Online: 11.04.2014 - ePaper: 11.04.2014

Von Müttern zu früh getrennt

Betrifft: Artikel ""Die Antibiotika-Bremse im Stall"" (EJZ vom 1. April)

Es ist richtig, dass die Bundesregierung endlich den Antibiotika-Missbrauch in der Tierhaltung einschränken will. Das System der Erteilung von Auflagen für Betriebe mit überdurchschnittlich hohem Einsatz dieser Mittel wird zwangsläufig zu einer Reduzierung führen, insbesondere bei der Tiermast, bei der Antibiotika zur "Leistungssteigerung" eingesetzt werden. Allerdings wird sich das Tempo verringern, weil die therapeutische Option bestehen bleiben muss, um Tierleid, das mit Krankheit verbunden ist, zu verhindern. Deshalb müssen endlich die Ursachen bekämpft werden.

Ein Hauptproblem besteht darin, dass Rinder und Schweine zu früh von den Muttertieren getrennt ("abgesetzt") werden. Bei Milchkuh-Kälbern ist das in der Regel unmittelbar nach der Geburt der Fall. Auch wenn die isoliert in Kälber-Iglus gehaltenen Tiere an den folgenden Tagen aus ihren Tränkeeimern noch "Biestmilch" erhalten, ist das ungenügend, weil schon bald auf billigere Milch aus Pulver umgestellt wird, um die Milch der Mutterkuh verkaufen zu können. Bei Ferkeln reicht selbst die dreiwöchige Säugezeit nicht aus, weil der Aufbau des eigenen Immunschutzes dann noch längst nicht abgeschlossen, geschweige denn angesichts des hohen Infektionsdrucks stabil genug ist.

Die herrschenden hygienischen Mängel sind leider systemimmanent und lassen sich kaum abmildern: Die Tiere werden üblicherweise viel zu eng und bei Schweinen ohne Einstreu aufgestallt. Dadurch haben sie auch bei den seitens der Tierhalter hochgelobten Spaltenböden ständigen Kontakt mit Kot und Urin. Dies ist bei Schweinen verheerend, weil die Tiere von Natur aus den Boden nach Fressbarem durchsuchen. Auch beim Mastgeflügel, das sein Futter üblicherweise vom Boden aufnimmt, ist die Aufnahme von Kot nicht zu vermeiden. Dies gilt auch für Ferkel, die auf der Internationalen Grünen Woche ausgestellt werden und deren Flatdeck ("Schweinemobil") täglich gereinigt wird und mit verschiedenem "Spielzeug" bestückt ist. Man stelle sich einmal vor, was das Jugendamt machen würde (müsste), wenn Eltern ihre Kinder in der Wohnung oder im Kinderzimmer auf kotverschmiertem Fußboden leben lassen würden. Von einer Jugendfürsorgerin weiß ich, dass sie die Anweisung hatte, in solchen Fällen die Seuchenschutzgruppe der Feuerwehr kommen zu lassen….

Die Diskussion um den Antibiotika-Missbrauch in der Tierhaltung darf nicht davon ablenken, dass endlich auch der leichtfertige Umgang mit Antibiotika in der Humanmedizin beendet werden muss.

Eckard Wendt, Stelle

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