Online: 15.09.2014 - ePaper: 15.09.2014

Die DAN-Armen feiern sich reich

Betrifft: Artikel "Arm ist nicht gleich arm" (EJZ vom 5. September)

Wenn ein arbeitgebernaher Interessensverein wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ein Gutachten über "Armut" fertigt, sollte man genau hingucken und nicht einfach die Grundaussagen ungeprüft übernehmen wie die EJZ das tat. Die IW-Hauptthese: Leben auf dem Lande unterhalb der sogenannten Armutsschwelle ist eigentlich fast luxuriös. Also, der DAN-Arme ist gewissermaßen Krösus unter Gleichen. Alles schön relativ bei der Armut.

Wer sich aber die Zusammensetzung der Hartz IV-Regelsätze anschaut, dem wird schnell klar, wie falsch die These ist. 391 € Regelsatz bedeuten 4,48 € pro Tag für Essen, Trinken, Rauchen etc. für einen Erwachsenen. Das reicht nicht einmal für eine Kompletteindeckung bei Aldi und Lidl. Aber woanders eben erst recht nicht. Und die Preise bei Aldi und Lidl sind nun einmal gleich in Stadt und Land. Schuhe gibt's dann eben nur von Deichmann (übrigens ein Umwelt- und Sozialsünder ersten Ranges): Preise zentral und gleich. Gas- und Strompreise sind konzernabhängig, nicht nach Stadt und Land gestaffelt. Möbel kommen bestenfalls von Ikea (Preise gleich). Apparate: Fernseher von Lidl oder "Geiz ist geil": Preise überall gleich. Telefon: Preise in Stadt und Land gleich. Schreibwaren und Schulmaterial: Gleich bei allen Lidls und Aldis. Naja, und die 1,50 € pro Tag für Freizeit, Unterhaltung und Kultur: Da ist schon schnurz, ob was teurer oder billiger ist. Aber zu einer Veranstaltung hinkommen, das wird auf dem Land ein wirkliches Problem: Der Wendland-Tarif ist doppelt so teuer wie der HVV-Tarif in Hamburg. Konkret: Von Lüchow nach Dannenberg hin- und zurückfahren reißt ein 8,00-€-Loch ins dünne Portemonnaie. Ach ja, abends fährt kein Bus. Zurück also mit dem Taxi (Platenlaase-Dannenberg ca. 15 €) und wenn es nach dem Landrat geht, dann in Zukunft am Wochenende und in Ferien gar nicht mit dem Bus, weil der soll weg. Logo, Gaststättenleistungen im Regelsatz, die reißen es dann raus: 7,74 € - wohl gemerkt im Monat - da könnte man auf dem Land für die zwei Weizen im Monat möglicherweise 20 Cent "sparen".

Der eigentliche "Vorteil" auf dem Land aber ist doch sicher, dass es hier so wenig Dinge gibt, für die man Geld ausgeben kann: Ein echtes Stadt-Land-Gefälle.

Super: Statt 15,1%-Einkommensarme gibt es in DAN laut IW bereinigt nur 13,9%. Merkwürdig nur, dass aber laut Kreisverwaltung 30% aller SchülerInnen berechtigt sind, aus dem Bildungs-"Teilhabe"-Paket Zuschüsse zu beantragen. Toll auch, dass die Berechnungen so parzellenscharf gemacht wurden: Unsere Region umfasst mit Lüneburg, Uelzen, Celle, Verden, Soltau-Fallingbostel und DAN fast halb Niedersachsen. Und die billigen Mieten? Bei Hartz IV werden Kosten der Unterkunft gezahlt, ansonsten gibt es Wohngeld mit Mietstufen (Stadt-Land!).

Also, das IW-Gutachten geht wieder einmal an den praktischen Problemen vieler vorbei, lenkt schlicht ab und suggeriert eben gewollt Blödsinn: Der DAN-Arme ist reicher…

Kurt Herzog, Dannenberg

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