Online: 20.01.2015 - ePaper: 21.01.2015

Aus der Deckung kommen und miteinander reden

Betrifft: Kommentar "Die Wut der Straße" von Benjamin Piel (EJZ vom 10. Januar)

Danke, Herr Piel, auf einen solchen Kommentar in den Medien habe ich lange gewartet! Es wird dringend Zeit, dass wir wegkommen von den Etikettierungen, den Gängelungen, welche Haltungen politisch korrekt sind und welche nicht.

Es mag richtig sein, dass die westlichen Medien nicht "von der NATO gesteuert" werden. Aber es dürfte klar sein, dass der Westen ebenso wenig "objektiv" informiert wie seine aktuell erklärte Gegenseite. Faktisch ist es Menschen gar nicht möglich, sich objektiv, also unabhängig von menschlichen Interessenslagen, zu äußern. Wir sind in ein Setting von Interessenslagen hineingeboren und damit sozialisiert. Was in diesem Setting die eigene Position stärkt, wird naturgemäß als richtig empfunden. Die Frage ist, ob man sich bewusst macht, dass diese Richtigkeit eben nur für den eigenen Horizont gilt. Eine Gesellschaft tickt doch im Großen sehr ähnlich der individuellen Psyche. Aufwallungen wie Pegida als falsch abzustempeln und ins Abseits zu drängen, wird ähnliche Folgen haben, wie unerwünschte psychische Phänomene zu unterdrücken. Irgendwann knallt's. Und dann wundert man sich, was passiert ist, und weiß nicht anders damit umzugehen, als die Spirale der Vergeltung weiter anzutreiben.

Mir hilft hier immer, mir mein familiäres Umfeld anzusehen. Hier gibt es Menschen, die mir sehr nahestehen und die schon Parteien an der äußersten rechten Klippe gewählt haben. Die aber im unmittelbaren Kontakt keiner Fliege etwas zuleide tun können. Hinter dem Schimpfen über vermeintliche Missstände steckt ein Unbehagen, das zu verurteilen wenig Sinn macht, denn Onkel oder Tante haben wie alle Menschen keine anderen Interessen, als persönlich ein gutes Leben zu führen, und gelten mit ihrer Lebensführung zweifellos als "Stütze der Gesellschaft". Soll ich gegen die auf die Straße gehen? Mit welchen Parolen?

Das Setting, in dem wir heute aufwachsen, hat viele Grenzen verloren, die früher einen festen Bezugsrahmen gaben und Sicherheit versprachen. Heute muss sich der Einzelne fragen, wie will ich eigentlich leben? Was gibt mir Sicherheit? Und was den nötigen Entfaltungsraum? Und wo sind die Grenzen zum Entfaltungsraum des Nachbarn? Ist es überhaupt eine Grenze, die scheidet, oder eine, die eher befruchtet? Ein großer Lichtblick in dieser Richtung ist für mich das Interview mit Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen, in der EJZ vom 10. Januar: "Kommunikation kann schiefgehen, Nicht-Kommunikation wird schiefgehen." Herr Piel hat völlig recht: "Dass Menschen in so einer Welt auf die Straße gehen, ist gut." Es reicht nicht, dass wir im persönlichen Alltag Entscheidungen für ein "gutes Leben" treffen. Wir müssen aus der Deckung kommen, miteinander reden und auf der Basis dessen, was uns eint, das aufbauen, was uns ein gutes Miteinander-Leben ermöglicht.

Simone Walter, Prießeck

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