Online: 19.12.2014 - ePaper: 20.12.2014

Bangemachen der Bevölkerung ist unangebracht

Betrifft: Leserbrief "Ideologie als Fallstrick" von Prof. Dr. Günter Runkel, Lüneburg (EJZ vom 29. November)

 

Professor Runkel beruft sich auf exzellente Forschungsergebnisse aus dem 19. Jahrhundert zur Flussentbuschung als Maßnahme gegen Hochwasser und wirft "grüner Ideologie" die Missachtung dieser Fakten und damit die Gefährdung und finanzielle Belastung der Bevölkerung vor.

Unsere Welt ist ein dynamisches System. Die Bedingungen für Flusswassermanagement haben sich seit dem 19. Jahrhundert ein wenig geändert. Vielleicht hat Professor Runkel Gelegenheit, bei seinen Kollegen in der Leuphana Universität in seiner Heimatstadt vorbeizuschauen. Die können belastbare Ergebnisse zur Auswirkung meteorologischer Änderungen auf unsere lokalen Gegebenheiten ausweisen (in einer vorzüglichen Ausstellung in der Kreisvolkshochschule in Lüchow kürzlich präsentiert). Zudem wird es nicht schwierig sein, sich die Daten zur Änderung der dem Fluss zur Verfügung stehenden Überschwemmungsgebiete jetzt im Vergleich zu vor 150 Jahren zu beschaffen. Auf dem Boden dieser Tatsachen sind die Forschungsergebnisse aus dem 19. Jahrhundert sicher noch mal zu überdenken.

Herr Professor Runkel könnte sich gelegentlich ansehen, was die Gewalt des jüngsten Hochwassers an der Architektur der Elbbuhnen verändert hat in einem Gebiet, in dem in diesen Tagen die Verbuschung beseitigt wird. Pflasterungen und Buhnenkörper wurden bei der Fließgeschwindigkeit des Hochwassers 2013 trotz Bewuchs schon komplett auseinander genommen. Nun soll die Abflussgeschwindigkeit noch größer werden. Hat sich mal jemand überlegt, was die noch gewaltigere kinetische Energie direkt unterhalb des Abholzungsgebietes anrichten wird, zumal sich dort die Elbdeiche flaschenhalsmäßig verengen und noch die Wasser der Seege dazuströmen?

Ich wünsche mir, dass Experten sämtlicher Sparten länder- und staatenübergreifend ein Flussmanagement auf wissenschaftlicher Basis organisieren, um zukünftige Hochwasser zu bewältigen. Hochwasserauswirkungen lassen sich heute zwar mit etwas Aufwand, aber durchaus präzise im Modell ausrechnen unter Berücksichtigung der anfallenden Wassermengen und dreidimensionaler Flussquerschnitte. Lokale Hau-Ruck-Lösungen selbsternannter Experten verlagern das Problem bestenfalls auf eine andere Ebene, wenn nicht sogar noch größerer Schaden entsteht.

Ideologische Grabenkämpfe und Bangemachen der Bevölkerung hat auf diesem Gebiet nichts zu suchen. Wir sind hier alle betroffen und müssen unsere Kräfte bündeln. Im 21. Jahrhundert sollte die Wissenschaft zumindest so weit entwickelt sein, dass ein multifaktorielles Problem adäquat gelöst werden kann, das Wissen muss nur zur Anwendung kommen. Und genau das ist übrigens das Ziel der "grünen Ideologie".

Barbara Khanavkar,

Vietze

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