Online: 10.02.2015 - ePaper: 11.02.2015

Der Demokratie einen Dienst erwiesen

Betrifft: Kommentar "Wendischer Witz" von Thomas Janssen (EJZ vom 31. Januar)

Den Gedankengängen des EJZ-Redakteurs möchte ich gar nicht erst folgen. Da bekomme ich einen Knoten im Hirn, und das ist noch die freundlichste Formulierung, die ich im Moment finde. Zur Erinnerung: der "Wendenpass" wurde auf einer Veranstaltung der Grünen im Dannenberger Ostbahnhof vorgestellt und die hieß "Infotour freiheit#vernetzt#sichern ­ digitale Bürgerrechte in Zeiten von NSA & Edward Snowden". Vor Ort (neben den Zuhörern) waren: Dr. Konstantin von Notz (MdB, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss) und Dr. Constanze Kurz (Chaos-Computer-Club), moderiert wurde von MdB Dr. Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik. Die Besetzung darf man getrost als hochkarätig bezeichnen.

Schade, dass Herr Janssen nicht vor Ort war. Dass die Dannenberger Bürgermeisterin Elke Mundhenk den Pass im Anschluss an die hochinformative Veranstaltung schmunzelnd vorstellte, konnte Herr Janssen leider nicht mitverfolgen. Humor scheint auch nicht seine starke Seite zu sein.

Manchmal kommt die Bedrohung eines Gemeinwesens eben nicht von außen, sondern von innen, und da lohnt es sich, die Tätigkeiten der NSA und anderer Geheimdienste mal unter die Lupe zu nehmen. Und aus dieser Perspektive hat Herr Snowden unserer Demokratie einen unglaublichen Dienst erwiesen. Gute Freunde sind eben kritische Freunde, und aus meiner Sicht will Herr Snowden das westliche Wertesystem nicht besudeln oder gar zerstören (wie von Hernn Janssen unterstellt), sondern retten.

Dass die Geheimdienste in den USA schäumen vor Wut, ist verständlich. Das tut jedes Kind, wenn es ertappt wird. Interessant ist aber: Wobei ertappt? Die NSA baut gerade mit einem Milliarden-Etat das größte Rechenzentrum auf, das nach meinen Informationen die westliche Welt je gesehen hat, und da geht es um die totale Kontrolle von Internet und Telefon. Nicht wirklich beruhigend aus meiner Sicht, zumal es ein offenes Geheimnis ist, dass die Internetknotenpunkte weltweit angezapft sind. Ganz real gibt es aber schon etwas, was uns wirklich zu denken geben sollte, weil es unsere gesamte Infrastruktur lahm legen könnte: Stuxnet (und vermutlich schon weiter entwickelte Nachfolger). Schadsoftware, die unter anderem von der NSA mit mehrstelligem Millionenaufwand programmiert wurde, um die Zentrifugen der iranischen Atomindustrie zu (zer-)stören, aber eben auch andere Industrieanlagen (Kraftwerke zum Beispiel).

Die angegriffene Siemenssteuerung ist weltweit verbreitet und in keiner Weise auf Angriffe dieser Art vorbereitet. Der "cyber war" (Krieg per Internet) ist seit Jahren in vollem Gange, und "keiner hat´s mitbekommen". Heiligabend kommt eben jedes Jahr wieder völlig überraschend. Wenn Sie wirklich mal über das Thema angemessen berichten wollen, dann kontaktieren Sie doch vorher mal das BSI in Bonn oder den CCC in Hamburg - oder besuchen Sie die Infotour.

Arno Freihold, Vietze

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