Online: 13.11.2014 - ePaper: 14.11.2014

"Eine albtraumhafte Horrorvision"

Betrifft: Leserbrief "Der Begriff ‚Slawen’" von Siegbert John (EJZ vom 30. Oktober)

Eigentlich führe ich als Mittelalterarchäologe, zudem mit einigermaßen solider linguistischer Vorbildung und einem Forschungsschwerpunkt in der Zeit des Übergangs von der slawischen zur deutschen Herrschaft, ein recht unaufgeregtes, an historisch und archäologisch nachprüfbaren Fakten orientiertes Wissenschaftlerleben. Doch pünktlich zu "Halloween" wird mein geruhsames Frühstück mit Lektüre der EJZ durch eine albtraumhafte Horrorvision gestört.

Ein gewisser Herr John aus Gusborn sitzt vor einem Hexenkessel, in den er eine Menge Zutaten hineinrührt: die Namen mehrerer Volksstämme, die in den vergangenen 2000 Jahren in Mittel- und Osteuropa ansässig waren, eine Prise völlig aus dem Zusammenhang gerissener, meist falsch wiedergegebener Zitate aus wissenschaftlichen Publikationen, dazu ein paar Philosophen von Herder über Kant bis Marx. Das Ganze gewürzt mit Gerüchten über russische Zaren und "jüdische Khasaren", aber falsch verwendeten Fachbegriffen wie "Glagolica" und "frühdeutsch" und als Krönung ein bisschen völkisch-germanische Soße obendrauf. Dieses übelriechende Gebräu gießt er dann in Lettern und lässt es der EJZ als Leserbrief zukommen, um so entgegen jeglicher belegbarer Tatsachen die Nicht-Existenz des Begriffes "Slawen" vor dem 19. Jahrhundert nachzuweisen.

Leider besitzt Herr John offenbar nicht einmal Grundkenntnisse irgendeiner slawischen Sprache oder hat jemals von so etwas wie "byzantinische Geschichtsschreibung" gehört, sonst wüsste er ja, dass die Slawen unter eben diesem Namen bereits ab dem fünften Jahrhundert in Erscheinung traten, und zwar nicht als Unfreie, sondern als mächtige heidnische Angreifer, die sogar Konstantinopel bedrohten. Kurz darauf tauchten sie unter dem selben Namen als Nachbarn der germanischen Franken hunderte Kilometer weiter nördlich in den Quellen auf. Somit ist auch das lateinische "s(c)lavi" nicht einfach von den Mönchen ausgedacht, sondern geht wie das griechische "s(k)lavenoi" und das deutsche "Slawen" auf die Eigenbezeichnung jener Völker zurück, die es seit dem frühen Mittelalter sehr wohl in Mittel- und Osteuropa gegeben hat, nämlich genau jene "Slawen", die laut Herrn John "kein Geschichtsschreiber" jemals" erwähnt hat. Die sekundäre Bedeutung dieses Wortstammes "Sklave = Unfreier" kam erst durch die Unsitte zu Stande, sich eben jene gezwungenen Arbeitskräfte bei den andersgläubigen Nachbarn zusammenzurauben. Es ist zwar richtig, dass die Bezeichnung "Slawen" in der deutschen Geschichtsschreibung erst seit dem 18. Jahrhundert auftritt, denn vorher wurden diese Völker allgemein "Wenden" genannt, was eine alte germanische Bezeichnung für die östlichen Nachbarn ist. Hieran aber eine Nichtexistenz der Slawen festzumachen, käme in etwa der Annahme eines Franzosen gleich, es habe nie ein Volk namens "Deutsche" gegeben, da bei allen französischen Geschichtsschreibern und Philosophen immer nur von "les Allemands" die Rede ist.

Rolf Schulze, Trebel

^ Seitenanfang