Online: 06.02.2015 - ePaper: 07.02.2015

"Oberflächliche Anfeindungen"

Betrifft: Kommentar "Wendischer Witz" von Thomas Janssen (EJZ vom 31. Januar)

Ein Kommentar ist prinzipiell nichts anderes als ein Leserbrief. Hier darf auch ein Redakteur, was jeder Leserbriefschreiber völlig zu Recht für sich in Anspruch nimmt, seine Meinung frei äußern. Allerdings hat der Kommentator eine deutlich stärkere Position. Er ist Profi, hat mehr Platz zur Verfügung, wird hervorgehoben, und man betrachtet Redakteure als Teil der sogenannten "Vierten Gewalt". Das ist gut so, der Kommentator darf die Zurückhaltung, die ihm in der Berichterstattung abverlangt wird, ablegen, und er darf das Messer wetzen. Von einem Profi kann man trotzdem ein Mindestmaß an Sorgfalt erwarten. Bei zu pauschalen und oberflächlichen Anfeindungen bleibt viel Interpretationsspielraum, vor allem aber bleiben Fragen.

Wenn ich Thomas Janssen richtig verstanden habe, ist die symbolische Übergabe des Wendenpasses an Edward Snowden absurd. Das kann man so sehen. Übel wird es aber, wenn er das in Zusammenhang mit einem Angriff auf die Zivilisation des Westens bringt und unterstellt, die Hauptsache wäre, es ginge gegen den bösen Westen. Er schreibt, in der absurden Idee, Snowden den Wendenpass zu verleihen, komme die Bereitschaft vieler, zu vieler zum Ausdruck, leichtfertig die Freiheiten der bürgerlichen Zivilisation des Westens gering zu schätzen. Was meint er mit "Zivilisation des Westens"? Morde mit Drohnen, Waffenlieferungen an Saudi Arabien, Folter und Rechtlosigkeit in Guantanamo oder das vollständige Ausspähen persönlicher Daten im Internet? Soll ich noch die verbrecherischen Angriffskriege der letzten 50 Jahre aufzählen? Wird das alles besser, wenn andere noch schlimmer sind? Freiheit und Werte muss man zuerst bei sich zu Hause verteidigen. Snowden musste fliehen, ins unfreiwillige Exil gehen - da ist der Wendenpass eine humane Geste der Solidarität, ein Signal, dass er, der nicht nach Deutschland kommen kann und darf, nicht ganz allein steht.

Kriegsverbrecher G. W. Bush und die Folterer in Guantanamo kommen nur deshalb nicht vor Gericht, weil die mächtigste Militärmacht der Welt das verhindert und es deshalb auch keiner ernsthaft versucht. In 50 Jahren sieht das vielleicht ganz anders aus.

Wir wurden schon übelst beschimpft, als wir gegen den Irak-Krieg demonstriert haben - vor dem Krieg. Gibt es heute noch jemanden, der ihn wollte und gerechtfertigt fand? Lesen Sie mal nach, was Frau Merkel seinerzeit dazu gesagt hat. Ich gehe davon aus, dass die Sympathisanten und Unterstützer von Edward Snowden (nicht Putin) mehr für Freiheit und Menschenrechte tun, als die Schwarz-weiß-Polemiker, die unsere Auffassungen mit Hohn und Spott übergießen.

Jürgen Stolp, Woltersdorf

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