Online: 25.08.2014 - ePaper: 25.08.2014

Verunglimpfung mit Nazibegriff

Betrifft: Kommentar "Gutmenschen" von Jens Feuerriegel (EJZ vom 16. August)

Redakteure sollten sich, bevor sie in Samstagskommentaren so richtig einen raushauen, informieren. Sonst kommt so etwas heraus wie bei J. Feuerriegel, der mit dem von Hitler und Co. gegen humanitär engagierte Menschen (zum Beispiel gegen Anhänger von Kardinal Graf von Galen, die gegen die Ermordung Behinderter durch die Nazis auftraten) benutzten Begriff "Gutmenschen" in ein Fettnapf stapfte. "Gutmenschen" war bei der Wahl des Unwortes 2011 immerhin zweiter. Die Jury begründete: "Mit dem Wort wird insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen' in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren", und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als "Kampfbegriff gegen Andersdenkende".

Inhaltlich meint Feuerriegel dabei Menschen aufs Korn nehmen zu müssen, die abseits des bequemen Mainstreams, den er selbst mit Wonne bedient, gewürzt mit einem gehörigen Schuss populistischer Soße, Alternativen aufzeigen. Seine Beispiele zur Erklärung der Verunglimpfung spotten aber jeder Beschreibung. Was ist schlecht an der Forderung "Gorleben geht gar nicht"? In hunderten von hochkarätigen Veranstaltungen hat die BI Nachweise dafür gebracht. Und wer heute noch in Frage stellt, dass "mehr regenerative Energien" das absolute Gebot der Stunde sind, um diesen Planeten vielleicht noch zu retten, der bitte schön ist naiv, Herr F.!

Dass F. zudem als kinderloser Mensch meint, die engagierten Eltern zweier funktionierender Grundschulen diffamieren zu müssen, ist auch daneben. Ja, es bleibt dabei: Die Hartz-IV-Knebelgesetze sind ungerecht und Mist, diese sogenannten "Reformen" stigmatisieren Menschen, grenzen sie aus. Sie lösen keine Wirtschafts- und Finanzprobleme, sondern wälzen sie auf die Schwächsten ab. Wer allerdings gesagt haben soll, Radfahrer sind gut und Autofahrer schlecht, weiß nur F. selbst. Darum geht es gar nicht, sondern darum, endlich Alternativen zum motorisierten Individualverkehr zu schaffen, besonders in städtischen Bereichen. Das ist natürlich für einen Cabriofahrer wie F., der laut eigener Aussage gerne mit hohem Tempo in den Sonnenuntergang gleitet, nicht nachvollziehbar. Auch der Standpunkt, endlich mehr Güter auf die Schiene zu bekommen, ist ehrenwert und überfällig. F. sei daran erinnert, dass bei den entsprechenden einstimmigen Kreistagsbeschlüssen für eine Bahnstrecke nach Salzwedel der ergänzende Antrag auf die Einbeziehung umfassenden Lärmschutzes von mir kam.

Das Wichtigste ist aber, Schluss zu machen mit dem ungebremsten Warenwahn. Stattdessen müssen endlich regionale, ressourcensparende Kreisläufe greifen.

Es geht immer darum, alle Seiten zu betrachten. Aber genau dieses macht der wachstumsverherrlichende Mainstream á la F. eben nicht. Wie steht es so schön an Meuchefitz´ Hausbalken: "Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt." Das triffts und ist eben kein Nazi-Jargon.

Kurt Herzog, Dannenberg

^ Seitenanfang