Online: 02.01.2015 - ePaper: 03.01.2015

Aus Lösemittel wurden "Weichmacher"

Betrifft: Artikel "BBS-Probleme mit der Lüftung" (EJZ vom 22. Dezember)

Vielen Dank für die Berichterstattung zum Thema "BBS: Probleme mit der Lüftung". Nach fast 20 Jahren Erfahrung in Sachen Schadstoffberatung für Schulen gehe ich davon aus, dass das Problem nicht "ablüftbar" sein wird, weil auch als "emissionsarm" deklarierte Materialien Lösemittel, Weichmacher, Konservierungsmittel und andere organische Verbindungen enthalten können.

Bei Fußbodenklebern sind dies in der Regel Glykolverbindungen, die seit 1994 vorwiegend als Lösemittel in wasserbasierten "lösemittelarmen" beziehungsweise als "lösemittelfrei" deklarierte Klebern Verwendung finden. Ihnen kommt dieser Satz merkwürdig vor? Ist er nicht. Möglich wurde die Umdeklarierung von Lösemitteln durch die Änderung der TRGS Nr. 610 (Technischen Regeln für Gefahrstoffe) im Oktober 1994. Mit einen Trick der Chemieindustrie wurden damals hochsiedende Lösemittel mit einem Siedepunkt über 200 Grad ganz einfach in "Weichmacher" umbenannt. Sie gelten seitdem nicht mehr als Lösemittel. Das ermöglicht der Industrie die Deklaration als "lösemittelfrei" auf Behältnissen von Lacken und Klebern.

Die Menschen denken nun, sie tun sich (in diesem Falle den Schülerinnen und Schülern) etwas Gutes. In Wahrheit holen sie sich lang anhaltend ausdünstende Lösemittel ins traute Heim oder in die Schule.

Während sich die früher in den Materialien vorhandenen leichtflüchtigen Lösemittel einfach durch tagelanges gründliches Lüften entfernen ließen, funktioniert das nun nicht mehr, denn diese nunmehr als lösemittelfrei oder lösemittelarm (und emissionsarm) deklarierten Kleber enthalten oftmals hochsiedende - also schwerflüchtige - Lösemittel, die zwar langsamer, dafür aber langanhaltend ausdünsten.

Es gibt jetzt zwar weniger Ausdünstungen, die dafür aber über Jahre anhaltend sind und sich als Sekundärkontaminationen an Einrichtungsgegenständen anlagern können. Oftmals lösen diese fett- und wasserlöslichen Glykolverbindungen Aldehyde, Ketone, Fettsäuren und andere Stoffe aus den Fußbodenmaterialien oder den Fußbodenaufbauten und bewirken dadurch langanhaltende penetrante Geruchsbelästigungen, die sich nicht auslüften lassen und durchaus gesundheitsschädlich sein können.

Und so kommt es dann, dass es seit 1994 hunderte von Schulen in diesem Lande gibt, in denen ohne Erfolg dauergelüftet wird. Es hat sich ein regelrechter Lüftungszirkus mit festgelegten "Lüftungsregimen" entwickelt, in denen vor lauter Lüften oft kein kontinuierlicher Unterricht mehr möglich ist.

Zur weiteren Information empfehle ich Links auf zwei Power-Point-Präsentationen zum Thema von meiner Internetseite beim BBU e.V.. Hier wären vor allem die Texte zu den Stichworten Glykolverbindungen und Weichmacher von Interesse.

Dagmar von Lojewski-Paschke, Simander

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