Online: 11.04.2014 - ePaper: 11.04.2014

"Eine reichlich widerliche Angelegenheit"

Betrifft: Fall Edathy

Der Fall Edathy schlägt hohe Wellen. Aus unserer Sicht werden in der Berichterstattung die Opfer völlig aus dem Blick verloren. Die abartigen Verrenkungen von Herrn Edathy mit Blick auf den Kunstcharakter von "Aktbildern von Kindern und Jugendlichen" mögen wir hier nicht kommentieren. Es mag journalistisch eine gewisse Genugtuung bringen, medienwirksam über Politiker und ihre Machtspiele ("schlägst du meinen Minister, schlag ich deinen Fraktionsführer") zu berichten, aber der Sache wird das in keiner Weise gerecht.

Ausgangsthema war und ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Zusammenhang mit einem Abgeordneten des Bundestages - wenn auch in scheinbar harmloser Variante, weil es "nur" um Bilder geht. Juristisch mag das Bestellen (und damit der Handel) von Bildern nicht strafrechtlich wirksam sein, aber genau das ist der Skandal, und über den verlieren die Medien leider keine Worte - jedenfalls nicht in angemessener Weise. Anerkennenswerter Weise hat die EJZ (Zitat) "die Grenzen der Strafbarkeit" in einer Kolumne durchleuchtet, aber das greift zu kurz in Zeiten grenzüberschreitender Produktion und Vermarktung solcher Bilder (www.sueddeutsche.de/panorama/internationale-paedophilen-netzwerke-auf-dem-spielplatz-des-abnormen-1.1891652).

Wie wäre es denn mal mit einer Reportage über die Herstellung, den Vertrieb, die Kunden und die internationale Vernetzung des Ganzen? Und auch über die Folgen, die solche Fotos/Videos für die Betroffenen haben? Die wirken nämlich ein Leben lang in zerstörerischer Weise, die normaler Fantasie nicht zugänglich ist. Vereine oder andere Institutionen, die Betroffene auf ihrem Weg der Verarbeitung dieser Missbräuche begleiten, können ein trauriges Lied davon singen und sollten auch mal zu diesem Thema gehört werden.

Es geht um den Handel (!) mit Bildern von Personen, die zur Veröffentlichung ihre Einwilligung nicht gegeben haben und wegen Unerfahrenheit und Minderjährigkeit auch nicht geben konnten. Und darum, dass diese Bilder im Internet-Zeitalter nicht unwiederbringlich löschbar sind. Es geht um Missbrauch von Abhängigen und damit um eine reichlich widerliche Angelegenheit, die eine andere Aufmerksamkeit und Bearbeitung verdient hätte, als die EJZ dies im Moment leistet.

Wie immer die Bilder auch entstanden sein mögen, der Handel damit ist unseres Erachtens pervers und gehört strafrechtlich verfolgt und eine Verjährungsfrist beseitigt. Dieses Thema ist vermutlich journalistisch "nicht ansatzweise so sexy wie Politikerschreddern", hätte es aber verdient, verfolgt zu werden - im Sinne der Opfer, die keine Chance hatten und haben, sich zu wehren.

Wie tief Pädophilie in unserer Gesellschaft akzeptiert und verankert ist, können Interessierte in dem Zwischenbericht der Uni Göttingen nachlesen, den die Grünen in Auftrag gegeben haben (http://www.demokratie-goettingen.de/studien/paedophiliekontroverse-zwischenbericht).

Dr. Barbara Khanavkar, Arno Freihold, Vietze

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