Online: 30.01.2015 - ePaper: 31.01.2015

Viren haben eine kaum vorstellbare Mutationsrate

Betrifft: Artikel "Kontrolle nur bei Anlass" (EJZ vom 17. Dezember)

Dieser Zeitungsbericht sollte im Zusammenhang mit einem Bericht über den Ausbruch der Vogelgrippe im Kreis Cloppenburg gelesen werden. Bei der behördlichen Genehmigung von Mega-Ställen wird die Bevölkerung immer damit beruhigt, dass regelmäßige Kontrollen vorgesehen seien, die eine Gesundheitsgefährdung praktisch ausschließen. Undefiniert bleibt, was "regelmäßig" bedeutet und auf welche Keime überhaupt untersucht wird. Auf Nachfrage ergibt sich dann, dass Untersuchungen nur bei "Anlass" erfolgen und sich dann auch im wesentlichen auf die Belastung mit Staphylococcus aureus beschränken.

Was nun ein Anlass sein soll, bleibt wiederum im Dunkeln. Wenn innerhalb weniger Tage Hunderte von Menschen umfielen, dann wäre dies wohl ein unübersehbarer Anlass. Aber Erkrankungen der Atemwege und Allergien entwickeln sich nicht sprunghaft, sondern allmählich. Hier wären Langzeitbeobachtungen und entsprechende Statistiken erforderlich, um eine Gefährdung sichtbar zu machen.

In der Realität ist aber kein Amt an solchen Erkenntnissen interessiert: Noch nie hat man offiziell Arztpraxen befragt oder sich gar bei den Krankenkassen erkundigt. Dass schon ein vorbeifahrender Viehtransport die Keimbelastung auf das 3000-fache steigen lässt (LUFA Oldenburg), beunruhigt anscheinend niemanden. Wie mag es da in der Nachbarschaft von zwischengelagerten Bergen aus Hühnertrockenkot aussehen, oder wenn das Zeug großflächig auf die Äcker gestreut wird?

Wir müssen nach allem davon ausgehen, dass vor dem Sankt-Nimmerleins-Tag kein "Anlass" für ernsthafte Kontrollen vorliegen wird. Der wahre Grund hierfür liegt zweifellos an den Kosten, die wirksame Untersuchungen verursachen würden. Langfristig gesehen, wäre das zwar gut angelegtes Geld, aber vorerst versucht man es mit den billigen Griff in die Trick- und Märchenkiste. Hierzu zählt auch das Festhalten an dem lächerlichen Erklärungsversuch, Zugvögel aus Korea hätten das Vogelgrippevirus bei uns eingeschleppt. Es gibt keine Vogelzugroute von Korea über Deutschland, und wie auch sollten Zugvögel in Kontakt geraten zu streng abgeschirmten Geflügelbeständen?

Viren haben eine kaum vorstellbare Mutationsrate und Vermehrungsgeschwindigkeit. Wie in Korea so können sie sich bei entsprechenden klimatischen Bedingungen an jedem Ort der Welt ausbreiten. Dies gilt insbesondere für das konstant feuchtwarme Klima in Megaställen, wo Stoffwechselprodukte einen idealen Nährboden darstellen. In den Ablufttürmen, die nur schwer und kostenaufwändig (und daher selten bis nie) gereinigt werden, haben die Erreger auch genügend Zeit, neue Mutanten auszubilden und von dort die Reise in die Umgebung anzutreten. Nach Aussagen von Virologen ist jederzeit damit zu rechnen, dass dabei Spielarten auftreten, die auch für Menschen höchst gefährlich werden, ohne dass geeignete Medikamente zur Verfügung stehen. Wollen wir abwarten, bis dieser Fall eintritt?

Johann E. P. Strauß, Leisten

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