Online: 20.01.2015 - ePaper: 21.01.2015

Ein berechtigtes Anliegen - aber der falsche Weg

Betrifft: Dialog zwischen Gymnasiallehrer Bschor und EJZ-Redakteur Piel (EJZ vom 10. Januar)

Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich an einem Gymnasium im Bundesland Sachsen-Anhalt. Ich weiß also, wovon ich rede. Der Platz reicht nicht aus, um all das aufzuschreiben, was meine Kollegen und ich in dieser Zeit erlebt haben, und unter welchen Bedingungen wir seit 1991 dort arbeiten. Angefangen von einer Bezahlung, die am Anfang etwa der Hälfte dessen entsprach, was ein Lehrer an einem Gymnasium in den alten Bundesländern verdiente, über Tarifverträge, die uns aus Kostengründen zur Stundenreduzierung gezwungen haben, bis hin zu äußeren Rahmenbedingungen (Gebäude, Ausstattung mit Lehrmitteln usw.). Erst ab 2010 entsprechen die Gehälter in Sachsen-Anhalt hundert Prozent dessen, was im Westen verdient wird. Noch heute ist der größte Teil der Lehrer in Sachsen-Anhalt nur angestellt und hatte nie das Privileg der Unkündbarkeit.

Seit inzwischen vier Jahren besteht unsere Unterrichtsverpflichtung am Gymnasium aus 25 Wochenstunden. Dabei findet kaum Berücksichtigung, wie viele Stunden noch zusätzlich, zum Beispiel bei der Begleitung von Studien- oder Klassenfahrten oder vielen anderen außerunterrichtlichen Aktivitäten zu leisten sind. Die Maßnahmen der Lehrerschaft, die aufgrund der Erhöhung des Stundenkontingents auf 24,5 Stunden an vielen Gymnasien in Niedersachsen beschlossen wurden, findet also woanders nicht immer Verständnis.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Anteil zusätzlicher Arbeit durch unter anderem immer mehr Bürokratie ständig wächst. Den schönen Sonntagsreden von Politikern, die gebetsmühlenartig die Bildung unserer Jugend als wichtigste Investition in die Zukunft dieses Landes betonen, steht die Tatsache gegenüber, dass Bildungspolitik im Finanzministerium gemacht wird und entgegen aller Beteuerungen vernünftige Klassenstärken, ausreichendes Personal und eine für die heutige Zeit notwendige materielle Ausstattung der Schule dem Rotstift zum Opfer fallen.

Das von Herrn Bschor verteidigte Anliegen der niedersächsischen Gymnasiallehrer hat durchaus seine Berechtigung. Selbst Eltern, die eine schwieriger werdende Erziehung ihrer Kinder gerne immer mehr der Schule überlassen möchten, erkennen inzwischen, dass der Lehrerberuf wenig mit dem immer noch verbreiteten Vorurteil "Der Lehrer hat vormittags Schule und nachmittags frei" zu tun hat, und würden in vielen Fällen nicht tauschen wollen. Und trotzdem, und da bin ich auf der Seite von Herrn Piel, ist es der falsche Weg, Schüler und Eltern für die Durchsetzung berechtigter Forderungen zu instrumentalisieren und diesen Konflikt auf ihrem Rücken auszutragen. Hier kann und muss es andere Möglichkeiten geben. Ich befürchte, dass sonst das gerade in der Bevölkerung etwas gewachsene Verständnis für die Situation der Lehrer wieder schwinden wird.

Ulf Bohlmann, Kolborn

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