Online: 09.02.2015 - ePaper: 10.02.2015

Keine deutschen Bewerber für vakante Stellen

Betrifft: Artikel "Krankenhaus international" (EJZ vom31. Januar)

Ich arbeite seit vielen Jahren vorwiegend ausländische ärztliche Mitarbeiter ein, die die Primärversorgung unserer gesundheitlich gefährdeten Mitbürger in der Region gewährleisten. Dabei ist natürlich die Sprachbarriere eine Hürde, auch das initial fehlende Verständnis für hiesige soziale Zusammenhänge. Die uns zur Verfügung stehenden Mitarbeiter aus vorwiegend den osteuropäischen Ländern und dem Nahen Osten sind durch die Bank motivierte und integere Menschen, die sich in ihrer Position bewähren wollen. Warum haben wir den Ärztemangel? Sind die Arbeitsbedingungen zu schlecht für angehende Fachärzte in den Kliniken oder in der Hausarztpraxis? Der Bedarf an Krankenhausärzten ist in den vergangenen zehn Jahren drastisch gestiegen wegen der Änderung der gesetzlichen Bestimmungen zur Arbeitsbelastung und Freizeit. Das ist auch gut so, denn in unserer Ausbildungs- und Berufszeit haben wir unkontrolliert Überstunden schieben müssen und sehr lange Arbeitszeiten mit Dienstverpflichtung ableisten müssen. Das ist nicht mehr so. Unsere Standesvertretungen versichern uns zusammen mit den medizinischen Fakultäten, dass wir mehr Studenten zu Medizinern ausbilden als je zuvor. Trotzdem haben wir keine deutschen Bewerber für unsere vakanten Stellen.

Die Tochter eines Freundes wollte Hausärztin werden. Sie hat einen Notenschnitt von 1,8, aber keinen Studienplatz in Deutschland bekommen. Sie hat sich über ein Jahr lang bemüht, über Zusatzpraktika und Testverfahren ohne Nummerus clausus ihr Traumziel zu erreichen, es hat nicht geklappt. Sie studiert jetzt Medizin in Riga, es gefällt ihr sehr gut dort, ich weiß nicht, ob sie hierher zurückkommt.

Wir bilden Überflieger und Hochbegabte zu Medizinern aus und wundern uns, dass es wenige Ärzte gibt, die in der Provinz Hausärzte sein wollen oder kleine Krankenhäuser als Ausbildungsstätte wählen. Die Provinzkrankenhäuser versuchen alles, um das Problem zu bewältigen, sie zahlen Studenten in der Ausbildung großzügige Stipendien für die Verpflichtung, ihre Facharztausbildung vor Ort zu leisten, so hoffen sie, einheimische Ärzte für sich gewinnen zu können. Wenn diese Studenten ihr Staatsexamen erlangt haben, entscheiden sie sich nicht selten für ein Prestigekrankenhaus zur Weiterbildung, und dieses zahlt dem Provinzkrankenhaus das Stipendium zurück. Die Personallücke bleibt. Wir können es der Elite unserer Jugend auch nicht vorwerfen, dass sie nach Höherem strebt, wissenschaftliche Karrieren aufnimmt und auch ins Ausland geht.

Wir müssen medizinisch hochmotivierten jungen Menschen eine Ausbildung zum "Nachbarschaftsarzt" ermöglichen, auch ohne exzellenten Notendurchschnitt und ohne ihnen viele Jahre Wartezeit auf eine Berufsausbildung aufzuerlegen. Es gilt, das Auswahlverfahren für diesen Studiengang grundlegend zu reformieren. Es könnte einfacher sein, in der Provinz Patient und auch Arzt zu sein.

Dr. Barbara Khanavkar,

Vietze

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