Online: 29.12.2014 - ePaper: 24.12.2014

Regierung verweigert Untersuchung

Betrifft: Kommentar "Setzen, sechs" von Benjamin Piel (EJZ vom 6. Dezember)

Glückwunsch, liebe Heimatzeitung! Welch brillantes Stück Journalismus, der Kommentar zum Klassenfahrtboykott der Gymnasien. So etwas erlebt man nur selten, selbst in der EJZ! Souverän schon die Verkürzung der Thematik auf die 45 Minuten Mehrarbeit, obwohl dem Redakteur die Fakten im vollen Umfang bekannt sind. Starke Leistung, das alles auszublenden. Und gut so. Wozu seinen Lesern Differenzierungen zumuten!

Volltreffer: Unkreativ sind die Lehrer, und schlechte Arbeit machen sie sowieso. Das weiß jeder, das ist international belegt. Ein Wunder, dass dieses Land überhaupt noch funktioniert. Ein Kind muss heute schon ein Genie sein, um diese Schulen zu überleben. Gut, dass es einigen wenigen gelingt, die uns dann mit Zeitungskommentaren wachrütteln. Die aktuelle Schülergeneration ist dafür natürlich verloren: Irreparabel eingeengt wird der Horizont derer sein, denen man heute die Klassenfahrten vorenthält.

Scharfsinnig, die Erkenntnis, wie die Lehrer ihren Beruf hassen! Natürlich. So wie alle, die sich für ihre Arbeitsbedingungen einsetzen - die Piloten, die Lokführer, die Journalisten. Moralisch wertvoll, die Kernfrage! Oh ja, sie gehen über Leichen, die Lehrer, für ihre eigenen schäbigen Interessen. Wie die Rüstungsindustrie, die Großbanken, die Mafia. Und darunter muss unsere unschuldige Jugend nicht nur leiden, sie lernt es auch noch von ihnen. Entlarvend, wie die GEW überführt wird! Die tatsächliche Lehrerarbeitszeit an einer einzigen Schule zu dokumentieren - unseriös und lächerlich!

Dass die Berufsverbände seit Jahren eine repräsentative Untersuchung von der Landesregierung fordern und diese sie hartnäckig verweigert, gehört nun wirklich nicht hierher. Professionell, Öl in einen schwelenden Konflikt zu gießen! Das heizt ein, da freut sich auch der Verleger. So hält man die Abonnenten bei der Stange - und füllt die Leserbriefseiten. Wenn dadurch das Verhältnis von Eltern und Schülern zu ihrer Schule beschädigt wird - geschenkt. Wer wird hier schon so zimperlich sein.

Und dann diese Schlagzeile! "Setzen, sechs!" Knackig, prägnant, messerscharf. Kurz genug auch für die schmalste Spalte. Verdienstvoll, diesen Spruch aus der pädagogischen Steinzeit im kollektiven Bewusstsein lebendig zu halten. Wo er doch in den Schulen schon seit Jahrzehnten ausgestorben ist. Wie könnten wir auf sie verzichten wollen, diese vortreffliche Alliteration: "Ess-Ess", so klingt der eiserne Besen. Und den bekommen jetzt die Lehrer ab - endlich!

Ein kleiner Tipp? Warum verzichtet der Redakteur nicht ganz auf Recherchen? Die sind pure Zeitverschwendung! Der Brunnen seiner Dünkel ist tief. Daraus lässt es sich vortrefflich schöpfen. Geben wir es den Paukern, aber ordentlich! Die haben sich in den letzten 25 Jahren alles gefallen lassen und wollen jetzt aufmucken? Wo kämen wir hin?

Mutige Journalisten und kompetente Kommentare braucht unser Land. Der Karrieresprung zur "BILD" kann da nur noch eineFrage der Zeit sein.

Wilhelm Bschor,

Hitzacker, Lehrer

am FRG Dannenberg

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