farben der Malerei. Bei den zu einem Ensemble arrangierten, kleinen Skulpturen aus Ton mit vielfach gebrochener Oberfläche bricht manchmal grelles Rot wie eine Eruption aus dem Umfeld. "Seelengewächse", nennt die Künstlerin ihre Arbeiten, die betonen, dass Kunst ein Abenteuer auch mit sich selbst sein sollte. Und sein kann.

Auf eine ganz andere Art wird das auch in den Arbeiten Ernst von Hopffgartens und Burkhard Welzels deutlich, die in Trebel zu sehen sind. Bei beiden ist Thema was passiert, wenn sich verschiedenen Formenuniversen durchdringen. Ernst von Hopffgarten zeigt Grafiken aus einer aktuellen Serie, die Bachs "Kunst der Fuge" paraphrasiert: kein Zitat, kein Abbild, sondern eine Übersetzung, Nach- wie Neuschaffung. Burkhard Welzels Bilder sind computergeneriert, farbige Netzwerke, die bei Fehlfunktionen eines 3-D-Druckers entstehen, zu Bildern mit 3-D-Effekt in der Art eines Hologramms geworden. Oder Verhüllungen um Menschen und Tiere, Verhüllungen, die in der virtuellen Welt um virtuelle Figuren gelegt werden. Immer geht es um die Interaktion verschiedener Ebenen.

Ganz analog ist die Malerei von Monika Hoffmann aus Schnackenburg, die in doppeltem Sinn bei der KLP Randfigur ist: Sie ist keine offizielle Teilnehmerin. In einer Scheune in Schnackenburg (Bürgermeister-Schamp-Straße 13) zeigt die aus Südafrika nach Lüchow-Dannenberg gezogene Malerin, wie sie ihre neue Umgebung erlebt, filigran, in feinen und feinsten Nuancen bannt sie deren Strukturen in Bilder, in denen Licht Farbe und Farbe Licht wird. Wolkenbilder schweben zwischen Realismus und Abstraktion, Wiesen werden zu Farbflächen. Passend in einer kleinen Stadt an einem Sommernachmittag.

Zu dessen Stille passt auch das Ambiente des Alten, das beim Wunderpunkt von Marion Lippe in Groß Breese präsent ist. Schwalben fliegen durch offene Stalltüren, rostige Eisenträger, Spaltböden, gegitterte Boxen fürs Vieh, Putz bröckelt, verstreutes Stroh. Dazwischen, in diesem Bilde von einem Bauernhof, wie er früher war, versteckt präsent die Kunst. Kleidung, die auch den Stil früherer Zeiten upcycelt, goldene Scherenschnitte auf grauem Grund. Landleben. War da noch was?

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