Online: 24.11.2014 - ePaper: 25.11.2014

Drei Irrtümer

Betrifft: Kommentar "Ein Regelwerk und viele Foulspieler" (EJZ vom 25. Oktober)

Herr Steiner scheint die Einhaltung der Verschuldungsregel für das Wichtigste in den Euroländern zu halten. Deutschland sei dank der Hartz-Reformen "auf den Musterknaben-Pfad" zurückgekehrt, und Frankreich sei reformunfähig.

Gleich drei Irrtümer auf einmal! Erstens: Die Verschuldungsregel ist eine Vereinbarung ohne wissenschaftlich begründbare Grundlage. Wer oder was bestimmt denn, ob 50, 90 oder mehr Prozent des BIP (Brutto-Inlandsprodukt) als Grenze richtig sind?

Zweitens: Die deutschen Reformen, darunter der "dicke Klotz" Hartz IV und die zehnjährige Stagnation des deutschen Netto-Lohnniveaus, haben dazu geführt, dass Deutschland einen extrem hohen Außenhandelsüberschuss einfährt.

Drittens: Frankreich ist mitnichten reformunfähig. Frankreich sträubt sich lediglich, die deutschen Reformen nachzumachen, und ist nicht zuletzt durch die rücksichtslose deutsche Reformpolitik in die derzeit schwierige Lage gekommen. Denn, und das vergisst Herr Steiner zu erwähnen, es gibt eine Regel im Euro-Gebiet, die da lautet: Der Zielwert für die Inflation ist etwa zwei Prozent. Davon abgesehen, beträgt der jährliche Produktivitätsfortschritt etwa ein Prozent. Folglich sollte die jährliche Lohn- und Gehaltserhöhung ungefähr drei Prozent betragen. An diese Vorgaben hat Frankreich sich fast genau gehalten, Deutschland dagegen nicht.

Vor der "Euro-Zeit" konnte der Außenhandelsausgleich über die Änderung des Wechselkurses erfolgen. Heute aber müssen die erwähnten Regeln befolgt werden. Anders funktioniert es nicht. Wenn Deutschland so weitermacht, ist eine zukunftsfähige und gesunde wirtschaftliche Zusammenarbeit unmöglich, und das Ende des Euro wird abzusehen sein.

Noch etwas: Wieso ist Deutschland wirtschaftlich eine Lokomotive? Wen ziehen wir denn? Ist es nicht vielmehr so, dass diese merkwürdige Lokomotive die Waggons längst abgehängt hat und allein fährt?

Christian Ruhsert, Hitzacker

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