Online: 02.01.2015 - ePaper: 03.01.2015

Ballern, was das Zeug hält

Betrifft: Treibjagden

7.40 Uhr, noch ein wenig dunkel. Der erste Schnee ist gefallen. Mein Hund und ich machen unseren ersten Spaziergang. Kaum zehn Meter gelaufen, kommen sie uns entgegen: Männer in großen Geländewagen, hinter sich Pferdeanhänger ziehend, in denen weitere Männer stehen. Wagen um Wagen passiert uns. Das Ende der Kette bildet ein Wagen mit einem Anhänger, auf dem Strohballen getürmt sind. Obenauf und ganz vermummt sitzt ein dicker Kerl, eingepresst in die orangene Weste, neben sich die Knarre liegend. Also Treibjagd.

Der Hund und ich machen unsere Runde. Ruhig bleibt es vorerst. Wahrscheinlich bespricht man erst einmal den Ablauf der Jagd, verteilt die Aufgaben, trinkt ein Schnäpschen, belobhudelt sich selbst. Anekdoten werden zum Besten gegeben. Erst einmal einschwingen auf das gemeinsame Hobbymorden. Wer den Kürzesten hat, bekommt dann auch den ersten Schuss. Fein.

Man verteilt sich im Wald. Runde zwei für meinen Hund und mich. Es knallt. Einmal, zweimal, dreimal...Der Hund kommt an die Leine. Wir biegen ab. Vier Rehe kommen uns entgegen. Tötungsstress in ihren Augen. Sie hetzen an uns vorbei. Ich könnte schreien vor Wut, denn weiter vorne, keine 20 Meter von meinem Haus entfernt, da sehe ich weitere sechs von ihnen. Getrieben, in Panik, orientierungslos. Und hinter ihnen die dickbäuchigen Hobbyjäger aus Hannover, Göttingen, Hamburg, Uelzen, Salzwedel, Dannenberg.

Ich stelle mich aufs Feld. Ohne Hund. Wie viel Meter ist die mordgeifernde und sabbernde Truppe entfernt? Die Rehe sind nun so nah bei mir, dass sie nicht schießen können, nicht dürfen. Oh, da fällt dem einen oder anderen bestimmt das Ei ab. Bitte kein Gelaber über Verjüngung der Wälder und Rechtfertigung für den Rehabschuss. Und bloß nicht den Schwachsinn, dass die Jäger ja auch fast alles Waldbauern sind. Was hier gemacht wird, ist Trophäenjagd.

Erwiesenermaßen knabbern Rehe aber in der näheren Umgebung der Futterstellen konzentriert die jungen Bäume an. Eigenartig, dass das dem Waldbauern-Jäger nicht auffällt. Was man vielleicht auch nicht weiß: Wie das Reichsjagdgesetz dient das Bundesjagdgesetz vor allem dazu, die Trophäenjagd zu regeln. Was man tatsächlich einmal überdenken sollte, wäre die Einführung eines Schießleistungstests. Die Mannen, die sich da heute zum kollektiven Blutrausch getroffen haben, machten teilweise einen recht unsportlichen und übergewichtigen Eindruck. Ob da die Hand nicht doch zu sehr am Abzug zittert? Und reicht das Augenlicht im Zustand höchster Erregung noch aus, um tatsächlich auch den anvisierten Vierbeiner zu treffen und nicht etwa dem Günther seinen Arsch? Schwamm drüber, wenigstens ein Treffer, Kollege. Und nun ein gemeinsames Hallali. War doch wirklich schön wieder mal. Und ist doch auch toll, ne, dass durch die fast ganzjährige Bejagung das eigentlich von Geburt an tagaktive Reh zum Nachttier geworden ist. Ballern, was das Zeug hält! Da läuft einem doch glatt die Sabber aus der Lefze.

Andrea Seul, Luckau

^ Seitenanfang