Online: 01.01.2015 - ePaper: 02.01.2015

Sachliche Auseinandersetzung wünschenswert

Betrifft: Kommentar "Setzen, sechs" von Benjamin Piel (EJZ vom 6. Dezember)

Schade, schade! Da hatten wir uns gefreut, dass ein junger Redakteur unserer Regionalzeitung einen Preis für einen gut recherchierten und zurückhaltend formulierten Artikel bekommen hat, und dann schreibt jener Ausgezeichnete einen Kommentar zum Protest gegen die geplante Arbeitszeiterhöhung der Gymnasiallehrer, in dem man fundierte Kenntnisse über die tatsächlichen Lehrerarbeitszeiten vergebens sucht. Stattdessen gefällt sich Herr Piel selber in der Rolle des Lehrers. "Setzen, sechs!" titelt er und reiht sich ein in die Phalanx derer, die leichtzüngig wie Schröder ("Faule Säcke") und Gabriel ("Mit Gänsen redet man nicht über Weihnachten") den Lehrern pauschal mal eben einen überbraten, wobei sie vor allem des Beifalls jener sicher sein können, die keine kritische Distanz zu ihren schulischen Leistungen haben.

Wir fragen uns: Welches Bild von Schule hat Herr Piel in seinem Kopf? Glaubt er im Ernst, es gelte heute noch, was einst der Volksmund formulierte: "Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei." Weiß Herr Piel tatsächlich, was Lehrer tun? Er setzt sich mit den Folgen des Lehrerprotests für die Schüler auseinander, ohne sich intensiv mit den Gründen des Protests zu beschäftigen. Hier wäre doch wünschenswert eine sachliche Auseinandersetzung mit der Lehrerarbeitszeit und den Folgen einer permanenten Überlastung durch immer neue Aufgabenfelder, die zu bearbeiten sind, und einem Kultusministerium, das bei jedem Wechsel der Landesregierung andere Schwerpunkte in der Bildungspolitik setzt, die Lehrer dann umsetzen müssen (zum Beispiel G9 - G8 - G9).

Ein vergleichender Blick zum Beispiel ins Nachbarland Dänemark könnte nachdenklich stimmen. Recherchethemen wären zum Beispiel: Wie sieht die aktuelle Arbeitsplatzbeschreibung von Lehrern aus? Wie viel Zeit haben Lehrer tatsächlich für ihre Kerntätigkeit, nämlich den Unterricht mit Vor- und Nachbereitung? Wie steht Niedersachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern mit seiner Arbeitszeitverordnung für Lehrer da?

Die Folgen des Pielschen Kommentars sind Leserbriefe in der EJZ, in denen zum Beispiel Klassenreisen mit Betriebsfeiern verglichen werden. War das das Ziel? Wenn es dem Journalisten wirklich um Horizonterweiterung geht, bitte zurück zur Sachlichkeit. Tauschen Sie, Herr Piel, für vier Wochen Ihren Arbeitsplatz mit einem Gymnasiallehrer für Deutsch und einem beliebigen anderen Fach und nehmen Sie, wenn diese wieder stattfinden, an einer Klassenfahrt teil. Auf den darauf folgenden, vielleicht wieder preiswürdigen Artikel zum Thema sind wir gespannt.

↔Ulrike Laudel-Voigt, ↔Hitzacker, und ↔Eberhard Malitius, Streetz

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