Online: 31.05.2017 - ePaper: 01.06.2017

KLP: Chor-Wunderpunkt in Hitzacker

Singend durch den Raum wandeln

ZoomIm Oktogon in Hitzacker gibt es in diesem Jahr einen Chorpunkt der KLP. Konzerte gehören dort zum Programm wie auch Angebote zum Singen, die sich an alle Interessierten wenden wie der Improvisationschor von Evelyn Hartmann.

tj Hitzacker. "Ich werde immer frei, wenn ich singe, gelange in eine andere Welt, die meinen Alltag übersteigt." Joke van Zijderveld ist wohl nicht die einzige, die das Singen empfindet, wie sie es vor dem Oktogon in Hitzacker beschreibt. "In meiner Kindheit", sagt beispielsweise ihr Mann Hans van Zijderveld, "habe ich gelernt, dass singen doppelt beten heißt. Es heißt auch doppelt sprechen, denke ich heute." Eine Stunde Gesang haben die beiden Eheleute, die aus den Niederlanden stammen und heute bei Hannover leben, gerade hinter sich. Im Improvisationschor, den Evelyn Hartmann im Programm des Chorpunktes bei der Kulturellen Landpartie (KLP) anbietet. Kommen kann jeder, der will, auch zum Zuhören. Das sind an diesem Tag vor allem Frauen, Hans van Zijderveld ist der einzige Mann im Oktogon. Gesang gehört für ihn seit seiner katholischen Kindheit dazu - auch seine Frau hat in ihrer protestantischen Schule jeden Tag mindestens eine Stunde gesungen. Zur KLP kommen die beiden, die im Team einer anthroposophischen Behinderteneinrichtung arbeiten, seit "mindestens" fünf Jahren. Oder sechs? "Das ist das Schöne an der KLP: Man begegnet so vielen Menschen, die etwas machen, von dem sie sagen, dass sie es immer schon machen wollten", formuliert Hans van Zijderveld beider Begeisterung.

Die teilen auch Monja Pauly und Martina Czajka, die ebenfalls unter denen sind, die an diesem Tag von "Unisono-Inseln" ausgehend singend durch das Oktogon wandeln und aus Lauten und Körperbewegungen melodische Motive entwickeln. "Mich interessiert alles, was frisch ist, und Improvisation ist frisch", sagt Monja Pauly, die wie Martina Czajka nicht regelmäßig singt. "Ich will gucken, ob ich es kann", sagt Czajka. Der Chorpunkt im Oktogon passe "fantastisch" mit der KLP zusammen. "Eintauchen, angucken, ausprobieren", wie Monja Pauly sagt, das gilt für die beiden Neu-Lüchow-Dannenbergerinnen, die aus dem Rheinland stammend vorher in Sachsen gelebt haben, nicht nur für den Gesang, sondern auch für die gesamte KLP.

Dass der Chorpunkt der KLP in Hitzacker zu finden ist, ist durchaus stimmig, könnte man die Elbestadt doch Musikmetropole Lüchow-Dannenbergs nennen. Doch das ist nicht das Motiv derjenigen gewesen, die das Programm organisiert haben, in dem seit Himmelfahrt täglich Chorkonzerte und freie Gesangsangebote zu finden sind. Die Idee, sagt Anne Przyklenk-Hadel, im Chor ClangVarben auch Vorsitzende des Trägervereins, "ist in Gesprächen unter Chorleitern entstanden. Wir treten gerne auf, warum nicht an einem eigenen Punkt?" Zumal die Bedingungen für Chöre andernorts nicht immer ideal seien. "Gesang hat etwas verbindendes, eine Energie entsteht, die wunderbar ist", sagt Anne Przyklenk-Hadel. Das gilt selbst im Dunkel-depressiv-grün des Oktogon.

Den Alltag übersteigen: Was Joke van Zijderveld über den Gesang sagt, das ist auch etwas, dass dem "Gloria Patri" des estnischen Komponisten Urmas Sisask gelingt. Wie auch dessen Klavierzyklus "Zodiac" ("Tierkreis") - der Kammerchor Wendland unter der Leitung von Evelyn Hartmann und der Pianist Achim Oerter kombinieren die beiden Werke in einer spannenden Begegnung differenter geistiger Welten. Den vertonten Texten aus der katholischen Tradition stehen in diesem Programm, das im Oktogon zum vierten und letzten Mal zu hören war, Bilder menschlicher Energien gegenüber. Es sind die Spannungen und Brüche, die aus dieser Begegnung entstehen, die zum prägenden Moment des Auftritts werden: Differenzen.

Verbindungen entstehen dabei durch die Interpretationen, die im vokalen wie auch im pianistischen Part sensibel gestaltet sind. Der Chor singt souverän die vielen dynamischen Bögen, die Tempowechsel, die Stimmen gleiten präzise, farblich vielfältig schattiert durch die Welten des Sakralen. Die Klavierstücke sind rhythmisch detaillierter, sind feinsinnig im Klang, beschreiben die Energien, für die die Tierkreiszeichen stehen, manchmal mit Obertönen, manchmal Klangeffekten, immer klar.

Am Schluss des Chorwerks dirigiert Evelyn Hartmann einige Takte Stille, dann verliert sich der Klang des letzten Klavierstücks in zwei, drei Tönen gezupfter Saiten - die rund 80 Gäste nehmen die Impulse auf. Erst dann brandet Beifall auf, den mit einer Zugabe im strengen Sinn zu quittieren die Dramaturgie des Programms verbietet. Stattdessen ziehen die Sängerinnen und Sänger jene fünf Töne singend, die die Basis des "Gloria Patri" sind, aus dem Oktogon aus. Wie improvisiert.

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