Online: 08.09.2017 - ePaper: 09.09.2017

Was Jugendliche zum Einkaufen in Lüchow-Dannenberg sagen: Heute und mit Blick in die Zukunft

Gefragt: Shirt mit Erlebnis

ZoomEs geht um das besondere Oberteil und das Erlebnis Großstadt: Junge Leute aus dem Landkreis zieht es deshalb hin und wieder in größere Städte wie Lüneburg und auch Hamburg.

Wie sieht die Zukunft des Einkaufens inLüchow-Danneberg aus? In einer dreiteiligen Serie befasst sich die EJZ mit diesem nach wie vor aktuellen Thema.

 

Lüchow. Philosophie-Kurs, 11. Jahrgang, Gymnasium Lüchow: Es geht um das Thema Einkaufen vor Ort, um "Buy local", "DAN kauft hier" oder "Heimat shoppen". Die 27 Jugendlichen sollen eine Vorhersage wagen, wie Lüchow wohl in 20 Jahren aussehen wird. Manche der meist 16- und 17-Jährigen sehen die Zukunft düster, es seien ja schon einige Geschäfte verloren gegangen. Einer vermisst in der Kreisstadt den Laden "Sport 2000". Es sei schade, dass es den nicht mehr gebe. Andere verbinden ihren Optimismus mit einem Wunsch: Lüchow soll so bleiben, wie es ist, soll nicht versuchen, auf Großstadt zu machen und die Idylle zerstören. "Je mehr größere Läden hierher kommen, desto weniger wird Lüchow Lüchow sein", heißt es. Ihre Eltern "finden das Kleidungsangebot gut". Und außerdem: In 20 Jahren "sind uns Klamotten nicht mehr so wichtig", dann "funktioniert das auch für uns gut". Es ist offensichtlich für mehrere im Philosophiekurs eine "gute Vorstellung, in 20 Jahren hier zu leben". Hier seien die Menschen, mit denen sie gerne zusammen sein mögen: "Man achtet hier mehr aufeinander." Was ihnen allerdings fehlt, ist ein zentraler Treffpunkt. Mit Städten verbinden sie auch "Massenabfertigung", und das graust sie.

Eine kurze Umfrage ergibt, dass die Jugendlichen sowohl in Lüchow und im Kreisgebiet, als auch in benachbarten Regionen und im Internet einkaufen. Bücher und Kosmetik werden mehrheitlich vor Ort besorgt, auch bei Schuhen schneidet das lokale Angebot gar nicht so schlecht ab. Wenn es um Kleidung, Sportartikel und Computer geht, dann geht es - auch - nach Salzwedel, Lüneburg und Hamburg. "Ihr seid völlig normal", kommentiert Claas Spitz, Textilhändler in Lüchow, dieses Einkaufsverhalten.

Die Shoppingbegeisterung ist unterschiedlich. Wenn die jungen Leute nach Hamburg oder Lüneburg fahren - oft auch in der Gruppe, weil dann das Ticket ab Dannenberg noch billiger wird -, geht es nicht nur um neue Klamotten, sondern auch um die Großstadtatmosphäre. "Ich nehme beides mit", sagt eine. Oft erstehen sie nur ein T-Shirt, das Erlebnis ist genauso wichtig. Der Landkreis biete "nicht die Vielfalt, die wir uns wünschen", sagen sie. Das betrifft einerseits das Kleidungsstück an sich, aber auch seinen Preis. "30 Euro für ein T-Shirt - sind für uns nicht machbar".

Spitz ist sich bewusst, dass Jugendliche und junge Erwachsene viel Auswahl und niedrige Preise brauchen: "Das aber ist für mich als Händler in Lüchow schwierig". Mit dem wöchentlich wechselnden Kleidungs-"Fast Food" von internationalen Ketten wie H&M oder Primark könne er nicht mithalten.

Die beiden Ketten gehören auch zum Parcours, den Schülerinnen und Schüler ablaufen, wenn er mit ihnen nach Hannover fährt, merkt Schulleiter Dr. Rainer Bartholomai an. "Am Ende finde ich sie dann alle bei Starbucks wieder". Er staunt über die Markentreue, "die suchen in der Stadt immer nach etwas Bekanntem". Aber, ergänzt eine Schülerin, "auch nach dem, was es hier in der Nähe nicht gibt".

Die Jugendlichen im Philosophiekurs sind über das H&M- und Primark-Alter hinaus, "das ist was für die Jüngeren". Ihnen geht es um Individualität, deshalb steuern die Mädchen die Läden etwa von Zara und Urban Outfitters an, letzterer bietet nicht nur ausgesuchte Kleidung und Schuhe, sondern auch CDs, Wohnaccessoires und Kosmetik. Es geht ihnen "auch um Qualität, weg vom Plastikzeug". So wird schon mal auf ein teureres Teil von einer angesagten Marke gespart. Recherchiert wird im Internet, mit Screenshots auf dem Handy geht es dann los. Denn grundsätzlich sei es schöner, in Geschäfte zu gehen und anzuprobieren. Und: "Sale ist immer gut", in Lüchow oder woanders.

Auf Geschäfte hat ein männlicher Mitschüler keine Lust: "Schon nach fünf Minuten in einem Laden habe ich komplett schlechte Laune", deshalb bestelle er lieber von zu Hause aus und probiere dann in Ruhe. Außerdem: Die Oberteile, die er suche - Merchandising-Shirts zu Filmen und TV-Serien - gebe es sowieso nur im Netz. Hosen werden dagegen schon eher hier vor Ort gekauft, "dann weiß man, dass sie passen". Andere ordern per Internet, "wenn man ganz dringend was braucht", oder "wenn man bei bestimmten Sportschuhen genau weiß, was man will".

Dass man im Alter der Jugendlichen raus in die Welt und deren Läden will, kann er nachvollziehen, sagt Claas Spitz. Den Äußerungen im Kurs hat er entnommen, dass das Einkaufen per Internet längst nicht mehr das Nonplusultra sei, und dass das Einkaufen in Geschäften interessant ist, wenn es mit Erlebnis im Laden und drumherum verbunden ist. Wenn Lüchow und die anderen Städte auch in 20 Jahren das Angebot von heute bereithalten sollen, dann braucht es Einsatz von beiden Seiten. Denn in den vergangenen Jahren haben bundesweit 40000 Textilhändler bereits ihre Läden dichtgemacht, das hatte und hat Folgen auf andere Einzelhändler, auf Infrastruktur und Lebensqualität. Spitz: Wenn keiner mehr in die kleinen Städte kommt und kauft, macht auch niemand mehr Umsatz.

"In Lüchow muss die Verweildauer erhöht werden, deswegen fehlt ein super Café mit freundlicher Bedienung und einem Kaffee, der richtig gut schmeckt, und es braucht auch zum Beispiel einen Sneakerladen, der verlässlich geöffnet hat", benennt Spitz zwei aktuelle Defizite - die Jugendlichen lachen zustimmend. Eine lebendige Stadt - die "Interaktion mit Menschen", wie es eine Schülerin formuliert - ist ihnen wichtig. Beim Einkaufen allerdings stört sie etwas, das die Kundschaft aus Hamburg und Berlin hierzulande sehr zu schätzen weiß: die direkte Ansprache im Geschäft. Während die Erwachsenen sich wohlfühlen, wenn sie persönlich begrüßt und zu Hund oder Kindern befragt werden, wollen die Jugendlichen "bloß durchgucken - ohne Geld". Sie fühlten sich gezwungen", wenn sie nicht aus den Augen gelassen werden: "Wenn wir Hilfe brauchen, haben die meisten von uns genug Selbstbewusstsein, um zu fragen".

Claas Spitz plädiert dafür, regionale Kreisläufe zu füttern. Da hakt einer der Jugendlichen ein: Auch Spitz verkaufe in seiner Firma Produkte, die er von außen einkaufe, es gehe also Geld aus dem Landkreis raus. Ja, denn eine Fabrik, die Kleidung produziere, gebe es bekanntlich im Landkreis nicht. Dennoch bleibe Geld in der Region: fürs Personal, für Steuern, und was übrig bleibe, werde wieder investiert. An die Jugendlichen appellierte der Kaufmann, Kritik zu üben, wenn ihnen etwas am örtlichen Einzelhandel nicht gefällt. Nur so sei Verbesserung möglich: "Wenn keiner hingeht und was sagt, wird es nur schlechter." by

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